Kirche

Wasser bringt Leben und Tod

In der Bibel gibt es Geschichten von rettenden Brunnen, aber auch der Sintflut, bei der Gott seine Schöpfung bis auf die Arche Noah vernichtet. Hans-Martin Gutmann über die zwei Seiten des kühlen Nass

An heißen Sommertagen habe ich oft Sehnsucht danach. Ein Schluck kaltes Wasser. Eine kalte Dusche. Wie erfrischend. Wie gut das tut. Wasser macht lebendig, bringt Leben. Und zugleich sehe ich in der „Tagesschau“ Bilder aus Städten, in denen Unwetter toben. Dunkelbraunes Wasser treibt durch die Straßen. Keller müssen ausgepumpt werden. Ein verzweifelter Bäckermeister steht zwischen seinen überfluteten Backöfen und weiß nicht, wie es weitergehen kann. Wasser zerstört, vernichtet Leben.

Wir wissen um diese beiden Seiten, erleben ihre Spannung, aber gut umgehen können wir Menschen damit nicht. Die Klimakatastrophe ist menschengemacht. Stürme, Überflutungen, Plastik bis in entfernteste Meereswinkel. Zerstören wir, was wir zum Leben brauchen? Die drohende und bereits längst wirksame Klimakatastrophe in der Folge rücksichtsloser Naturausbeutung durch Menschen aus ökonomischen Interessen führt dazu, dass die zerstörerische Macht von Wasser immer öfter und immer stärker ins alltägliche Leben einbricht, mit verheerenden Konsequenzen. Mit Überschwemmungen, Hurrikans und Starkregen – Wasser verschlingt alles Leben. Wasser kann zum Tode führen und führt auch vielfach zum Tode – aber auch dort, wo es fehlt.

Christen begreifen Wasser als Geschenk Gottes, das allen Menschen zur Verfügung steht. Daher haben alle Menschen das Recht, ihre elementaren Bedürfnisse nach Wasser unentgeltlich zu stillen, getreu der Verheißung in der Offenbarung (Kapitel 21, Vers 6, Jahreslosung 2018): „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ In vielen Weltgegenden ist Wasser jedoch knapp. Es werden Kriege um Wasser geführt. Doch Wasser muss genügend da sein für alle Lebendigen. Umsonst: Was unbedingt lebensnotwendig ist, darf nicht zur ökonomischen Ware und nicht zum politischen Druckmittel werden.

Die beiden Gesichter von Wasser finden sich auch in der Bibel wieder: die Begegnung von Jesus und der Samariterin am Jakobsbrunnen im vierten Johanniskapitel und der Konflikt um Wasserstellen zwischen Isaak und den Philistern bei Mose. Bewegtes, frisches und nicht abgestandenes Wasser wird in der Bibel „lebendiges“ Wasser genannt.

Vor der Sintflut steht Gewalt der Menschen untereinander

Die bekannteste Erzählung ist sicherlich die von der Sintflut (1. Mose ab Kapitel 6): von Noah, der im Auftrag Gottes eine Arche baut, vom Wasser, das alles überflutet, selbst die höchsten Berge, vom Regenbogen nach der Katastrophe als Zeichen für das Versprechen Gottes, niemals mehr eine Sintflut hereinbrechen zulassen. Es ist eine verstörende und schließlich hoffnungsvolle Geschichte über die ambivalente Macht des Wassers – und über Gottes Verhältnis zu den Menschen und zu allem Lebendigen.

Vor der Sintflut steht Gewalt der Menschen untereinander. Was Gott am Anfang als gut ansah, ist nicht mehr gut: Aus dem Paradies vertrieben, wird die Erde zu einem Ort der Gewalt. Kain tötet seinen Bruder Abel, und die Gewalt zieht die Menschen immer weiter in ihren Bann, wie eine ansteckende Seuche. Sie breitet sich grenzenlos aus, bis alles Leben „verderbt“ ist. Gott bereut, dass er das Leben geschaffen und ihm Raum gegeben hat. Er will sein Urteil nicht mehr wahrhaben, dass seine Schöpfung „sehr gut“ ist: „Es reut mich, dass ich sie gemacht habe.“

