Jork

Im Alten Land gibt’s Saures

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Bis zu 200 Sorten Zitruspflanzen – mehr als am Mittelmeer – hegt und pflegt Bernhard Voß in Moorende. Marlies Fischer hat den Einzelkämpfer auf seinem Hof besucht.

Mit Äpfeln, Pflaumen und Kirschen wird überall im Alten Land Geld verdient. Überall? Nicht ganz. Auf einem Hof im Jorker Ortsteil Moorende wächst nicht herkömmliches heimisches Obst, sondern dort hängen Zitrus- und andere exotische Früchte an den Bäumen.

Mitten im Apfel- und Kirschanbaugebiet südlich der Elbe vermehrt Bernhard Voß bis zu 200 Sorten Zitronen, Mandarinen, Orangen, Pampelmusen und Pomelos, auch Aprikosen und Pfirsiche. So viele Zitrus-Sorten wachsen nicht einmal am Mittelmeer.

Voß’ Leidenschaft für Gehölze, die genießbare Früchte tragen, ist fast so alt wie der Mann selbst. „Als kleines Kind bin ich meinem Opa in Kirchdorf schon im Garten hinterhergelaufen und habe mir alles erklären lassen“, sagt der 53-Jährige. Erste Experimente mit einem Avocado-Kern waren zwar nicht von Erfolg gekrönt, aber Voß blieb am Ball. Gemüse und Blumen haben ihn nie interessiert, „das ist nur Kraut“. Stattdessen veredelte Voß Apfel-, Kirsch- und Pflaumenbäume. Und auch sonst hatte er bei der Gestaltung auf dem elterlichen Grundstück am Ostufer der Este Mitspracherecht. Am Ende des 3200 Quadratmeter großen Areals steht ein prächtiger Walnussbaum. „Als Schüler habe ich hier eine Nuss in den Boden gesteckt.“ Heute trägt der Baum besonders große Früchte, die im Alten Land als „doppelte Nuss“ bekannt sind.

Es war klar, dass Bäume auch bei der Berufswahl eine Rolle spielen würden. Voß machte ein Praktikum an der Obstbau-Versuchsanstalt in Jork und studierte anschließend Gartenbau sowie Biologie in Weihenstephan und Garching bei München. In der Nähe von Dachau ließ sich der gebürtige Hamburger Ende der 80er-Jahre nieder und gründete eine Töpferei. „Ich habe mal aus Spaß einen Kursus gemacht und dieses Handwerk dann immer weiter als Autodidakt verfeinert“, sagt Voß, der natürlich aus selbst getöpferten Bechern trinkt. Später kam dann die Zitrusgärtnerei hinzu, in der der Biologe Raritäten anbot, die er von seinen Reisen in den Süden mitbrachte und in Bayern vermehrte.

Seit Jahrhunderten üben Orangen und Pomeranzen, Zitronen und Kumquats auf Nordeuropäer eine besondere Faszination aus. Viele Adlige ließen sich riesige Orangerien in ihren Schlossgärten bauen, um das mediterrane Lebensgefühl standesgemäß zu kultivieren. Im Barock galten Zitrus- und Orangenbäume als Statussymbol.

1997 ging Voß aus familiären Gründen nach Jork zurück. Aber mit den Pflanzen und deren vitaminreichen Früchten klappte es nicht so wie in Bayern. „Zum einen haben nicht so viele Menschen einen Wintergarten oder ein Gewächshaus, um die mediterrane Vielfalt zu pflegen“, musste Voß erkennen. „Und zum anderen ist es hier einfach kälter, die Pflanzen müssen mehr aushalten.“ Also verlegte er sich darauf, frostharte Pflanzen zu züchten, die einen norddeutschen Winter bis -15 Grad Celsius im Freiland schadlos überstehen. „Die Pflanzen müssen robust sein, um hier klarzukommen. Es gibt weniger warme Tage, aber schwerere Böden und eine höhere Luftfeuchtigkeit, die den Pilzbefall beschleunigt.“

Sein Garten ist der Showroom und Gen-Pool von Bernhard Voß. Hier wachsen die dreiblättrige Bitterzitrone, die -25 Grad aushalten kann, und die immergrüne Zitrusart „Ichang Papeda“ sowie Walnuss-, Aprikosen- und Pfirsichbäume. Im Gewächshaus bemühen sich kleine Setzlinge in Töpfen darum, schnell groß rauszukommen. „Wasser, Nährstoffe und Temperaturen ab zwölf Grad sind für die Pflanzen optimal.“

Als Zitrusfachmann und Buchautor ist der etwas andere Obstbauer international bekannt. Gerade erst hat Voß bei den Wiener Zitrustagen in der Orangerie von Schloss Schönbrunn ausgestellt und Pflanzen verkauft. Und im Botanischen Garten von Meran am Schloss Trauttmannsdorff in Südtirol gedeihen einige Sorten von ihm. Derzeit gilt seine besondere Aufmerksamkeit der Schwarzen Aprikose (Biricoccolo), einer Kreuzung aus Aprikose und Pflaume. „Sie ist resistenter gegen Blütenfröste und damit eine Alternative in den kälteren Klimazonen Nordeuropas“, sagt Voß. „Dieser Baum kann ungeschützt im Freiland stehen und gibt schöne Früchte für Frischverzehr und Marmelade.“ Für empfindlichere Aprikosen baut er gerade eine Überdachung auf seinem Grundstück.

Mit seiner Begeisterung für Gehölze steht Bernhard Voß in seiner Familie weitgehend allein da. Seine Frau ist Sozialarbeiterin, die Tochter macht eine kaufmännische Ausbildung, der jüngste Sohn geht noch zur Schule. Nur Sohn Simon macht mit bei Vaters Wintervergnügen, der Baumpflege. „In der kalten Jahreszeit kann ich ohnehin keine Zitrus-Gehölze veredeln“, sagt der Botaniker. Also klettert er auf Bäume, beschneidet Baumkronen, entfernt Totholz oder fällt Bäume, die umzustürzen drohen. „Das macht auch Spaß. Aber meine Liebe für die Zitruspflanzen wird immer an erster Stelle stehen.“

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