100. Geburtstag

Heidi Kabel bleibt für immer Deern der Herzen

Heidi Kabel, die nächsten Mittwoch 100 Jahre alt geworden wäre, lebt in den Erinnerungen vieler Hamburger weiter. Der Star des Ohnsorg-Theaters wird deshalb noch einmal mit Veranstaltungen und Sondersendungen gefeiert.

Als Heidi Kabel vor 20 Jahren mit Horst Lietzberg vom Abendblatt über ihren damals bevorstehenden 80. Geburtstag sprach, klang das Interview wie das Vermächtnis eines erfüllten Lebens. Deshalb drucken wir Fragen und Antworten aus dem Jahr 1994 noch einmal – zusammen mit vielen Bildern.

Hamburger Abendblatt: Wie stehen Sie zur Jugend? Ist sie Ihnen zu aufmüpfig?

Heidi Kabel: Wer drei Kinder und fünf Enkel hat und sich mit allen gut versteht, kann nur ein gutes Verhältnis zur Jugend haben. Es ist das Recht junger Leute, aufmüpfig zu sein. Und ich bin begeistert, wenn ich an die mutigen Umweltschützer von Greenpeace denke. Weil sie sich für eine bessere Welt, weil sie sich selbstlos für andere einsetzen. Traurig indessen stimmt es mich, wenn ich an die Krawalle in der Hafenstraße denke. Diese Leute dort sind durchweg nur auf ihre eigenen Vorteile bedacht. Egoismus, der in Sprüchen gipfelt wie „das steht mir zu“ oder „das habe ich zu verlangen“, mag ich nicht.

Was halten Sie von der Hilfsaktion für den Turm des Michel? Sind Wahrzeichen und Denkmäler wichtig in unserer schnelllebigen Zeit?

Kabel: Ja, absolut. Und deshalb finde ich die Hilfsaktion sehr sinnvoll. Aber vergessen sollte man auch nicht die Nikolai-Kirche. Um ein Mahnmal zu schaffen für alle Menschen, gleich welcher Hautfarbe, und für alle Religionen. Wahrzeichen und Denkmäler sind, meine ich, wichtiger denn je. Wenn ich so mit jungen Leuten spreche, muss ich immer wieder feststellen, dass sie von der Vergangenheit wenig Ahnung haben. Und das ist schade. Wahrzeichen können die Erinnerung wachhalten.

Hat es Sie bei Ihrer breiten Popularität nie gereizt, auf der politischen Bühne mitzumischen ?

Kabel: Nein. Ich glaube, ich bin dafür zu offen. Ich kann nicht mit Menschen zusammenarbeiten, die ich innerlich vollkommen ablehne. Aber genau das müsste ich in der Politik tun. Ich wähle eine Partei immer nur nach ihren Köpfen. Und seit Helmut Schmidt ist mir da keiner mehr erschienen.

Was waren Ihre schwersten Stunden und was Ihre glücklichsten?

Kabel: Meine schwerste Stunde war, als man mir die Nachricht vom plötzlichen Tod meines Mannes ins Theater brachte. Die glücklichsten waren die Geburten meiner drei Kinder. Daran denke ich oft und gern zurück. Na ja, und dann kamen meine Enkel, jetzt 25, 24, 14, zwölf und elf Jahre alt. Übrigens, Großmutter sein ist wunderschön. Man hat eine Riesenfreude und doch nicht die Verantwortung wie bei den eigenen Kindern. Wenn sie mit einem so schnacken – herrlich. Mein ältester Enkel hat zwar Jura studiert, macht aber als Schauspieler bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg mit. Ist das nicht großartig?

Heidi Kabel - mehr als eine Volksschauspielerin

Überall leidet die Umwelt. Sind Sie trotzdem optimistisch für die Zukunft und können sich vorstellen, dass wir bald wieder – wie Sie früher – in der Elbe baden können?

Kabel: Ich bin da sehr skeptisch. Weil die Menschen zu egoistisch sind. Die Autos werden immer größer, man will unbedingt den Nachbarn übertreffen. Maßlosigkeit auf jedem Gebiet. Müll wird einfach in die Teiche geworfen, und die Ozon-Gefahr nehmen wir zur Kenntnis – mehr nicht. Jeder hofft vom anderen, dass der sich vorbildlich verhält und leistet sich selbst jede Freiheit. Diese Einstellung stimmt mich pessimistisch.

Die Politik ist durchsetzt von Worthülsen, Phrasen und Selbstbedienung. Was muss passieren, damit das wieder anders wird?