Gott beschließt daraufhin, die Erde als den Raum allen Lebens zu verderben. Das ist der Anfang unserer Geschichte, an deren Ende die Chance neuen Lebens steht. Zerstörendes Wasser flutet die Erde und vernichtet alles Lebendige. Die große Flut, von der außer in der Bibel in vielen alten Kulturen erzählt wird, wird so zum Symbol für eine alles zerstörende Gewaltkrise. Mit der Sintflut könnte die Geschichte der Menschheit auch enden. Wir würden uns nicht daran stoßen, denn sie würde nur die gewohnte, trostlose Entwicklung widerspiegeln: Auf Schuld folgt Vernichtung und Untergang. Die von der Gewaltkrise entzündete Gesellschaft wählt Menschen oder Gruppen, denen die Schuld an der Gewalt zugeschrieben wird. Wir kennen die furchtbaren Konsequenzen.

Gott wählt aber einen anderen, einen heilsamen Weg. Von Anbeginn wird in der Sintflutgeschichte eine Gegengeschichte erzählt gegenüber dieser verlogenen, trostlosen und immer wieder ganze Kulturen entflammenden Sündenbock-Logik. Hier wird kein Opfer ausgewählt, auf das alle Gewalt und alle Schuld projiziert wird. Im Gegenteil: Gott wählt sich ein Gegenüber, um Entrinnen und neuen Anfang möglich zu machen. Gott gibt diesem Menschen Noah den Auftrag, einen Raum fürs Überleben für wenige in der allumfassenden Katastrophe zu bauen.

Gott zeigt damit, dass er nicht weg ist, auch wenn die Menschen seine gute Schöpfung verderben. Auch im Schatten des Lebens ist Gott da. Die neue Wahrnehmung Gottes ist tröstlich: Nichts kann uns von Gott trennen, auch Gewalt, Zerstörung und Grauen nicht.

Die Arche, Schutzraum fürs Überleben, macht nicht ungeschehen, dass so viele untergehen, so viele Gesichter von Kindern, Männern und Frauen und Tieren, deren Leben nicht bewahrt und nicht gerettet wird. Aber das eröffnet überhaupt erst die Chance, dass neues Leben möglich wird. Damit verbunden, wird in der biblischen Sintfluterzählung eine heilsame Veränderung in Gott selber erzählt. Gott sieht seine Menschen und alle Geschöpfe anders an. Was den Zustand der Welt angeht, offensichtlich ganz grundlos. Jedenfalls nicht motiviert durch besseres Handeln der Menschen. Die gleiche Wahrnehmung, die Gott am Anfang zu seinem Vernichtungsurteil herausfordert, provoziert ihn am Ende der Geschichte zur Bewahrung des Lebens: „Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf“ (1. Mose, Kapitel 8, Vers 21). Gott stellt einen Regenbogen in den Himmel – als Symbol für seine neue Verbundenheit mit den Menschen und mit allem Leben. Nach all der Zerstörung gibt es Wasser, das Leben bringt. Nach der großen Flut gibt es heilsamen Regen vom Himmel, von Sonne beschienen, der alles Leben aufblühen lässt.

Mit der Taufe wird die zerstörerische Macht des Wassers „ertränkt“

Neues Leben. Neue Energie. Der Segen Gottes, der alles Lebendige umschließt und am Leben erhält. Statt ansteckender Gewalt nun Verführung, sich der Zärtlichkeit gegenüber allem Lebendigen zu öffnen: den anderen nicht als Gefahr, sondern als Reichtum zu erkennen. Die Haltung, die knappen eigenen Ressourcen nicht gegen alle anderen verteidigen zu müssen, sondern gemeinsam daran teilzuhaben. Es ist die Herausforderung, sich dem Charme des Lebens zu öffnen. Wenn das geschieht, ist ein Anfang gemacht.

So wird das Wasser des Todes zum Wasser des Lebens. In der christlichen Taufe, im Beginn eines Lebens als Christenmensch, finden wir diese heilsame Bewegung in einem Ritual: Tod und zerstörerische Macht werden vom Wasser „ertränkt“, abgewaschen. Leben im Raum des Segens Gottes und der Geschwisterschaft aller Christen mit Christus wird zugesagt. Ein neuer heilsamer Beziehungsraum – „ein Glutofen voller Liebe, der von der Erde bis in den Himmel reicht“ (Martin Luther) – beginnt so mit einer erfrischenden Dusche lebendigen Wassers. Umsonst.

Der Autor ist emeritierter Theologieprofessor der Universität Hamburg und Universitätsprediger an der Hauptkirche St. Katharinen.