„Guck mal hier, Papa!“

Es wächst und wächst, und nächstes Jahr kommen schon wieder zwei Länder dazu: Matthias Iken und Bertold Fabricius (Fotos) auf Tour durch das Miniatur Wunderland und seine seltsame Geschichte.

Die weißen Flecken auf der Weltkarte sind auf den ersten Blick kaum zu erkennen: Die Mikronesier – ausgerechnet – fremdeln noch mit dem Miniatur Wunderland und die Bewohner von Antigua,Barbadosundvon St. Lucia. Aus allen anderen Ländern haben Menschen die Welt im Maßstab 1:87 schon bereist, selbst aus dem Vatikan kamen sieben Gäste. Und der Zähler vor dem Ausgang in der Speicherstadt springt von Sekunde zu Sekunde weiter. Fast zwölf Millionen Gäste haben das Wunderland bis heute besucht. Aus einer irren Idee ist ein wahnsinniger Erfolg geworden. Das kleine Land in der Speicherstadt ist längst zur großen Attraktion geworden. Internationalen Befragungen zufolge liegt das Modell unter den Dauerausstellungen in Europa noch vor dem Centre Pompidou in Paris und den Galerien der Uffizien in Florenz auf dem siebten Rang. Die Analyse von Online-Bewertungsportalen zeigt, dass sich Hamburg-Besucher aus dem Ausland über das Miniatur Wunderland zehnmal häufiger austauschen als über die HafenCity und doppelt so häufig wie über den Hamburger Hafen.

Das Faszinosum „eine Welt im Maßstab 1:87“ ist in den alten Gebäuden der Speicherstadt zum Greifen. Im Sekundentakt blitzen Kameras auf, kleine Finger weisen aufgeregt auf Details im Wunderland, Silberlocken wiegen sich mit einer Mischung aus Begeisterung und Fassungslosigkeit. Die Sätze sind kurz, aufgeregte „Guck-mal-Papa,-hier“-Schreie wechseln sich ab mit „Nicht-anfassen,-Leon“-Ermahnungen, englische Sprachfetzen vermengen sich mit dänischen und bayerischen. Man weiß nicht, wohin der Blick schweifen soll – auf die Gäste, die sich laut Umfragen zu 98 Prozent begeistert äußern und wiederkommen wollen, oder auf die zahllosen Details der Modell-landschaft. Eine Schafherde blockiert eine Landstraße, in Knuffingen demonstrieren die Menschen für die Rente mit 30, zwei Außerirdische spielen in den USA Basketball, in einem Sonnenblumenfeld verlustiert sich ein Liebespaar, im Wasser treibt eine Leiche. Das Wunderland erzählt Alltägliches, inszeniert Außergewöhnliches – und erfindet Absurdes wie die Mondlandung in einem Fernsehstudio oder die Verschwörung einer geheimen Weltregierung, in der natürlich auch das Wunderland ständiges Mitglied ist.

Alles begann an einem heißen Sommertag in einer Zürcher Gasse. Frederik Braun war dort im Juli 2000 mit zwei Freundinnen unterwegs. Zu dieser Zeit betrieb er mit seinem Zwillingsbruder erfolgreich die Diskothek Voila in Eilbek, die Reise sollte eine Auszeit vom anstrengenden Leben im Tanzpalast sein. „Ich hatte damals keine große Lust mehr auf das Nachtleben“. Eine Mischung aus Langeweile und Zufall – die Frauen wollten noch Fonduekäse kaufen – trieb Braun in das Geschäft gegenüber, einen kleinen Modelleisenbahnladen. Hier kam ihm die Idee eines gigantischen Wunderlands, gleich darauf rief er seinen Zwillingsbruder in Hamburg an. „Ich dachte, er ist verrückt geworden“, erinnert sich Gerrit Braun heute an das folgenreiche Telefonat. „Ich fragte ihn: Hast du einen Sonnenstich?“ Doch Frederik ließ nicht locker; noch am selben Abend war sein Bruder überzeugt. Er sollte für lange Zeit der Einzige bleiben.

Denn egal, mit wem die beiden sprachen, sie ernteten Spott, Kopfschütteln und gut gemeinte Ratschläge. Eine Modelleisenbahn? Wer soll sich so etwas anschauen? Zumal schon damals dieses Hobby mehr und mehr aufs Abstellgleis geriet. Heute führt kaum noch ein Spielwarengeschäft Märklin und Co. im Sortiment. „Der Markt schrumpft“, sagt auch Gerrit Braun. „Die Kinder leben in einer virtuellen Welt, da ist eine Modelleisenbahn viel zu langsam und teuer.“ Das hielt die Brüder aber nicht davon ab, einen Versuch zu wagen. Über das Internet schrieb Frederik nachts Tausende wildfremde Internetnutzer an und fragte sie, welche Tourismusziele sie in Hamburg besuchen wollten. Neben Alster, Michel, Reeperbahn schummelte Braun ein Biermuseum, ein Cyber-Space-Center und das Wunderland unter. 3000 Antworten gingen ein; während die Männer durchaus Interesse an einer Modelleisenbahn bekundeten, landete es bei den Frauen auf dem letzten Rang. Diese Marktforschung entmutigte die Brüder nicht, sondern war ihnen eine Lehre – sie mussten die Herzen der Frauen gewinnen.

