Schlüsselbegriffe des christlichen Glaubens

Die Liebe Gottes greifbar machen

Erbsünde, Sakrament oder auch Jungfrauengeburt – was bedeuten diese Wörter, und wer versteht sie heute noch? In dieser Folge erklärt Katharina Gralla das Sakrament

Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die kann ich nicht sehen oder anfassen, und doch sind sie da: Liebe, Freundschaft oder Erinnerung zum Beispiel. Ich kann sie in Worte fassen, aber das ist manchmal etwas dürftig. Deshalb mögen Menschen Gesten und Symbole. Die Liebenden schenken einander Ringe als Zeichen ewiger Treue oder gravieren ihre Namen in Schlösser und hängen sie an Brücken. Der Vater umarmt und herzt sein Kind. Ein Gast bringt zum Abendessen eine Flasche Wein mit. Die Urlauberin nimmt ihre mitgebrachte Muschel in die Hand, wenn sie auf dem heimischen Sofa ans Meer denken will. All das hilft, Beziehungen lebendig und stabil zu halten oder Erinnerungen aufzufrischen. Das Unsichtbare wird sinnlich fassbar.

Auch die Liebe Gottes ist nicht mit Händen zu greifen, die Erinnerung an seine Gegenwart in meinem Leben geht im Alltag schnell unter. Da helfen Sakramente. Das sind die Handlungen der Kirche, in denen Gott seine Liebe zu den Menschen sinnlich erfahrbar macht. Dazu gehören auf jeden Fall Taufe und Abendmahl beziehungsweise die Eucharistie und nach katholischem Verständnis auch Firmung, Eheschließung, Buße, Krankensalbung und Priesterweihe.

Aber so wie sich die Gebräuche rund um die Liebe immer wieder ändern, gibt es unter Christen seit 1800 Jahren Diskussionen darüber, wie denn die Sakramente genau zu verstehen sind. Welche sollen gelten? Und warum? Mit welchen Gesten und Worten sollen sie vollzogen werden? Von wem? Und wer darf sie empfangen? Wie wirken sie? Und was bewirken sie? Und wie viele gibt es überhaupt? Ist vielleicht Jesus Christus das einzige Sakrament? Oder die Kirche? Alles nicht leicht zu beantworten, denn die biblische Grundlage ist dünn und steht durchaus im Widerspruch zu Art und Zahl der Sakramente, wie wir sie heute kennen. Belegt ist: Jesus hat immer wieder symbolisch gehandelt. Er hat mit allen, auch den sozial Verachteten, geredet und gegessen. Er hat Brot und Wein und Fisch mit ihnen geteilt. Er hat Menschen geheilt und ihnen ihre Sünden vergeben. Er hat seinen Jüngern die Füße gewaschen. Er hat aber niemanden getauft oder geweiht und auch kein Paar getraut.

Darüber hinaus kennt das Neue Testament keinen Begriff und schon gar kein Lehrgebäude für dieses Handeln Jesu. Erst der Kirchenvater Augustinus definierte im vierten Jahrhundert: Sakramente sind sichtbare Zeichen, die auf eine unsichtbare Wirklichkeit verweisen. Deshalb gehören zu einem Sakrament ein sichtbares Element, wie Brot, Wein oder Wasser, und ein Glaubenswort, das das Element deutet. In Kürze: Wort plus Element gleich Sakrament.

Das Wort Sakrament für all die Liebeshandlungen Gottes findet sich übrigens zum ersten Mal in einer lateinischen Bibelübersetzung. Damals wurde das griechische Wort „mysterion“, was Geheimnis, eigentlich das Geheimnis Gottes meint, mit „sacramentum“ übersetzt. Das bezeichnete im alten Rom den „Fahneneid“ der Soldaten, hatte also mit dem Mysterium Christi erst mal nicht viel zu tun. Aber die frühen Theologen übertrugen die Bedeutung auf die christliche Gemeinde: Wie die Soldaten im „sacramentum“ ihrem Land und Feldherrn Treue schworen, so bedeuteten nun die Taufe und das Abendmahl den Eid der christlichen Gemeinde auf Jesus Christus, das Ur-Mysterium. So kamen Taufe und Abendmahl oder Eucharistie zu der Bezeichnung als Sakrament.

Später stieg die Zahl der Sakramente, im Mittelalter waren es dann über 30. Neben den oben genannten waren es vor allem Exorzismen, Weihe- und Segenshandlungen. Die Praxis blieb nicht frei von Aberglauben und Geschäftemacherei. Das kritisierten die Reformatoren scharf und konzentrierten die Sakramente auf Taufe und Abendmahl. Nur diese beiden seien von Christus eingesetzt und trügen die Gnade Gottes in sich. Auch die katholische Kirche beschränkte danach die Sakramente auf sieben.

Ökumenisch einig ist man sich, dass im Zentrum aller sakramentalen Handlungen Taufe und Abendmahl stehen. Dass in ihnen die Gnade und Liebe Gottes ganz besonders intensiv und lebendig erfahrbar wird. Dass sie absolut unverzichtbar sind für das Leben in und mit Christus.

In der kirchlichen Praxis gibt es darüber hinaus aber eine Fülle von Handlungen, die in mehr oder weniger großer Nähe zu diesen beiden Zentral-Sakramenten gefeiert werden. Die Beziehung zwischen Gott und den Menschen ist eben eine lebendige und findet immer wieder neue Formen und Gelegenheiten, über die man dann wiederum streiten kann.

Egal ob sie nun – je nach Konfession – Sakramente, Sakramentalien, Amtshandlungen oder Segensfeiern genannt werden, gemeinsam ist ihnen: Sie erinnern Menschen in verschiedenen Stationen und Situationen ihres Lebens sinnlich daran, dass Gott sie annimmt, tröstet und ermutigt, dass das Leben aufgehoben ist in Jesus Christus. Das ist etwa, wenn sie erwachsen werden oder heiraten, mit der Schule anfangen oder aufhören, unter Krankheit und Schuld leiden, ehren- oder hauptamtliche Verantwortung in der Kirche übernehmen oder wieder abgeben, auf 50 Ehejahre zurückblicken oder gemeinsam ein Dorfjubiläum feiern, ein Pflegekind annehmen oder einen Menschen aus dem Leben verabschieden müssen.

Alles Gelegenheiten, bei denen es Menschen hilft, wenn Gottes Gegenwart und Liebe begreifbar wird, durch Worte, Gesten und Elemente. So sind Sakramente und ihre Ableger wichtig wie eh und je: eine segensreiche Brücke zwischen Gott und den Menschen, lebendig und immer im Wandel.

Die Autorin ist Pastorin am Gottesdienstinstitut der Nordkirche in Hamburg.