Der rote Faden

Brigtte Huber ist verliebt in guten Journalismus

Die 49-Jährige hat Karriere gemacht, eben weil sie es nicht unbedingt wollte. Karolin Jacquemain über die Chefredakteurin von Deutschlands wichtigster Frauenzeitschrift und den Blick über den thematischen Handtaschenrand.

Der rote Faden zieht sich durch die Stadt: Er verbindet Menschen, die einander schätzen, bewundern, überraschend finden. Sie entscheiden, an wen sie ihn weiterreichen: an andere, die hier arbeiten, Besonderes für die Stadt leisten, als Vorbildgelten. Brigitte Huber bekam den Faden von Stephen Williams und gibt ihn an Teresa Steinmüller und Nina Schmedt von der Günne weiter.

Sie hatte es sich ganz kuschelig eingerichtet in der zweiten Reihe. "Ich musste Ende 30 werden, um mir auch die erste Reihe zuzutrauen", sagt Brigitte Huber. Vor wenigen Wochen hat sie die alleinige Chefredaktion der "Brigitte" übernommen, dem führenden Frauenmagazin auf dem Zeitschriftenmarkt. Stephan Schäfer, bisheriger Co-Chef, hat sich Richtung Vorstand verabschiedet. Es ist also nicht selbstverständlich, dass Huber mitten in Sturmzeiten im Gruner+Jahr-Verlag für Milchkaffee und zweistündiges Geplauder zur Verfügung steht. Aber sie scheint der Typ Frau zu sein, den so leicht nichts umhaut, erst recht kein voller Terminkalender. Was sie tut, tut sie mit Ruhe. Kein einziges Mal schaut sie während des Gesprächs auf ihr Handy. Sie hat es erst gar nicht aus der Tasche geholt.

Brigitte Huber ist die Frau mit der vielleicht lässigsten Karriere im deutschen Verlagsgeschäft. Ohne Auftrittsverbissenheit ist sie ganz oben angekommen. Ist nicht ins Chefsein verliebt, sondern in guten Journalismus. Neben dem Vollzeitjob hat sie zwei Söhne großgezogen, war viele Jahre alleinerziehend. Weshalb man Huber einen Satz wie diesen gern glaubt: "Ich möchte Frauen ermutigen, sich öfter mal zu trauen. Spring einfach und mach's! Es gibt nichts Blöderes, als fünf Jahre später einer Chance nachzutrauern." Huber ist oft gesprungen im Leben. Vom "Trostberger Tagblatt", ihrer Heimatzeitung, wo sie parallel zum Germanistikstudium Kaufhausmodenschauen rezensierte und CSU-Parteitreffen abklapperte, an die Deutsche Journalistenschule in München. Von der Arbeit als freier Journalistin für das Frauenmagazin "Freundin" in die Position der stellvertretenden Chefredakteurin des Blattes. Meetings bis in die Abendstunden statt Texteschreiben im Schlafanzug.

Später tauschte sie, der Familie wegen, die München-Heimat gegen Othmarschen als neuen Lebensmittelpunkt. Mehr Kinder, weniger Job sollte es jetzt für ein paar Jahre heißen. Aber wie das Schicksal es manchmal eben anders will, bog der damalige "Brigitte"-Chef Andreas Lebert mit dem Leckerbissen des Vize-Posten um die Ecke. Ein Angebot, das wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge passte. "Nicht nur wegen der dusseligen Vornamensgeschichte", sagt Brigitte Huber. Zehn Jahre ist es her, dass sie als stellvertretende Chefredakteurin bei dem Magazin anfing, das heute knapp 570.000 Exemplare verkauft und nächstes Jahr 60-jähriges Bestehen feiert. Sie schätzt vor allem die Substanz des Blattes. Den Blick über den Handtaschenrand hinweg.