Und das Vertrauen der Banken. Zwei Millionen Mark benötigten die Brüder für ihren Wahnsinnsplan, binnen weniger Monate ein Wunderland zu schaffen. Sie hatten das Glück, mit ihrem Haspa-Kundenberater einen Banker zu finden, der an den zweiseitigen Businessplan glaubte, auch gegen sämtliche Vorbehalte seines eigenes Filialleiters. Und noch ein Eisenbahnfan half dem Vorhaben aufs Gleis: Stefan Behn, Vorstand der HHLA. Er überließ den Discobesitzern zu einem sehr fairen Preis alte Kaffeelagerflächen in der Speicherstadt.

Nun fehlten nur noch geschickte Modellbauer. Die meldeten sich reichlich nach einem Artikel im Hamburger Abendblatt über den verwegenen Plan, rund 200 Menschen reichten Bewerbungen ein. „Auf der Tanzfläche unserer Diskothek bastelten wir schließlich mit 40 Hamburgern erste Modelle“, erinnert sich Frederik Braun. „Von den ersten 20, die wie verpflichteten, waren zuvor 17 arbeitslos.“ In Bayern überredete er den professionellen Modellbauer Gerhard Dauscher, Teil des Teams zu werden. Zunächst ohne Erfolg, weil dieser noch Aufträge über zwei Jahre abzuarbeiten hatte. Doch dann erlag der gelernte Werkzeugmacher den Überredungskünsten der Brauns und dem eigenen Wunsch, etwas Einmaliges für Millionen zu bauen. Dauschers Bedingung lautete: Das Team sollte ohne Modelleisenbahner auskommen, man wollte gemeinsam bei null beginnen und eine neue Welt erschaffen. Eine Welt, die eben nicht nur Märklin-Freaks fesselt, sondern Jung wie Alt, In- wie Ausländer, Männer wie Frauen.

Allein für den Flughafen Knuffingen waren 40 Erfindungen notwendig

Entsprechend frühzeitig rückte das Geschehen abseits der Gleise in den Mittelpunkt. Einer der Höhepunkte des ersten Bauabschnitts war die Feuerwehr des Modellorts Knuffingen – die regelmäßig Brände etwa im Schloss Löwenstein zu löschen hatte. Der besondere Clou: Die Feuerwehr rückt im 15-Minuten-Takt zur Brandbekämpfung aus, insgesamt fahren Hunderte Autos über die Straßen der Modelleisenbahn. Eine so komplizierte Technik hatte es vorher nicht gegeben, sie wurde in Hamburg entwickelt. Bis Sommer 2001 hatten die Bastler schon 2500 Entwicklerstunden in die Technik investiert, doch erst in der Nacht vor der Eröffnung liefen die Modellautos erstmals reibungslos. Heute steuern Computer jedes einzelne Fahrzeug, bremsen an den Ampeln, fädeln auf der Autobahn ein, steuern durch die Stoßzeiten.

Der Ehrgeiz der Brüder in der Speicherstadt wurde legendär, ihr Motto hieß stets: „Geht nicht, gibt’s nicht.“ Die Zähne bissen sich die beiden an der computergestützten Schiffsteuerung in Skandinavien aus. „In den ersten Tagen musste noch etwas nachgeholfen werden“, verrät Gerrit Braun. „Da war der ‚Computer‘ 1,80 Meter groß, stand hinter einer Säule und hatte eine Fernbedienung in der Hand.“ Ähnlich ambitioniert und anspruchsvoll geriet der Bau des Flughafens Knuffingen. Hier landen und heben im Minutentakt Maschinen ab – „allein dafür waren 40 Erfindungen nötig“, so Gerrit Braun. „Das ist ein Genie da drüben“, sagt sein Zwillingsbruder über Gerrit, den Techniker und Programmierer, der selbst im Urlaub „noch an der perfekten Ampelschaltung arbeitet“. Zusammen mit Frederik, dem Draufgänger, Macher, dem Ideengeber, bilden sie ein „optimales Gespann“. „Allein hätten wir es nie geschafft“, sagt Frederik. „Mit einem Bruder ist man risikobereiter und freut sich vielfach. Heute können wir sagen, wir sind beide so glücklich.“ Und fügt hinzu: „Als Zwilling kann ich für beide sprechen.“

Dabei gab es durchaus Zeiten, in denen es knifflig in Knuffingen wurde – gerade zu Beginn. Als am 16. August 2001 mit dem damaligen Bürgermeister Ortwin Runde die Modelleisenbahn eröffnet wurde, ahnte keiner, dass die Welt vier Wochen später ihre Leichtigkeit verlieren würde. Am 11. September, dem Tag der Terroranschläge von New York, besuchten noch 900 Leute die Schau in der Speicherstadt; einen Tag später kamen nicht einmal mehr 100. Dabei hatte der Businessplan allein für den Unterhalt der Anlage mit 100.000 Gästen im Jahr kalkuliert. Als sich die Zahlen dann zu erholen begannen, grassierte in Asien die Infektionskrankheit SARS, die WHO sprach von einer „weltweiten Bedrohung“. „Da sind wir schon nervös geworden“, erzählt Frederik Braun. Doch im Januar des Jahres 2004 wurde die erste Million gefeiert – und dann ging es Schlag auf Schlag: Jährlich kam nun ein Million hinzu. Zwei Millionen Besucher waren es bis Februar 2005, fünf Millionen bis Juli 2008, zehn bis Dezember 2012. Mit dem Besucherinteresse wuchs das Wunderland.

