Himmel & Elbe

Immer ein Licht am Horizont: Was uns zuversichtlich macht

Auf dem Meer ist es am schönsten, wenn man den Horizont und die Sonne sieht. Das gibt Zuversicht.

Auf dem Meer ist es am schönsten, wenn man den Horizont und die Sonne sieht. Das gibt Zuversicht.

Foto: Getty Images/iStockphoto

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Manchmal trägt man Zuversicht wie Schminke auf. Immerhin! Dann zieht man mit ihr die Falten glatt, hellt Sorgen etwas auf, mischt Farbe in trübe Gedanken. „Alles wird gut!“, bestärkt man andere und lächelt trotzig in den Spiegel. Die Hoffnung stirbt zuletzt! Auch wenn es den Weg oft nicht verändert, geht man ihn ein wenig mutiger, entschlossener – zumindest ein Stück.

Aber nicht immer leuchtet das Lichtlein am Ende des Tunnels so hell, wie man es beschwört. Berichte und Erlebtes, Diagnosen und Prognosen verdunkeln den Blick nach vorne, der Zweifel wächst: Wie soll die Krankheit, der Streit, der Bruch, die Krise, die Pandemie nur einen guten Ausgang nehmen? Woher können wir dann Zuversicht nehmen, die nicht nur das Gesicht schminkt, sondern auch Herz und Seele erreicht?

Ratgeber geben gern kluge Tipps

In unzähligen Lebensratgebern findet man schnell ein paar griffige Tipps für einen optimistischeren Zukunftsblick: „Glaube und handle so, als sei es unmöglich zu scheitern!“ Oder: „Erinnern Sie sich an Erfolge!“ Natürlich stecken in diesen Ratschlägen teils kluge Gedanken, um die „Kraft der Zuversicht“ zu trainieren. Das alte Wort „Zuversicht“ aber geht in der Einübung des „Positiven Denkens“ nicht auf. Im 10. Jahrhundert beschrieb das althochdeutsche „zuofirsiht“ ein „ehrfurchtvolles Aufschauen, Hoffen“.

Dieses „sich zu jemanden versehen“ hatte in erster Linie mit Gott zu tun. Weil man Gott an der eigenen Seite sah, konnte kommen, was wolle. Erst später erweiterte sich die Bedeutung: Die Hoffnung auf eine positive Entwicklung in der Zukunft wurde mit Selbstvertrauen und der eigenen Stärke verknüpft. Stöbert man in der Bibel, so taucht das Wort „Zuversicht“ vor allem dort auf, wo von Not und Bedrängnis erzählt wird.

Ein Gebet kann Halt und Orientierung geben

Oft bleibt nur das Gebet: „Sei mir ein starker Fels, zu dem ich immer fliehen kann, der du zugesagt hast, mir zu helfen; denn du bist meine Zuversicht, mein Gott!“ (Psalm 71). Gott allein wird zugetraut, dass er aus „dunkel hell macht, aus Unglück Glück, aus Verzweiflung Hoffnung, aus verschlossenen Türen offene Wege!“ (Psalm 107).

Ob diese Wege zur Erfüllung der eigenen Wünsche führen, ist dabei keineswegs sicher. Aber darum geht es auch weniger. Zuversicht ist nicht der verheißungsvolle Blick auf eine goldene Zukunft, in der endlich sein wird, nach dem man sich gerade sehnt. Sie ist vielmehr die Vergewisserung hier und jetzt, Halt und Orientierung trotz allem zu haben: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.“ (Psalm 23).

Weltbekanntes Trostlied nach Anstellung als Lehrer

Der Dichter und Musiker Georg Neumark musste durch einige solcher Täler. Als junger Mensch brach er um 1640 voller Leidenschaft zum Studium nach Königsberg auf, doch alles kam anders: Er wurde von Wegelagerern überfallen und verlor alles. Nirgendwo, auch nicht in Hamburg, wollte man ihm trotz seiner außerordentlichen Begabung eine Stelle geben. Erst nach gut zwei sorgenvollen Jahren voller Absagen und geschlossener Türen fand er eine Anstellung als Hauslehrer in Kiel. Ein unverhofftes Glück – für den 20-jährigen Neumark ganz klar ein Geschenk des Himmels.