Gesellschaftlich relevant sei die "Brigitte", sagt Huber; Zeitgeistthemen wie Betreuungsgeld und künstliche Befruchtung spielen eine wichtige Rolle. Damit unterscheidet sich die Zeitschrift von der Wellness-Banalität anderer Heftchen, die aufdecken, welche Sonnenbrillenmarke amerikanische Schauspielerinnen tragen und dass man sich in diesem Sommer ohne Bastschuhe mit Monsterabsätzen besser nicht auf die Straße wagen sollte. Mode, Kochen, Schönheitstipps fände sie mittlerweile auch spannend, sagt Huber diplomatisch. Aber man spürt: Ihr Herz schlägt für Geschichten, die, wenn schon nicht die Lebensumstände, dann doch wenigstens den Blickwinkel verändern. Sie mag Porträts, die dem Leser einen neuen Blick auf Menschen ermöglichen. Artikel, die vorgefertigte Meinungen über den Haufen werfen.

Brigitte Hubert ist leidenschaftliche Leserin. Am liebsten morgens im Bett mit einer Tasse Tee. Und sie ist im Herzen eine Schreiberin mit Riecher für gute Geschichten geblieben, auch das unterscheidet sie von solchen Chefs, die top sind im Zahlenjonglieren, aber genauso gut Hundefutter und Klopapier verkaufen könnten wie Zeitungen. Sie würde den Job nicht machen wollen, wenn sie nur noch "Führungsaufgaben" bewältigen müsste, sagt Huber. Schließlich war ihr Traumberuf lange Zeit Chefreporterin. Nicht Chefredakteurin. Man hat ihr schnell viel zugetraut, sie ist an diesen Aufgaben gewachsen. Heute, im Alter von 49 Jahren, umweht sie die Souveränität derjenigen, die ihr Leben in die Hand genommen hat. Warum warten, bis das Glück sich bequemt vorbeizuschauen. Spring einfach und mach's. Bevor Brigitte Huber spricht, überlegt sie stets einen kurzen Moment. Sie will auf jeden Fall etwas Verbindliches, Gültiges sagen. Geplapper ist nicht ihr Ding. Sie lacht viel; man kann sie sich prima abends beim Bier mit Freunden vorstellen.

Den Redigierstift nach einem langen Arbeitstag fallen zu lassen, fällt ihr nicht schwer. Kino, Ausgehen in Ottensen, Joggen an der Elbe, "nach zehn Stunden Büro muss es dann auch mal gut sein", sagt sie. Nur auf das sogenannte "Runner's High" wartet sie bislang vergeblich. "Ich kann auch sehr gut ohne Sport. Aber meine vollgepackten Tage kriege ich besser auf die Reihe, wenn ich mir Zeit für das Laufen nehme. Außerdem bin ich seither fast nie krank." Disziplin ja, Perfektionismus nein. Den hat sie sich mühsam abgewöhnt. Es fanden halt mal eine Schulaufführung oder ein Kinderturnen ohne sie statt. Auch im Job hat sie Loslassen gelernt. "Schwer war's vor allem bei Dingen, von denen ich dachte, dass ich sie besonders gut kann." Leicht dagegen fiel es ihr in Haushaltsdingen, beim Fensterputzen und Saugen. Ein paar Staubflocken haben noch niemanden um seinen Seelenfrieden gebracht. Aus dem Kühlschrankinhalt ließ sich immer irgendetwas Essbares auf den Tisch zaubern. Lieber übernahm die junge Mutter in der Journalistenausbildung noch einen Studentenjob und leistete sich von dem Geld eine Putzfrau.