Die Brüder Braun erweiterten die ersten drei Bauabschnitte Mitteldeutschland, Knuffingen und Österreich, die in 60.000 Arbeitsstunden erbaut waren, um eine alte Bekannte: die Stadt Hamburg. In 95.000 Arbeitsstunden entstand zwischen 2001 und 2002 die am dichtesten besiedelte Stadt im Wunderland, mit vielen bekannten Hamburgensien wie dem Turmbläser im Michel, den Landungsbrücken, dem Tierpark Hagenbeck. Die Arena im Volkspark mit 12.500 (!) Zuschauen wiederholt bis in alle Ewigkeit – zumindest ist davon bei den beiden HSV-Fans auszugehen – das 4:3 des HSV gegen den FC St. Pauli vom 2. Dezember 2001. Nur wenige Meter entfernt liegt seit Dezember 2003 Amerika, ein etwas schrill geratener Nachbau von Mount Rushmore, dem Yosemite Nationalpark, einem Weltraumbahnhof und ein mit 30.000 LED blinkendem Las Vegas. Beschaulicher, größer und noch aufwendiger präsentiert sich Skandinavien. Über 100.000 Arbeitsstunden in zwölf Monaten dauerte es, bis im Sommer 2005 ein halber Kontinent in der Speicherstadt wuchs – von der See mit echtem Tidenhub von vier Zentimetern bis ins nordschwedische Erzabbaugebiet um Kiruna inklusive Beltbrücke, Villa Kunterbunt und Bergtrollen.

Zweieinhalb Jahre später erbrachten die Brüder den Beweis, dass man Skandinavien noch steigern kann – mit der Schweiz. Um das Matterhorn maßstabgetreu an der Elbe nachzubilden, durchbrachen die Wunderländer die Speicherdecke am Kehrwieder. Auf zwei Etagen können Besucher nun das Matterhorn bestaunen, genau 5982 Millimeter hoch. Viele halten die Schweiz, das Land, in dem alles begann, für das Meisterstück der Brauns – mit seiner liebevoll gestalteten Bergwelt, der mittelalterlichen Burg Montebello, dem Zement- oder dem voll funktionstüchtigen Schokoladenwerk und einem Freiluftkonzert mit DJ Bobo – vor 21.300 Fans. Selbst die Schweizer haben ihren Kanton im Norden lieb gewonnen – mit rund 250.000 Gästen sind sie die Spitzenreiter unter den Besuchern.

Auch Frederik Brauns Lieblingsplatz liegt am Mini-Matterhorn. „Der Blick von oben, wenn es dunkel wird, rührt mich immer noch.“ Sein Zwillingsbruder favorisiert die Feuerwache in Knuffingen: „Ich liebe es, dort zu stehen, wenn ein Brand ausbricht und die Fahrzeuge ausrücken.“

Bei allem Stolz auf die Gegenwart planen die beiden längst die Zukunft: Der 2011 eingeweihte Flughafen mit Bayern inklusive Neuschwanstein bedeutet nicht das Ende der Ausbaupläne. Seit nunmehr drei Jahren arbeiten die Modellbauer an Frankreich und Italien, gewähren erste Schulterblicke auf Ligurien. Ende 2015 soll dieser Abschnitt eröffnet werden. „Was danach kommt, müssen wir sehen“, sagt Frederik Braun angesichts der inzwischen beengten Platzverhältnisse. „Wir haben nicht genug Raum und träumen deshalb von Flächen im Nachbargebäude – vielleicht über eine Brücke verbunden. Dann können wir 20 Jahre weiterbauen.“ Großbritannien, Afrika, der Mond – Ideen gibt es viele in dem Team, das inzwischen 300 Mitarbeiter hat, 150 von ihnen Festangestellte. Ein Wirtschaftswunder, made im Wunderland.

So viel Erfolg ruft Nachahmer auf den Plan: Mit noch mehr Platz, wahnsinnigen Summen und unbegrenzten Möglichkeiten locken inzwischen Investoren aus vielen Ländern die Hamburger Brüder. „Wir hatten Hunderte von Angeboten, etwa aus Abu Dhabi, Südkorea oder aus New York.“ Bislang vergeblich. „Du schlägst es aus und fühlst dich gut danach“, sagt Frederik Braun. „Wir glauben, dass es nirgendwo so gut funktioniert wie in Hamburg.“ Eine Liebeserklärung an die Hansestadt im Maßstab 1:87, die zugleich eine der größten ist.