Kirche

Tanzend und singend Gutes tun

Rund 10.000 vor allem junge Menschen engagieren sich ehrenamtlich für Viva con Agua, darunter Künstler, Musiker und Sportler. Der Verein baut mit den Spenden Brunnen in Dritte-Welt-Ländern

Benjamin Adrion (37) und Michael Fritz (35) sind die Mitbegründer des Hamburger Vereins Viva con Agua. Ihr Ziel ist, die Trinkwassersituation weltweit zu verbessen. Mit der Welthungerhilfe als Partner in Afrika, Asien und Südamerika entstehen dank Spenden Brunnen und Sanitäranlagen. Bisher profitieren rund drei Millionen Menschen vom Engagement des Vereins, für den mehr als 10.000 Ehrenamtliche, vor allem junge Menschen, aktiv sind. Sie organisieren zum Beispiel Spendenläufe oder sammeln auf Konzerten Pfandbecher als Spende. Aktuell organisiert Viva con Agua mit dem FC St. Pauli vom 5. bis 8. Juli die Millerntor Gallery. Dabei wird das Stadion zu einer Arena aus internationaler Kunst, Musik und Kultur.

Hamburger Abendblatt: Wann wurde Ihnen bewusst, dass Wasser ein kostbares Gut ist?

Benjamin Adrion: Als ich das erste Mal im äthiopischen Dorf Sodo war. Das war 2007. Es gab keinen Brunnen, sondern nur einen Fluss, aus dem die Frauen das Wasser holten. Später kam ich zurück nach Sodo, nachdem wir dort Brunnen gebaut hatten. Ich habe gesehen, welche enorm positiven Auswirkungen unser Engagement auf das Dorf hatte und wie sinnvoll unsere Arbeit ist.

Welche Bedeutung hat ein Brunnen vor Ort für eine Frau in Sodo?

Michael Fritz: Für die äthiopischen Frauen im Dorf dreht sich der ganze Alltag ums Wasser. Es ist ihre Verantwortung, es zu holen, damit zu waschen, zu kochen und die Tiere damit zu versorgen. Ein Brunnen in der Nähe verändert ihr komplettes Leben zum Positiven.

Adrion: Es ist vor allem die Zeit, die diese Frauen sparen, wenn sie nicht mehr jeden Tag fünf Kilometer zum Fluss laufen müssen, um Wasser zu holen. Neben den Strapazen haben sie dann Zeit für die anderen wichtigen Dinge ihres Alltags, zum Beispiel für den Beruf. Wir geben auf unseren Projektreisen den Teilnehmern immer einen Wasserkanister in die Hand und lassen sie so erfahren, wie schwer ein 20-Liter-Gefäß auf einer Strecke wird. Unvorstellbar.

Warum fiel 2005 die Entscheidung auf Wasser und nicht auf Getreide – es gibt Millionen Menschen, die hungern?

Adrion: Bei uns stand tatsächlich nicht die Wasserversorgung an erster Stelle, sondern die Idee, soziale Netzwerke zusammenzuführen und sich gemeinsam mit freudvollem Engagement für etwas Gutes einzusetzen. Dass wir uns nun für Wasser engagieren, war eher eine glückliche Fügung durch die Eindrücke, die wir auf Kuba gemacht haben. Im Zuge unserer Recherchen stießen wir dort auf ein Wasserprojekt der Welthungerhilfe, das wir fortsetzen wollten.

Geht es auch darum, bei jungen Menschen ein Bewusstsein für Wassernot auf der Welt zu schaffen?

Fritz: An erster Stelle geht es Viva con Agua darum, Menschen zu aktivieren. Das geht bei Jüngeren am besten mit einer coolen Aktion wie zum Beispiel einem Marteria-Konzert, bei dem die Leute Pfandbecher auf den Hip-Hop-Musiker, der im Schlauchboot sitzt, werfen dürfen. Erst im zweiten Schritt kommt die Bewusstseinsschaffung. Wenn man den jungen Leuten gleich mit der Sensibilisierungskeule kommt, wäre das ähnlich wie in der Schule, darauf haben die keine Lust.

Becher zu werfen ist leicht – wie bekommen Sie die Jugendlichen dazu, sich dann tiefgreifender zu engagieren?

Fritz: Wir haben Viva-con-Agua-Gruppen in 55 deutschen Städten. Diese jungen Menschen organisieren sich eigenständig, planen Spendenaktionen und tragen so den Spirit des Vereins weiter.

Adrion: Wir sehen bei Viva con Agua beides: Leute, die einmal dabei gewesen sind und dann nie wieder – und andere, die seit acht Jahren leidenschaftlich engagiert sind und sogar eine Karriere in unserem Netzwerk machen: vom 16-jährigen Pfandbechersammler über verantwortlichen Ansprechpartner zum ehrenamtlichen Aufsichtsrat. Das unterscheidet uns von anderen Organisationen.

Wie halten Sie die Älteren bei der Stange?

Fritz: Manche gründen Start-ups oder soziale Unternehmen. Auch das Projekt Goldeimer ist so entstanden. Andere bringen sich als Berufstätige mit ihren Talenten ein, zum Beispiel als Fotograf. Im Prinzip ist jedes verkaufte Viva-con-Agua-Mineralwasser ein Stück Engagement. Mit dem Wasser, das es in Läden, Kantinen, aber auch im Rathaus gibt, erweitern wir die junge Kernzielgruppe.

Wir haben hier Wasser im Überfluss, aber was kann jeder tun, um diese Ressource auf der Welt nicht noch mehr zu verknappen?

Adrion: Die ganze Agrarwirtschaft ist ein großer Wasserverschwender. Vor allem Rindfleisch braucht viel Wasser, also davon weniger essen. Auch Kaffee und Baumwolle sind oft problematisch hergestellt. In Kenia gibt es riesige Blumenfelder, die bewässert werden, und nebenan sind Dörfer ohne Trinkwasser. Also Obacht mit den richtigen Blumen zum Valentinstag.

Infos: www.vivaconagua.org