Kirche

„Gott hat versprochen, dass ich nie alleine bin“

An Gott gezweifelt habe ich nie. Dafür bin ich sehr dankbar. Natürlich habe ich Zweifel, aber dabei bewegt mich immer das Tun und Lassen der Menschen und dabei vor allem auch mein eigenes Verhalten. Engagiere ich mich genug? Warum bin ich so träge? Sollte ich mich nicht viel stärker für Gerechtigkeit, Frieden und die bedrohte Schöpfung einsetzen? Zurzeit beschäftigt mich vor allem die Frage, warum so viele Menschen weltweit und vor allem in Europa ihr Vertrauen in Demokratie und Rechtsstaatlichkeit verlieren. Sicher gibt es einen Reformstau in den Institutionen, und bestimmt sind unsere Volksvertreter keine Heiligen. Aber deshalb alles verächtlich zu machen, was in den letzten Jahrzehnten erfolgreich Friede und Wohlstand gesichert hat, lässt mich an der Vernunftbegabung der Menschen zweifeln.

Noch stärker wird der Zweifel, wenn ich in die großen Krisenherde der Welt schaue. Nach Syrien zum Beispiel: Eine Gewaltorgie, in der mittlerweile jeder gegen jeden zu kämpfen scheint. Keiner blickt durch, alle machen mit. Das Chaos ist entsetzlich, und die Menschenwürde wird mit Füßen getreten. Das Leid der Opfer schreit zum Himmel! Und ich frage nicht, wie Gott das zulassen kann. Ich frage mich mit hilflosem Zorn, wieso wir Menschen so wenig lernen. Woher diese irrationale Lust an der Zerstörung kommt.

Sicher, manchmal gibt es eine Sehnsucht nach dem Eingreifen Gottes. Aber wie sollte das aussehen? Noch mehr Gewalt, aber jetzt mit Gott als Gewalttäter? Dann begänne ich auch an Gott zu zweifeln. Nein, wir sind verantwortlich. Schließlich sind wir schon groß. Wir können und sollen unser Leben eigenverantwortlich gestalten.

Gott hat mir nie versprochen, dass er dafür sorgt, dass ich gesund und erfolgreich bleibe. Gott hat mir auch nie versprochen, dass er dafür sorgt, dass meine Träume und Sehnsüchte Erfüllung finden. Gott hat mir und uns allen aber sehr wohl versprochen, dass wir nie alleine sein werden. An dieser Gegenwart Gottes habe ich auch in schweren Stunden nie gezweifelt. Wenn ich bete, dann geht es mir letztlich um Beziehung. Ich rede dann mit der Liebe selbst und mit dem Grund unseres Seins, diesem unendlich solidarischen Gott, der unsere Not und Hilflosigkeit mit erleidet. Das gibt mir Kraft und lässt mich trotz aller Zweifel weiter um die Vernunft und Liebesfähigkeit der Menschen ringen.