Kabel: Leider versucht heute fast jeder Politiker, erst einmal sein eigenes Nest zu bauen. Am liebsten mit Steuergeld. Profit ist das Schlagwort der Stunde. Und das ist auch der Grund, weshalb es vielen Kindern dreckig und vielen Alten so schlecht geht. Wer denkt denn noch an die Generation der Trümmerfrauen? Von Politikern hören wir doch nur schöne Worte, billige Phrasen. Aber wo gibt es denn noch Menschen in Politik und Regierung, die – wie einst Helmut Schmidt – mal mit der Faust auf den Tisch hauen und ihren eigenen Parteifreunden die Leviten lesen? Heute wird doch nur um lukrative Posten gebuhlt, um sich die Taschen vollzustopfen und dann noch kühn zu behaupten, man tue das alles für Deutschland. Andere Männer braucht das Land. Aber nicht nur einen, sondern ein paar Hundert.

Haben Sie eigentlich immer noch Lampenfieber?

Kabel: Es nimmt mit dem Alter sogar noch zu. Früher ging ich unbefangen und mit dem Schwung der Jugend auf die Bühne. Heute, mit den Jahren, spürt man doch mehr die Verantwortung, die man gegenüber dem Publikum hat. Man möchte alles aus sich herausholen. Darauf haben die Zuschauer einen Anspruch.

Es gibt ganz wenige, die sich als echte Volksschauspieler bezeichnen können. Sie sind eine echte, vom Volk geliebte Schauspielerin. Macht Sie das stolz?

Kabel: Ja, auch wenn es Menschen gerade unter den Kritikern gibt, für die der Begriff Volksschauspieler etwas Abwertendes, Plumpes und Vulgäres an sich hat. Diese Meinung halte ich für sehr einfältig. Denn was kann schöner sein, als vom breiten Publikum gemocht zu werden? Für mich ist Volksschauspielerin das höchste Prädikat.

Sprechen Sie privat eigentlich auch plattdeutsch?

Kabel: Vor allem wenn ich so richtig in Fahrt bin und meine Meinung ganz ungeschminkt sagen will. Der Grund: In Platt hört sich vieles nicht so böse an.

Wie finden Sie unsere Fernsehprogramme?

Kabel: Am besten gefallen mir die Sendungen mit Dieter Hildebrandt. Den könnte ich jeden Abend hören und sehen. Was die vielen Serien angeht – oh Gott! Da haben wir auch wieder dieses Profitgebaren. Kommt mal eine Serie gut an, werden gleich 20 andere nachgeschoben. Schön billig produziert, mit wenig bekannten Schauspielern – Hauptsache, die Kasse stimmt. Leider berücksichtigt man im Fernsehen viel zu wenig, dass auch Kinder zuschauen. Sie bekommen Schießereien, Morde und Bettgeschichten en masse zu sehen. Hat denn noch keiner beim Fernsehen gemerkt, dass Kinder wahnsinnig aufnahmefähig und sehr empfindlich sind? Man kann bei Kindern viel kaputt machen. Und ich finde, das Fernsehen hat bei ihnen viel kaputt gemacht. Warum haben wir denn die vielen dem Fernsehen nachempfundenen Überfälle und Schießereien und die Grausamkeiten bei den Kindern untereinander? Wie viele Menschen teilen ihr Leben schon nach den Fernsehsendungen ein und haben keine Zeit mehr für ihre Kinder. Sie geben ihnen ein paar Mark und schicken sie in die Pizzeria, damit sie in Ruhe vor der Glotze sitzen können. Was sind das nur für Zustände! Darüber sollten die Fernseh-Verantwortlichen vielleicht mal nachdenken ...

Ärgert Sie eine negative Kritik in der Zeitung?

Kabel: Na klar, und besonders dann, wenn ich sie als ungerecht empfinde. Das Märchen, Künstler würden ihre Kritiken nicht lesen, trifft jedenfalls auf mich nicht zu. Ich lese sie alle. Früher habe ich sie sogar ausgeschnitten. Aber die Zeit nehme ich mir nicht mehr.

Wie denken Sie über die Emanzipation?

Kabel: Es ist bedauerlich, dass darüber noch immer und so viel gesprochen wird. In Notzeiten haben die Frauen stets ihren Mann gestanden. Das war selbstverständlich. Denken wir nur an Krieg und Nachkriegszeit. Und heute tun sie’s auch. Was soll also das ganze Gerede? Damit wollen sich Politiker oder Emanzen doch nur wichtig machen.

Sind Sie für die Stilllegung von Atomkraftwerken?