Brigitte Huber ist keine Grüblerin. Sie entscheidet schnell und aus dem Bauch heraus. Was auch viel klüger ist, wie sie gerade erst wieder gelesen hat. Wer zu lange nachdenkt, verliert den Instinkt für das Richtige; die Fallhöhe selbst klitzekleiner Nebensächlichkeiten wächst in himmelweite Höhen. Nicht von ungefähr plädiert auch die "Brigitte" beinahe mantraartig, auf die innere Stimme zu hören. Elogen auf das Bauchgefühl gehören im Heft zum guten Ton. Vielleicht ist auch die Entscheidungsfreudigkeit ein Grund dafür, dass Huber auf einmalige Weise in sich zu ruhen scheint. Sie ist konzentriert, ganz im Hier und Jetzt, in ihrem Gesicht liegt eine große Klarheit. Love it, change it or leave it. Das ist ein Lebensmotto. Auch wenn es ein bisschen holzschnittartig klingt, wie sie gleich hinterherschiebt. "Das Leben ist zu kostbar, um in Situationen zu verharren, die einen nicht glücklich machen", sagt sie. Gehe ich montags gern ins Büro? Die Frage ist weniger banal, als sie beim ersten Hören klingen mag.

Ein weiterer Satz, den Brigitte Huber sich ins innere Notizbuch geschrieben hat, ist dieser: "Man kann im Leben nichts verpassen." Eigentlich stammt er von dem Schweizer Schriftsteller Martin Suter und meint: Wenn ich in jeder Sekunde zig Millionen Alternativen habe, ist es im Grunde auch schon wieder egal, was ich tue. Oder anders gesagt: Wenn sich das Leben halbwegs richtig anfühlt, wird's so falsch nicht sein. Nicht ständig verpassten Chancen hinterherzujammern, bei dieser Einstellung habe ihr das frühe Muttersein geholfen, sagt Huber. Die Freunde reisten damals zwei Monate mit dem Interrail-Ticket quer durch Europa, sammelten Lebenslaufpluspunkte mit Auslandspraktika, während die damals 19-jährige Huber Windeln wechselte. Störte sie aber nicht, Familie war immer ein Lebensziel. Freiheit, Fernreisen, das kommt schon alles wieder, sagte sie sich. Sie hat recht behalten. Als sie 40 Jahre alt war, machte sie mit ihrem Sohn einen Städtetrip nach New York. Zuletzt reiste sie mit ihrem Lebensgefährten nach Marokko und durch amerikanische Nationalparks. "Man kann alles im Leben haben - nur eben nicht zur selben Zeit", sagt Brigitte Huber.

Womit man dann beim fast schon unanständig auf der Hand liegenden Thema Frauenquote ist. Fast überflüssig zu sagen, dass Huber eine Quotenbefürworterin ist. "Wenn wir etwas durch Quote erreichen, sind wir immer noch genauso gut wie die Männer." Das ist ihr Standpunkt. Zum Glück ständen die Zeichen seit ein paar Jahren ohnehin auf Veränderung. Vor allem bei Frauenmagazinen übernehmen immer mehr Frauen das Ruder. Es sei schließlich absurd, sagt Huber, wenn sich Chefs um sieben Ecken überlegen, wie man ein Thema "weiblich" aufzieht. Huber ist keine, die das ganze Leben durch die Frauenbrille betrachtet. Aber windelweiche Kompromisse und Flexi-Quoten sind ihr auch zu dumm. "Jetzt ist die Stunde der Frauen, in der sich unglaublich viele Türen öffnen", sagt Brigitte Huber. Es klingt nicht missionarisch, sie stellt nur fest.

Sitzt man ihr gegenüber, fällt einem der ausgereizte Begriff "geerdet" ein. Aber er passt. Sie schwebt mit dem Kopf nicht in gläsernen Chefetagen, sondern steht mit beiden Beinen im Leben. Schon als junge Journalistin war ihr klar, dass sie nicht Karriere machen und dafür emotionale Mangelerscheinungen in Kauf nehmen wollte. Eine Chefredakteurin mit Kindern - das gab es zur damaligen Zeit nicht. "Ich habe mir schon Gedanken gemacht, ob das tatsächlich unmöglich ist", sagt Huber. In ihrem Fall klappte es, ohne dass sie unterwegs 17 Burn-out-Attacken erlitt. Schlaflose Nächte, hat Brigitte Huber sich einmal geschworen, dürften ihr nur die beiden Söhne bereiten. Niemals der Job. Dazu lächelt sie wie jemand, der ausgesprochen gut schläft.