Kirche

„Unsere Flusi ist der Kontrast zum Michel“

Pastor Helge Adolphsen (77) predigt gern auf der Flussschifferkirche: „Unsere Flusi kann nicht mehr fahren. Einen Motor hat sie schon lange nicht mehr. Aber schwimmen kann sie noch. Auch nach 114 Jahren. Manchmal wird sie gezogen. Schon zweimal zu Kirchentagen. Manchmal liegt sie an ihrem Liegeplatz im Binnenhafen auf. Denn sie erlebt Ebbe und Flut. Dann wartet sie geduldig, bis das Wasser wieder steigt. Geduldig – wie längst nicht alle Menschen. Wenn ich mich vor dem Gottesdienst in der kleinen Sakristei vorbereite, lese ich: ,Bitte ansagen: Wir sind hier nicht in, sondern auf der Kirche.‘ Ein Hinweis für Landratten. Ganz seemännisch. Manchmal schwankt sie. Dann fühlt man, dass Wasser keine Balken hat.

Der alte Weserküstenleichter ist ein einzigartiges Vollkirchenschiff. Seit 66 Jahren ist es ein Bindeglied zwischen Wasser und Festland. Für viele ein Zeichen für Unterwegssein, Ankommen und Festmachen. Glauben meint im Hebräischen ,sich festmachen‘. Viele haben sich hier festgemacht, längst nicht nur Flussschifferfamilien. Hier auf dem Wasser haben sie ihre geistliche Heimat gefunden.

Für mich ist die Flusi ein schöner Kontrast zum Michel. Dort 2500 Plätze, hier 130. Alles ist hier kleiner. Man kennt sich. Jeder wird persönlich begrüßt. Die Mannschaft auf dem Schiff, alle ehrenamtlich tätig, auch die Pastoren, praktiziert das, was ihr Kirchenschlager ,Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt‘ ihnen vermittelt: ,ganz fest zusammengeschweißt in Glaube, Hoffnung, Zuversicht‘ durch Gottes guten Geist.

Ich predige sehr gern auf ihr – von Angesicht zu Angesicht. Nach dem Satz eines amerikanischen Freundes: ,Man darf als Prediger nicht auf die Massen schauen, sondern dem Einzelnen ins Gesicht.‘ Also persönlich predigen. Von oben herab geht nicht. Die besondere Atmosphäre erzwingt das. Sie ist angenehm und wohltuend. Sie wird durch Vertrauen und Herzlichkeit geprägt – eine feine Willkommenskultur, wie man sich die überall, auch in den Kirchen an Land wünscht.“