Kirche

Evas sündiger Apfel warvermutlich eine Feige

Die süße Frucht hat nicht nur in der Bibel, sondern auch in der Kunst und im Brauchtum große Bedeutung erlangt. Eine Kulturgeschichte über die beliebte Obstsorte von Oliver Spies

Eine Kiste voller Äpfel auf dem Markt. Sie duften verführerisch und wecken den Wunsch, herzhaft hineinzubeißen. Oder im gedeckten Apfelkuchen, im Apfelstrudel, noch warm, mit etwas Zimt und Sahne. Leicht säuerliche braucht man dafür, vielleicht einen Boskop oder Elstar. Für Kompott muss man nicht ganz so wählerisch sein, für Saft auch nicht, und was dann noch keinen Wurm hat, kann zu Schnaps veredelt werden. Keine Obstart ist in unseren Breitengraden beliebter. Sie sind derart gesund, dass sie Arztbesuche überflüssig machen sollen, denn jeder weiß: „An apple a day keeps the doctor away!“

Äpfel sind – mit 20 Kilo pro Kopf im Jahr – aber nicht nur auf den Speiseplänen zu finden: Auch in der Kunst und Kultur, im Brauchtum und in der Religion haben die roten oder grünen, glatten oder runzligen, süßen oder sauren Früchte besondere Bedeutung erlangt. Sie stehen für Lust, Zank und Verführbarkeit, für pralles Leben und Vergänglichkeit zugleich, für Macht eines römischen Imperiums einst und einer Computerfirma heute. In der Bibel geht alles sogar mit einem Apfel los. Heißt es.

Weit mehr als 20.000 verschiedene Apfelsorten, so schätzen Pomologen (Obstkundler), gibt es weltweit, wobei die wenigsten auf dem Markt sind. Schon in der Antike aß man Wildäpfel, die schließlich vor allem die Römer durch Kreuzungen verfeinerten und dann begannen, ertragreichere und schmackhaftere Exemplare zu züchten. Da nicht nur Anbau und Lagerung anspruchsvoll waren, blieb der Apfel lange eine Liebhaberei der Klöster und Fürsten. Erst im 18. Jahrhundert wurde der großflächige Anbau in Deutschland von den Fürsten gefördert, und Züchtungen brachten eine große Vielfalt von Sorten hervor. Apfelbäume, zum Beispiel entlang von Alleen gepflanzt, wurden zum Ausdruck eines reichen Landstrichs.

Für die Geschichte des Apfels in Kunst und Kultur spielte die Sorte keine entscheidende Rolle: So ist nicht bekannt, unter welchem Apfelbaum genau Sir Isaac Newton im Jahr 1666 ein Nickerchen machte. Nur, dass ein Apfel auf seinen Kopf fiel und ihn aufschrecken ließ. Plötzlich begriff der Physiker und Astronom, dass die Kraft, die den Apfel zur Erde fallen lässt, auch die Kraft ist, die den Mond in seiner Bahn hält. Die Theorie der Erdanziehungskraft war geboren. Vielleicht war dieser Apfel ein Vorfahre des Cox Orange, den ein gewisser R. Cox 1825 in England züchtete und der heute zu den bekanntesten Sorten weltweit gehört.

Unbekannt ist auch, auf welchen Apfel der Schweizer Freiheitskämpfer Wilhelm Tell mit seiner Armbrust zielte. Friedrich Schiller erzählt in seinem Stück nur schlicht von einem „Apfel“, den Wilhelm zur Strafe, weil er sich nicht vor einem hohen Herrn verbeugen wollte, vom Kopf seines Sohnes schießen musste. Und man weiß auch nicht, ob der Sohn ihn anschließend erleichtert aufaß. Aus Gold war dagegen der Apfel, mit dem der griechische Jüngling Paris sein Urteil fällen musste, wer die schönste Göttin sei. Weil Athene, Hera und Aphrodite um ihn stritten, wurde er zum berühmten „Zankapfel“. Im Römischen Reich stand der „Reichsapfel“ für die Macht und Weltherrschaft des Kaisers. Im Mittelalter kam später ein Kreuz auf dem kugeligen Apfel dazu. Ob Steve Jobs bei der Suche nach Namen und Logo seiner Computerfirma an eine der Geschichten dachte, weiß man nicht. Vielleicht gab auch das legendäre Beatles-Album oder schlicht ein Besuch in einer Apfelplantage den Ausschlag. Der Apple-Gründer schwieg zeitlebens dazu.

Der berühmteste Apfel ist wohl jener, von dem Adam und Eva im Paradies abgebissen haben sollen. Meist knallrot ist dieser Apfel auf Malereien und Darstellungen. Immer wieder haben Künstler, von Jacob Jordaens und Lucas Cranach dem Älteren bis Cézanne und Emil Nolde diese Szene aufgegriffen. In Hamburg kann man sie in einem Fenster der Eppendorfer St.-Johannis-Kirche entdecken. Auch dort ist der Apfel rot, der laut biblischem Bericht allerdings nur als „Frucht vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen“ bezeichnet wird. Nach Genesis, dem ersten Buch der Bibel, machte eine Schlange Adam und Eva den Mund wässrig, diese Frucht zu kosten. Dabei dürfte sie weniger die Aussicht auf eine besonders leckere Frucht gelockt haben, sondern mehr, dass sie an dem einzigen Baum hing, von dem es verboten war zu essen. Verbote locken Menschen – schon immer. Und nachdem sie abgebissen hatten und kauten, „da wurden ihnen die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten sich Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze“.

