Kirche

„Mir hilft mein Gottvertrauen“

Der Glaube gibt Dietrich Wersich Geborgen- und Sicherheit. Dennoch fiel es dem CDU-Politiker und Arzt lange Jahre schwer, sich zwischen den beiden christlichen Konfessionen zu entscheiden

Nachdenklich betrachtet Dietrich Wersich die kleine Holz-Ikone in seiner Hand. Er hat sie von einer Tante zur Geburt bekommen, und die Zeichnung darauf zeigt Christus in einem Boot mit drei kleinen Jungen. „Ich werde immer nostalgisch, wenn ich das Bild betrachte, wir waren zu Hause ja fünf Jungs, und dieses Bild war immer Gegenstand unseres Abendgebets“, sagt der CDU-Politiker. Für ihn symbolisiert es das, was seinen Glauben ausmacht: „Geborgenheit, Sicherheit und das Urvertrauen in Gott, der immer bei uns ist.“

Der 54-Jährige hat die kleine Ikone erst 2014 wiedergefunden, als er nach dem Tod seiner Mutter ihr Haus räumen musste, das ganz in der Nähe der Lok­stedter Christ-König-Kirche steht – des Orts, den er sich für die Begegnung ausgesucht hat. Der schlichte Kirchenraum mit den bunten Altarfenstern birgt für ihn auch viele Erinnerungen, hier war er oft im Kindergottesdienst. „Den habe ich geliebt“, sagt er. Er wuchs zu einer Zeit auf, als es in Lokstedt noch viel Natur gab; der Vater war Gärtner und Landschaftsbauer, die Mutter arbeitete nach dem Auszug der Kinder als Heilpraktikerin. „Wir sind sehr frei und gleichzeitig geborgen aufgewachsen, durften überall auf Bäume hochklettern und die Umgebung erobern“, erinnert er sich. Das tägliche Gebet und die Gewissheit, „dass Gott in allem wirkt“, gehörten zum Familienleben. Dennoch wurde Dietrich Wersich nicht konfirmiert. Auch wenn seine Erziehung christlich geprägt war, hatte er schon als Jugendlicher Zweifel daran, dass nur eine Kirche die richtige sein kann. „Das begleitet mich bis heute. Auch wenn ich mich inzwischen zur evangelischen Kirche bekenne, finde ich es dennoch sehr schwierig, mich für eine Seite zu entscheiden, und wünschte lange, ich müsste es nicht, sondern es gäbe nur eine gemeinsame christliche Kirche.“ Es war ausgerechnet ein Buddhist, der ihm eine Antwort bei seiner Suche und somit etwas Frieden gab. „Der Dalai Lama sagt, die verschiedenen Kirchen seien nur Gefäße, nicht der Inhalt. Und die gleiche Religion sei nur in unterschiedlichen Gefäßen. Das finde ich treffend.“

Dietrich Wersich als Suchender – das passt. Denn er ist keiner, der, einmal einen Lebensweg eingeschlagen, geradlinig weiterläuft. Wersich liebt es mehrgleisig. So studierte er nach dem Abitur am humanistischen Johanneum Medizin in Hamburg und arbeitete ab 1992 an unterschiedlichen Kliniken zehn Jahre lang in der Inneren Medizin, Geriatrie und Gerontopsychiatrie. Parallel dazu führte er das Altonaer Theater als Geschäftsführer und betätigte sich in der Bürgerschaft als gesundheitspolitischer Sprecher der CDU. Zerreißt es einen nicht bei so vielen unterschiedlichen Aufgaben? „Nein, das trainiert vielmehr den Kopf. Es ist Multitasking pur. Tagsüber hatte ich mit Patienten, abends mit Theaterleuten und Politikern zu tun, das habe ich sehr gern gemacht“, sagt er. Als dann 2004 jedoch Ole von Beust anrief und ihn zum Staatsrat für die Gesundheitsbehörde machen wollte, hat Wersich doch einen Moment länger nachgedacht. Denn für diesen Job musste er alles andere aufgeben, die Medizin und das Theater. „Das war echt eine schwierige Entscheidung, denn ich habe dann ja auch später als Gesundheitssenator die Verantwortung für einen riesigen Apparat mit rund 2000 Mitarbeitern übernommen.“ Was hat ihm geholfen in diesen Tagen? „Mein Gottvertrauen“, sagt er – und auch, dass er nie ein ängstlicher Mensch gewesen sei.

Bereut habe er die Entscheidung gegen das vermeintlich ruhigere Leben als Klinikarzt nie. „Für mich ist Zurückblicken keine Alternative“, sagt er nachdenklich und gibt dann offen zu, dass ihm die Verantwortung für das Große, die Möglichkeit, etwas in der Stadt zu bewegen, doch fehle. „Gestalten macht Spaß, Opposition ist Mist. Und als Senator hören alle auf einen, man ist eben an der Spitze. Allerdings war mir auch immer klar, dass es ein Amt auf Zeit ist.“ Dietrich Wersich gibt sich gelassen und tritt nicht nach. Er könnte, wenn er wollte, denn nachdem die CDU 2011 aus der Regierung abgewählt worden war und er als Vorsitzender der CDU-Bürgerschaftsfraktion zum Spitzenkandidaten für die Bürgerschaftswahl 2015 geworden war, hat Wersich neben einem politischen Absturz auch viele Demütigungen von seinen Parteikollegen einstecken müssen; so musste er auch den Kreisvorsitz in Hamburg-Nord an einen Nachwuchspolitiker abgeben. Er ist nun zwar Vizepräsident der Hamburgischen Bürgerschaft und Fachsprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion für Kultur und Kirchen, aber nicht mehr Teil der großen Politik. „Ich bin nicht nachtragend und nehme das Thema Nächsten- und Feindesliebe durchaus ernst. Außerdem habe ich als Arzt erlebt, was wirklich existenziell im Leben ist“, sagt Wersich. „Zudem hilft mir mein Glaube, der gibt Kraft.“ Allerdings habe die Niederlage sein Umfeld – also Freunde und Familie – „stärker getroffen als mich selbst“. Sein Lebenspartner, der übrigens Katholik ist, hätte eine Zeit lang keine Zeitung mehr gelesen, so wütend sei er über die Kritik gewesen.

Dietrich Wersich führt nun ein Leben in der zweiten Reihe, ist Berater in der Gesundheitswirtschaft, engagiert sich ehrenamtlich für das Deutsche Rote Kreuz und den interreligiösen Dialog in der Stadt. Er gehört auch zu einem Kreis von Abgeordneten, die sich regelmäßig zu Gebetsrunden treffen, gemeinsam Bibeltexte lesen und immer zum Abschluss das Vaterunser sprechen. „Das ist partei- und religionsübergreifend, ich finde das sehr inspirierend und verbindend“, so Wersich. Er sei ein zufriedener Mensch, der die Freiheit derzeit genieße, sagt er, aber es wird deutlich, dass er gerne wieder Regierungsverantwortung hätte – am liebsten natürlich in Hamburg.