Kirche

Vor der Currywurst sind alle Esser gleich

Schon immer sind mit Mahlzeiten Rituale verbunden: das Abendmahl, ein Vertragsabschluss oder die Familientradition. Welche Freiheit die Imbissbude bringt, beschreibt Stephan Loos in seinem Essay

Gerne gebe ich es zu: Ich bin ein begeisterter Currywurst-Esser. Und dies nicht erst seit der Lektüre von Uwe Timms Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“, die in der Hamburger Neustadt spielt. Ich mag den Geschmack der Kalbsbratwurst mit der fruchtig-scharfen Currysoße, für die man nicht in eines dieser ultrahippen Edelcurryrestaurants und schon gar nicht an das Kühlregal des Discounters gehen darf, sondern zu einem jener Schnellimbisse in den städtebaulichen Nischen unserer Metropole.

Für so manchen mag dies der Inbegriff des ungesunden Essens sein, für mich ist es mehr als nur Nahrungsaufnahme: Es ist ein Ritual! Essen und Trinken dienen nicht allein der Befriedigung eines biologischen Bedürfnisses, sondern haben auch eine kulturelle Dimension. Aus dem reinen Essvorgang wird ein Speiseritual, bei dem Nahrung in ein Symbol verwandelt wird und der Akt des Essens Sinn und Gemeinschaft stiftet. Das klingt kompliziert, ist es aber gar nicht, wie der Blick in die Kulturgeschichte des Essens zeigt.

Im 6. Jahrhundert hatte Bischof Gregor von Tours eine Auseinandersetzung mit dem Merowinger-König Chilperich, in deren Verlauf der König ihn plötzlich zum Mahl einlud. Gregor ließ sich von den Verlockungen eines opulenten Gastmahls nicht beeindrucken. Erst als der König geschworen hatte, die Gesetze der Kirche nicht zu übertreten, nahm Gregor die Einladung an. Was aus heutiger Sicht reichlich unhöflich erscheint, war damals die Ablehnung eines unmoralischen Angebots. Denn im Mittelalter besiegelte das gemeinsame Essen und Trinken, „convivium“ genannt, das Ende eines Konfliktes. Es machte aus Feinden Freunde oder Partner und hatte gemeinschaftsbildende Kraft. Das Mahl hatte für die Zukunft bindenden Vertragscharakter. Gregor wusste, dass er keine Gelegenheit mehr haben würde, seine Forderungen durchzusetzen, sobald das Essen stattgefunden hatte.

In der frühen Neuzeit erhielt das gemeinsame Mahl eine andere Funktion: Es wurde zu einem Ritual, bei dem die hierarchische Ordnung der Herrschenden dargestellt wurde. Die öffentliche Tafel, ein Essen des Fürsten vor den Augen seines Hofstaates und aller anderen Neugierigen anlässlich der feierlichen Einsetzung in ein Amt oder eines Friedensschlusses, verdeutlichte die unterschiedlichen sozialen Ränge der Teilnehmer. Der hierarchische Status eines jeden Mitglieds des Hofadels wurde durch die Sitzordnung, die Anzahl der Tafeldiener, die den Gast bewirteten, den Abstand der Gedecke, die Auszeichnung mit Tafelinsignien und die Wahl der Kleidung deutlich gemacht.

Das Essen sollte die Unterschiede der Machtverteilung zeigen

Essen diente auch hier weniger der Nahrungsaufnahme, sondern stand im Dienste der politischen Kommunikation: Die herausragende Stellung des Herrschers sollte sichtbar werden, wie auch die politisch-soziale Ordnung mit ihren feinen Unterschieden. Und wer meint, dass dies Geschichte sei, beachte einmal die Zusammenstellung der Gäste und die besondere Sitzordnung beim Hamburger Matthiae-Mahl.

Die gemeinschaftsstiftende und die sozial ordnende Funktion des Mahles prägen die Kultur des gemeinsamen Essens bis in die Gegenwart hinein. Zwar haben Aristokratie und Bürgertum an Bedeutung verloren, aber an ihre Stelle sind heute soziale Schichten oder Milieus getreten, die nicht weniger auf feine Unterschiede achten.

Beide Beispiele zeigen, dass Speiserituale keine beliebigen Handlungen sind. Sie folgen bestimmten Regeln und haben eine normierte äußere Form, die den am Ritual beteiligten Personen bekannt sind. Voraussetzung ist, dass gemeinsame Vorstellungen bestehen, welches Verhalten ein Ritual darstellt. Alle Beteiligten wissen, wie und warum sie so handeln, wie sie es tun, und jeder weiß, was der andere tun wird und was man selbst zu tun hat. Rituale stiften Identität, indem sie Unterschiede gegenüber den nicht am Ritual Beteiligten deutlich machen. Sie werden nicht zufällig vollzogen, sondern öffentlich, demonstrativ und feierlich inszeniert. Der besondere Ort des Rituals, die besondere Kleidung, bestimmte Zeichen für Anfang und Ende sowie nicht alltägliche Sprachformeln machen den Unterschied zum Alltag deutlich.