Noch am selben Tag setzte er sich hin und schrieb voll Dank und Freude ein siebenstrophiges Trostlied, das heute zu den bekanntesten Kirchenliedern gehört: „Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderlich erhalten in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand gebaut.“

Man kann nicht alles im Leben planen

Die Erfahrung, dass Pläne jäh durchkreuzt, nicht alle Ziele erreicht und so manche Wünsche wohl nicht erfüllt werden, gehört zum Leben. Nicht erst die Corona-Pandemie macht das gerade bewusst. Ganz entgegen der verbreiteten Lebenseinstellung, Dinge planen, angehen und schließlich umsetzen zu können, gibt es immer wieder Zeiten im Leben, da überwiegt die Ungewissheit.

Man spürt: Der Ausgang der Krise liegt nicht mehr allein in der eigenen Hand. Die Ohnmacht verbraucht mehr und mehr Energie, weil man sie nicht hinnehmen will, was müder und mürber werden lässt. Man ahnt, dass die Bemühungen, sich seine eigene Zuversicht irgendwie selbst zusammenzubasteln, nicht wirklich greifen.

Hilfreich ist, sich auf Erfahrungen anderer einzulassen

Aber auch mit Hadern, Weinen oder Fluchen kommt man nicht weiter. Das hatte der junge Neumark begriffen, der rückblickend auf seine schlechten Erfahrungen schreibt: „Was helfen uns die schweren Sorgen, was hilft uns unser Weh und Ach? Was hilft es, daß wir alle Morgen beseufzen unser Ungemach? Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit.“

In manchen tiefen Traurigkeiten ist man sprachlos. Gerade in solchen Momenten verlangt man sich zu viel ab, sich einen tragenden Trost selber zu sagen. Dann braucht es andere, die ihre Zuversicht vorsingen und zusagen. Das meint nicht, sich aufmunternd auf die Schulter klopfen zu lassen. Hilfreich kann vielmehr sein, sich auf die Erfahrungen anderer einzulassen, von ihren Wegen zu hören. Vielleicht sind dort auch Spuren für einen selbst dabei, vielleicht ja sogar gerade dort, wo man sie am wenigsten erwartet.

Christliche Zuversicht lädt zum Blickwechsel ein

In den Zeilen von Georg Neumark zum Beispiel, der an einer vertrauensvollen Adresse für seine Hilflosigkeit festhält: „Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht.“ Fromme Worte, fürwahr! Und doch sind sie von Georg Neumark nicht einfach dahingebetet. Durch seine Lebensgeschichte erhalten sie eine starke Glaubwürdigkeit.

So lädt die christliche Zuversicht vor allem zu einem Blickwechsel ein. Lasse ich mich auf sie ein und schaue auf Gott, schaue ich für einen Augenblick mal von mir ab. Ich sehe über die eigenen Ängste hinaus. Ich sehe mehr als die eigenen Hoffnungen und Wünsche und mehr als das eigene Unvermögen und die Grenzen, sie vielleicht nicht zu erreichen.

Am Meer fangen Wind und Weite die Ängste ein

Die christliche Zuversicht verspricht nicht, dass es schon irgendwie einen Weg zu den eigenen Zielen gibt und sich erfüllt, was sich hoffentlich erfüllen soll. Sie ist kein falscher Trost, der die eigenen Chancen steigen lässt. Aber sie ist ein Versprechen, dass es einen vertrauensvollen Weg für mich gibt, auch wenn ich ihn noch nicht kenne. Einen Weg, der vielleicht kein Happy End haben wird, aber auf dem ich gut geführt und getragen bleibe.

Zuversicht ist ein Blickwechsel. In der Natur gelingt er manchmal leichter: Am Meer fangen Wind und Weite die Ängste ab, den Horizont vor Augen ist plötzlich ein zuversichtliches Gefühl da, und man denkt: Alles ist so wunderbar und geschenkt! Habe nichts dafür gemacht und muss auch weiter nichts tun. Und bin doch mittendrin aufgehoben.

Der Autor ist Pastor in der Gemeinde St. Gertrud.