Kabel: Man könnte mich ebensogut fragen: Sind Sie für Kohle- oder Öl-Kraftwerke, die die Luft verpesten und die Ozonschicht vernichten helfen? Solange wir Menschen uns nicht einschränken können, sehe ich kaum Alternativen, wenngleich ich mir wünsche, dass viel mehr in saubere Wind- und Solar-Energie investiert würde.

Wie stehen Sie zum Sex in den Medien ?

Kabel: Wir waren früher fürchterlich verklemmt. Mehr Freiheit und vor allem Natürlichkeit wären schon gut gewesen. Schließlich ist Sex etwas Natürliches und Schönes. Die Auswüchse allerdings, die heute die Medien überschwemmen, sind oft widerlicher Schweinkram und haben nichts Erotisches mehr an sich.

Hatten Sie jemals Angst vor Alter und Falten?

Kabel: Nein. Wenn man eine glückliche Ehe geführt und drei Kinder hat, ist der Altersprozess kein Problem, weil jede Phase neue und oft sehr schöne Überraschungen und Erkenntnisse mit sich bringt. Alter darf nur nicht von Krankheit und Leiden begleitet sein; Alter darf nicht wehtun. Was die Falten angeht: Es sind Linien, die das Leben gezeichnet hat. Sie reflektieren Arbeit, Freude, Kummer, Glück und vieles andere. Sie sind also ein Spiegelbild des Menschen, und es gibt wohl keinen Grund, sich dessen zu schämen und Angst davor zu haben.

Sie haben jetzt monatelang fürs Femsehen gedreht und scheuen auch anstrengende Theater-Tourneen mit langen Überlandfahrten nicht. Wie schaffen Sie das?

Kabel: Arbeit erhält jung, lebensfroh, fit und geistig beweglich. Außerdem habe ich dadurch auch viele Erfolgserlebnisse. Wenn der Applaus verklungen ist, überkommt mich jedesmal ein tiefes inneres Glücksgefühl. Und ich sage mir dann: Schön, dass du das erleben darfst. Wenn es manchmal sehr anstrengend war und ich so richtig kaputt bin, dann denke ich zurück an die Bombennächte in Hamburg, als ich mit meinen Kindern im Bunker saß und morgens um 6 Uhr schon kilometerweit zum Einkaufen laufen musste, weil alles in Trümmern lag. Ich habe die Schühchen meines Sohnes Jan-Rasmus heute noch. Sie sind vorne aufgeschnitten, weil sie ihm zu klein wurden. Wenn ich mal ganz ungnädig bin, hole ich sie mir aus dem Schrank – und bin gleich wieder froh, weil es uns so gut geht. Im Übrigen, jeder hat seine Sorgen. Ich lasse mir nur nichts anmerken. Vom Jammern wird’s auch nicht besser.

Hat die Arbeit Ihnen auch über den Verlust Ihres Mannes Hans Mahler, mit dem Sie 33 Jahre verheiratet waren, hinweggeholfen?

Kabel: Die Kinder und die Arbeit haben mir immer geholfen. Denn von außen bekommt eine Witwe nur selten Trost. Den Schmerz, den man hat, versteht sowieso keiner. Als Witwe darf man sich nicht bemuttern und betüdeln lassen. Aber ich hatte zum Glück meine Kinder und meine Arbeit.

Haben Sie schon einmal an den Ruhestand gedacht?

Kabel: Solange der Kopf mitmacht und ich meine Texte nicht vergesse, werde ich Theater spielen und vor der Kamera stehen. Es ist meine Welt, die ich über alles hebe.

Ihr Leben ist geprägt von Bombennächten im Zweiten Weltkrieg, Schicksalsschlägen, aber auch von grandiosen Erfolgen und einer erfüllten Privatsphäre. Wie ist Ihr Fazit?

Kabel: Mein Leben war schön. Ich habe einen wunderbaren Beruf und eine gute Familie, in der es zwar auch mal zischt und donnert, in der es aber letztlich immer harmonisch zugeht. Es war mir möglich, mein Leben still und zufrieden zu leben, ohne mich mit Schmuck zu behängen. Solche Äußerlichkeiten haben mir nie viel bedeutet. Natürlich hatte auch ich wertvolle Andenken. Aber die haben sie mir ja nun geklaut. Ich bin deswegen nicht traurig, weil mir anderes mehr bedeutet.

Und was sind Ihre Wünsche an die Zukunft?

Kabel: Ich möchte ab und zu noch spielen können und gute Freunde um mich herum haben. Außerdem, dass meine Familie glücklich lebt und dass die Enkel es zu etwas bringen, damit sie unabhängig sind.