Kirche

Gottvertrauen hilft bei Krisen

Die Moderatorin Bettina Tietjen erlebte als Kind die enge und strenge Welt einer freikirchlichen Gemeinde. Heute lebt die Christin ihren tiefen Glauben lieber für sich. Sie engagiert sich intensiv im Hospizbereich – aus Nächstenliebe

Weiße Holzbänke mit rot abgesetzten Schnitzereien, eine barocke Kanzel, verzierte Dachhölzer – wer würde in so einer wunderschönen alten Kirche wie der in Sinstorf nicht gerne heiraten wollen? 26 Jahre ist es her, dass Bettina Tietjen mit ihrem Mann Udo vor dem barocken Altarbild „Ja“ gesagt hat. „Die Gäste standen alle draußen Spalier, und wir sind als Brautpaar zuerst in die Kirche eingezogen. Bis auf Tante Gisela, die hat das nicht mitmachen wollen und saß dann alleine in der vorderen Reihe“, sagt die NDR-Moderatorin und lacht fröhlich. Sie erinnert sich gern an den schönen Gottesdienst in dieser „heimeligen und würdevollen“ Kirche.

Sie ist sonst Mitglied in der Luthergemeinde in Harburg. „Unsere Gemeinde hat tolle Pastoren, doch an Schönheit kann unsere Kirche mit der Kirche in Sinstorf einfach nicht mithalten.“ Bettina Tietjen ist gläubig, aber keine regelmäßige Besucherin von Gottesdiensten – „die hatte ich zu Genüge in meiner Kindheit“. Sie ist mit zwei Schwestern, davon eine zehn Jahre ältere Halbschwester, in Wuppertal aufgewachsen. Ihr Vater – ein Architekt – suchte nach schrecklichen Kriegserlebnissen Halt in einer freikirchlichen Gemeinde, „die aber alles andere als liberal war, sondern die Bibel sehr streng auslegte“, sagt Tietjen. Sie streicht sich über die langen Locken. „Wir Mädchen mussten immer Röcke und lange Haare tragen, die habe ich bis heute. Die Männer redeten, die Frauen hatten zu schweigen. Ich habe nicht verstanden, warum mein Vater sich dort so hingezogen fühlte.“ Denn immer wieder kamen Gemeindemitglieder auch zu der Familie nach Hause, „um nachzuprüfen, ob wir auch brav und bibelfest waren. Für die war alles Weltliche böse.“

Jeden Sonntagnachmittag war Gottesdienst, eine Pflichtveranstaltung für die ganze Familie. Sie hat zwar die strengen Rituale, die Kinderfreizeiten und Singveranstaltungen der Gemeinde bis in die Jugendzeit mitgemacht – „ich habe sogar eine Erwachsenentaufe hinter mir“ –, sich als Jugendliche jedoch oft auch über die Regeln hinweggesetzt. Ihre Mutter, die bewusst kurze Haare trug, und ihr Vater waren sehr tolerant und ließen den Mädchen außerhalb der Kirchenveranstaltungen viel Freiheit. Manch einer hätte sich durch diese Kindheit vielleicht von der Kirche abgewandt, Bettina Tietjen nimmt ein tiefes Gottvertrauen mit, aber auch die Überzeugung, dass Glaube einhergeht mit Selbstbestimmung. „Ich bete häufig, aber nur für mich. Auch durch Krisen half mir bisher immer mein Glaube.“

Bettina Tietjen ist eine sehr positive Frau, die gerne lacht und redet und auch gerne zuhört. Sie wirkt glücklich, führt eine gute, emanzipierte Ehe, hat zwei gesunde erwachsene Kinder. Doch es gibt auch Tiefschläge in ihrem Leben, Momente, in denen sie hadern könnte, fragen, warum es so viel Krankheit und Unglück in ihrer Familie gibt. Denn als sie sieben war, starb ihre kleine andere Schwester an Krebs. Fast ein Jahr verbrachte die Mutter mit der Zweijährigen im Krankenhaus, Bettina und ihre Schwester waren in der Zeit viel bei den Großeltern. „Diese Zeit hat uns schon geprägt, vor allem weil wir die Trauer unserer Eltern spürten.“ Im Sommer 1990 starb auch ihre Mutter mit nur 64 Jahren an Krebs. „Da hatte ich eine kurze Glaubenskrise, denn ich habe mich gefragt, wo Gott nun ist, warum es ausgerechnet sie treffen musste, nachdem sie doch schon ihren ersten Mann und ein Kind verloren hatte.“ Auch Bettina Tietjen muss ein paar Jahre später um ihren Sohn Theo bangen, der sich, ebenso wie ihre Schwiegermutter, 2011 mit dem Ehec-Virus ansteckte. „Theos Blutwerte wurden immer schlechter, die Ärzte konnten uns nicht sagen, ob er es schaffen wird. Aber dann hat sein Körper sich ganz von alleine erholt.“ In der Zeit habe sie viel gebetet. „Mehr konnte ich nicht tun.“ Was sie in diesen Krisenzeiten gehalten hat, ist der Glaube daran, dass alles gut werden wird, dass es jemanden gibt, der sie beschützt. „Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand“ ist der Lieblingsspruch der Moderatorin. Vielleicht sind es auch diese Grenzerfahrungen, die ihren Interviews in verschiedenen Talk-Formaten oft Tiefe verleihen. Bereits mit Anfang 30 war sie nach einem geisteswissenschaftlichen Studium in Münster und Paris Reporterin und Moderatorin bei RIAS Berlin und freie Mitarbeiterin beim WDR. 1990 lernte sie ihren späteren Mann Udo, einen Flugzeugbauingenieur, während eines Urlaubs in Südfrankreich kennen. Zwei Jahre später fing Bettina Tietjen beim NDR zunächst als Reporterin für die Sendung „DAS!“ an, die sie bis heute moderiert. 1994 kam Sohn Theo, gut zwei Jahre darauf ihre Tochter Pia auf die Welt. Während sie an der Fernsehkarriere bastelte, blieb ihr Mann zu Hause bei den Kindern.

Christliche Erziehung ist beiden wichtig. „Ehrlichkeit und Gradlinigkeit, Nächstenliebe sind Werte, die ich auch meinen Kindern vermittelt habe“, sagt die 58-Jährige. Noch einmal besonders gefordert wurde Tietjen, als sie 2011 ihren dementen, 87 Jahre alten Vater von Wuppertal in ein Altenheim nach Harburg holte. Zweieinhalb Jahre besuchte sie ihren Vater fast täglich, sang Choräle, betete und lachte mit ihm und begleitete ihn auch in seinem Sterbeprozess. Ihre Erfahrungen hat Bettina Tietjen in dem Buch „Unter Tränen gelacht. Mein Vater, die Demenz und ich“ verarbeitet. Seither engagiert sie sich noch intensiver in der Hospizarbeit und für die Alzheimer Gesellschaft. Sich für Menschen einzusetzen und sich um sie zu kümmern, das empfindet sie als Verpflichtung, und „etwas mehr Nächstenliebe würde unser aller Zusammenleben leichter machen“.

Am 14.9. um 22 Uhr, NDR „Tietjen und Bommes“

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