Dies lässt sich an der Feier des christlichen Abendmahls verdeutlichen, einem Speiseritual par excellence. Die Feier der Eucharistie folgt einem einheitlichen Ritus, der den Feiernden bekannt ist und bei dem der – unter anderem durch seine Kleidung herausgehobene – Pfarrer und die Gemeinde wissen, was wann zu tun ist. Und schließlich bewirkt das Abendmahl wie auch andere Speiserituale eine – soziale, politische, spirituelle– Zustandsveränderung. Das Brot in Gestalt der Hostie wird zum Leib, der Wein wird zum Blut Jesu Christi. Und indem diejenigen, die die Eucharistie feiern, beides zu sich nehmen und sich des letzten Abendmahls Jesu erinnern, vergegenwärtigt sich Gott und wird die Gemeinschaft der Menschen mit ihm und untereinander Wirklichkeit. So dient dieses Ritual nicht allein der leiblichen Sättigung, sondern verweist über sich hinaus und bekräftigt einen größeren Ordnungszusammenhang: den neuen Bund Gottes mit den Menschen, der sich im Reich Gottes verwirklicht. Wie auch andere Speiserituale erinnert es an Vergangenes und verpflichtet zu zukünftigem Handeln.

Jede Gesellschaft vergewissert sich fortlaufend der Gültigkeit von Werten, indem sie sie in Ritualen sinnlich wahrnehmbar macht. Fast jede Handlung, nicht nur eine religiös-kultische, kann zum Ritual werden. Doch Rituale stabilisieren nicht nur, an ihnen kristallisieren sich auch Konflikte. Wenn die gesellschaftliche Ordnung infrage gestellt wird, werden die bis dahin geltenden Rituale aktiv angegriffen oder als sinnleere Form denunziert. Genau das passierte in der Nachkriegszeit: Erstens erforderte die industrielle Zeitorganisation eine andere Esskultur, weil die Menschen immer weniger die Möglichkeit hatten, zu Hause in der Familie in Ruhe Mahl zu halten.

Die Nazis haben das Familienmahlzu etwas Makabren gemacht

Zweitens war das Ideal der Tischgemeinschaft durch die nationalsozialistische Propaganda mit ihren sogenannten „Eintopfsonntagen“, an denen alle aufgefordert waren, Eintopfgerichte anstelle teurer Sonntagsmenüs zu essen, um so die entsprechenden Opfer für das Endziel zu erbringen, missbraucht worden. Das zeremoniell eingenommene Mahl war, so Heinrich Böll, zu etwas Makabren geworden. Und drittens waren die Menschen im 20. Jahrhundert die zunehmenden Unterscheidungsrituale beim Essen, die genau zu beachtenden Schweige- und Redezeiten, die normierten Konversationsthemen und die Tischmanieren schlichtweg leid.

Der Verzehr der Currywurst wurde zu einem Ritual, das die bis dahin vorherrschende Mahlkultur ablehnte. Die Imbissbude markiert eine Opposition zu der klassischen Tischgemeinschaft, denn in der Schlange vor dem Imbissstand sind alle gleich, ungeachtet ihrer Herkunft. Jugendliche und Ältere, sozial Benachteiligte und Großstadtnomaden begegnen sich hier so einfach wie sonst an nur wenigen anderen Orten. Das schnelle, oft beiläufige Essen in der Öffentlichkeit widerspricht dem hohen Grad an Abgeschlossenheit, Intimität und Gemütlichkeit der häuslichen Tischgemeinschaft. Die Tischsitte des Currywurstrituals ist reduziert: An die Stelle von Besteck und der dadurch demonstrierten vornehmen Mäßigung der Essbegierde tritt die unmittelbare Verköstigung des Essens mit der Hand. Nichts ist im Imbiss peinlich.

Das schnelle Essen aus der Hand wird als Freiheit verstanden, sich an keine festen Essenszeiten halten, keinem Kleiderzwang und keiner Etikette unterwerfen zu müssen. Dass alle das Gleiche verzehren, ist Ausdruck einer fiktiven egalitären sozialen Gemeinschaft. Die Sprache ist bei diesem Ritual auf das Wesentliche der Bestellung reduziert, funktional und ungezwungen zugleich. Dies wird als Freiheit vom Kommunikationszwang erfahren. Gerade für Ältere und Obdachlose wird der Imbiss zum tagtäglichen Treffpunkt unter freiem Himmel, der den Alltag strukturiert. Heimat, Gleichheit und Authentizität, das sind die Werte, die die Erfolgsgeschichte des Rituals der Currywurst begründen.