Schlüsselbegriffe des christlichen Glaubens

Eine Feier für die Geschenke der Schöpfung

Erbsünde, Sakrament oder auch Jungfrauengeburt – was bedeuten diese Wörter, und wer versteht sie heute noch? In dieser Folge erklärt Pfarrer Johannes Pricker Erntedank

Erntefeste gibt es in allen menschlichen Kulturen: Schon in der Antike wurde den Göttern gedankt und ihnen ein Anteil der Ernte als Opfer zurückgegeben, um sie so zugleich um eine neue Ernte zu bitten. Solche Gesten geschehen aus der existenziellen Erfahrung des Menschen, dass er zwar von seiner Hände Arbeit aber auch von den oft unberechenbaren Wachstumszyklen der Natur abhängig ist und letztlich sein Leben Gott verdankt.

Für Juden und Christen bedeutet der Erntedank, dass Gott als Schöpfer der Welt auch der ist, der sie im Dasein hält, der Leben schenkt und Nahrung gibt. Mehrmals taucht der Dank für die Ernte im jüdischen Festkalender auf: Fest der ungesäuerten Brote, Wochenfest und Laubhüttenfest. Im christlichen Rom werden schon früh besondere Tage im Herbst und Winter mit dem Erntedank verbunden. Diese altrömische Sitte hat die katholische Kirche seit dem dritten Jahrhundert aufgenommen und begeht heute in der Regel den jährlichen Erntedank am ersten Sonntag im Oktober. Die evangelische Kirche feiert am Sonntag „nach Michaelis“ das Fest Erntedank, also dieses Jahr am 7. Oktober.

Im Kirchenjahr der katholischen Kirche kommt das Erntedankfest nicht vor, in der evangelischen Kirche ist es als Fest qualifiziert. Andererseits feiern die meisten katholischen Gemeinden seit vielen Jahren aufmerksam das Erntedankfest. Vermutlich ist hier ein Stück gelebter Ökumene zum Tragen gekommen.

Der Mensch erlebt sich als eingebunden in den Naturkreislauf

Allen Religionen ist es eigen, dass sie „die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit“, wie es in jedem Herrenmahl, der Feier der Eucharistie, von den Gaben des Brotes und Weines heißt, als Gottesgeschenk betrachten. Dabei geht es darum, dass der Mensch sich als Teil der göttlichen Schöpfung versteht und sich als in den Naturkreislauf eingebunden erfährt. Der Abschluss der Ernte bot darum immer Anlass zu Dank und Feier.

Heutzutage ist die kirchliche Erntedankfeier in den Gottesdienst integriert. Erntegaben schmücken den Altar oder werden im Gottesdienst zum Altar gebracht. In vielen Gemeinden ist dieser Gottesdienst auch mit einer Solidaritätsaktion zugunsten der Notleidenden und Kollekten für Brot für die Welt verbunden. Die Frage nach dem Sinn eines Erntedankfestes etwa in einer Stadt, in der die meisten Menschen heute kaum noch selbst Gemüse und Früchte ernten, stellt sich immer wieder.

Überhaupt scheint das typische herbstliche Erntedankfest in einer Überflussgesellschaft, in der es inzwischen alles auch zu jeder Jahreszeit zu kaufen gibt, selbst höchst überflüssig zu sein. Und angesichts zunehmend manipulierter Lebensmittel, Mikrowellenmenüs und Fast-Food-Kultur wirkt ein Erntedankfest geradezu anachronistisch, erscheinen die mit Früchten, Brot und anderen Lebensmitteln geschmückten Altäre wie ein Relikt aus längst überholter Zeit, ein allenfalls folkloristisches Brauchtum.

Sollen, so wird gefragt, ja dürfen wir uns bei Gott für Speisen und Getränke bedanken, von denen wir wissen, dass ihr Genuss uns oft gesundheitlich gefährden kann und deren Produktion nicht selten die Hersteller ausbeutet und gefährdet? Der Papst hat vor Kurzem auf diesen Skandal in Zusammenhang mit der Bewahrung der Schöpfung eindringlich verwiesen. Dürfen sich Christen bei ihrem Schöpfer für Nahrungsmittel bedanken, um deren günstigen Kauf sie die Zerstörung der Erde und eine oft unmenschliche Haltung von Tieren billigend in Kauf genommen haben?

Berechtigte Einwände, wie es scheint. Am Erntedankfest wird mancherlei deutlich. Zum Beispiel, dass unsere christliche Religion ihre Wurzeln in einer agrarischen Gesellschaft hat, in der das Erleben der Natur und ihrer Rhythmen – stärker als heute – eine wesentliche Rolle spielte. Gottesdienste und Gebete bringen die alte Sorge um das Wachsen und Gedeihen zum Ausdruck. Manche unserer Feste – wie etwa Ostern und Weihnachten – entstammen dem Erleben und Deuten der Natur in ihren kosmischen und agrarischen Zusammenhängen, was uns durch die neue christliche Sinngebung oft nicht mehr bewusst ist.

Das Fest hat auch in der modernen Zeit nicht an Bedeutung verloren

Unter den spannungsreichen Beziehungen unseres Lebens ist wohl eine der spannendsten die Bindung unseres Menschseins an die Erde. Heute viel mehr denn je. Zwar hat es den Anschein, als löse sich die Menschheit unserer Epoche mehr und mehr vom Erdboden; sie verlegt ihre Verkehrswege in die Luftregionen und stößt mit leidenschaftlichem Ungestüm in den Weltraum vor und gibt damit Zeugnis, dass der Mensch nicht genug hat an der Erde. Gleichzeitig erleben wir, dass der von der Erde fortstürmende Mensch immer wieder zurückgeworfen wird auf seine schicksalhafte Bindung an die Erde, wie sie zu Beginn der Bibel begründet ist. Denn wir sind Menschen, und das heißt: Wir sind irdisch, erdverwandt, erdverbunden bis in die Wurzel unseres Seins.

Deshalb: Hat sich die ursprüngliche Bedeutung von Erntedank wirklich verändert, nur weil wir nicht mehr selbst ernten? Ist der Dank an Gott überflüssig geworden, nur weil es Spargel jetzt auch im Winter zu kaufen gibt? Der Dank für die Ernte zeigt ein uraltes Verhältnis zu Gott. Was wir arbeiten und was für Resultate wir damit erzielen: Wir tun dies letztlich in Gottes Welt und Schöpfung, die er uns anvertraut hat, damit wir darin seine Größe zum Ausdruck bringen. Das Erntedankfest ist ein jährlich bewusst ausgerichtetes Danke für dieses Geschenk der Schöpfung: für die Gaben und für unsere persönliche Ernte.

Der Autor ist Schulpfarrer an den katholischen Schulen in Hamburg.

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