Auch wenn es in der überwältigenden Fauna des Gartens Eden sicherlich auch Apfelbäume gab, so gibt es doch Zweifel daran, dass jene Frucht ein Apfel war. Eher von einem Feigenbaum, dessen Blätter Eva und Adam sofort benutzten, um ihre Nacktheit zu verbergen. Dass es sich um einen Apfel handeln soll, geht wohl auf ein Wortspiel zurück. Das lateinische Wort „Malum“ kann zweierlei heißen: mit kurzem „a“ „das Böse“, mit langem Vokal „Apfel“. So wurde aus dem Baum der „Erkenntnis des Bösen“ ein Apfelbaum und dessen Früchte zum Symbol der Versuchung und Vertreibung aus dem Paradies.

In Theologie und Brauchtum haftet den Äpfeln aber nicht nur ein Makel an. Sie erfuhren auch immer wieder eine positive Umdeutung, die zum Beispiel bis heute in den Weihnachtsbäumen und Christbaumkugeln anklingt. So gab es im Mittelalter den Brauch „Paradiesspiele“ zu Weihnachten vor den Kirchen zu veranstalten und die Geschichte von Adam und Eva nachzuspielen. Natürlich brauchte man dafür einen Baum und Äpfel. Nach und nach wanderte beides von den Kirchplätzen in die Häuser: als Christbaum, in dessen Zweige Äpfel gehängt wurden, die sich schließlich in Christbaumkugeln verwandelten. Dahinter steht auch der Gedanke, dass durch Jesus Christus im Himmel das verlorene Paradies wiedergewonnen wurde.

Eines der bekanntesten Zitate unserer Tage bringt den Apfel mit Hoffnung in Verbindung: „Wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen!“ Auch wenn der Satz Martin Luther zugeschrieben wird, so ist er, im Gegensatz zu der Redewendung „In den sauren Apfel beißen“, nicht in den Schriften des Reformators zu finden, sondern erstmals in einem Rundbrief der Bekennenden Kirche im Jahr 1944. Schnell wurde er zum geflügelten Wort, das von Bischöfen, Bundespräsidenten und Bundeskanzlern zitiert wurde. Allerdings hätte das Zitat gut von Luther stammen können, klingt in ihm doch einer seiner wichtigsten Gedanken an: sein Leben gegen alle Ängste mit Gottvertrauen zu gestalten.

Luthers vermeintliches Apfelbäumchen inspirierte auch eine Reformationstag-Aktion für Hamburger Kitas, Schulen, Gemeinden mit ihren Konfirmanden. „Wir suchten nach etwas, was den Kern der Reformation zum Ausdruck bringt: Mut und Zuversicht gegen allen Augenschein! Und was gibt es da Besseres, als gemeinsam Apfelbäume zu pflanzen“, sagt Thomas Krätzig, Projektleiter im Kirchenkreis Hamburg-Ost. Am 31. Oktober 2011 gab es den ersten Spatenstich in Rahlstedt, wo Kirchengemeinde und die Wohnungsbaugesellschaft Saga GWG gemeinsam die ersten 14 Bäume pflanzten. Mittlerweile wurden im Beisein von Bezirksamtsleitern und Bischöfen mehr als 100 Bäume an mehr als 40 Orten überall in der Hansestadt gesetzt.

Vor allem für alte Sorten haben sich die Beteiligten entschieden: Juwel aus Kirchwerder, Gravensteiner, Glockenapfel, Alkmene, Purpurroter Cousinot, ­Ingrid Marie oder Schafsnase. „Wir bieten den Kindern so anschauliche Beispiele für die abstrakten Werte Schöpfungsbewahrung und Nachhaltigkeit“, sagt Thomas Krätzig, der sich über die Unterstützung der zuständigen Behörde Stadtgrün freut. Denn Obstbäume in Parks und Grünstreifen sind pflegeintensiver als andere Bepflanzungen. Sie müssen häufiger beschnitten werden, und für die gereiften Früchte muss Sorge getragen werden. Einige Kitas helfen da mit und produzieren ihren eigenen Apfelmus. In Farmsen hat die Pflanzaktion einen besonders schönen Ort hervorgebracht: den Platz der Besinnung am Bramfelder Weg. Dort hat man nicht nur Apfelbäume gepflanzt, sondern auch einen großen Findling, den man bei Bauarbeiten in der Gegend fand, mit dem Apfelzitat versehen. Nun kann man – nicht nur am neuen gesetzlichen Feiertag im Norden – auf einer der Bänke sitzen, in einen Apfel beißen und sich fragen, was im Leben dran ist.

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