Kirche

Zweifel können einen stärker machen

Pastoralpsychologin Anne Reichmann findet es wichtig, dass Menschen ihre Entscheidungen und ihren Glauben immer wieder infrage stellen

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nne Reichmann (64) ist Pastorin und Geschäftsführerin des Pastoralpsychologischen Instituts im Dorothee-Sölle-Haus. Sie bildet Seelsorger aus und ist Supervisionsbeauftragte der Nordkirche.

Hamburger Abendblatt: Aristoteles sagte einst: „Zweifel sind der Beginn von Weisheit.“ Ist da was Wahres dran?

Anne Reichmann: Ja, wenn ich zweifle, stelle ich das infrage, was ist, und mache mich auf die Suche. Ich lasse also nicht alles nur gut sein, sondern mache mich auf den Weg, forsche und frage. Und genau das kann einen auf die Dauer weise machen.

Gibt es eine Lebensphase, in der Zweifel besonders häufig vorkommen?

In der Pubertät kommen oft sehr tiefgehende Zweifel vor. Jugendliche zweifeln daran, ob sie so in Ordnung sind, wie sie sind, ob sie in die Welt passen, wie sie aussehen, ob sie sich noch mehr anpassen und anstrengen müssen. Auch Menschen in der Midlife-Krise haben oft Zweifel, weil das, was sie ausmacht, wo sie bisher ihre Kraft herausgezogen haben, plötzlich nicht mehr stimmig ist. Sie merken, dass sie mehr Erholungspausen brauchen als früher und sich die Ziele verschoben haben.

Ist Zweifel zu haben ein wichtiges Gefühl?

Ja, sie sind ein sehr wichtiges Gefühl. Denn Zweifel machen einen stärker im Leben, wenn man ihnen Raum gibt und nachspürt und sie auch wieder gehen lässt. Ohne Zweifel wäre das Leben langweilig. Ich würde mich fürchten vor Menschen, die keinerlei Zweifel haben. Denn diese Leute sind sehr von sich überzeugt, sie wissen alles und haben alles schon mal erlebt. Und solche Bescheidwisser sind meistens Leute, die gar nicht auf andere hören und angemessen auf sie reagieren können. Fundamentalisten sind solche Menschen, die treiben sich und anderen jeglichen Zweifel aus – und das ist eine Form von Gewalt. Es gibt aber auch die Form von Zweifel, bei der man zur Depressivität neigt. Dann sind die Zweifel so groß und auch unabhängig von einem bestimmten Inhalt, dass sie zu einer Haltung werden, bei der diese Menschen an jedem und allen und vor allem an sich selber zweifeln. Die können keinerlei Entscheidungen treffen und sind am Ende wie gelähmt.

Sind Zweifel also eine Art innerer Kompass?

Ja, auf innere Zweifel zu hören ist ganz wichtig. Wenn man sich zum Beispiel für eine neue Stelle bewirbt und danach Zweifel bekommt, ob das überhaupt der richtige Schritt ist, ob die Stelle passt und man mit diesem Chef überhaupt zusammenarbeiten möchte. Diese inneren Stimmen, die man vielleicht erst nach dem Vorstellungsgespräch hört, sollte man sehr ernst nehmen und ihnen Raum geben, bevor man zu schnell eine Entscheidung trifft.

Sie bilden Seelsorger aus, begegnen Ihnen häufiger Pastoren, die an sich zweifeln?

Natürlich gibt es immer wieder Pastoren, die daran zweifeln, ob sie ihren Beruf weiter ausüben können. Sie haben dann vielleicht große Schwierigkeiten, mit den Erwartungen ihrer Gemeindemitglieder zurechtzukommen. Denn viele Menschen erwarten von den Pastoren und Pastorinnen, dass sie immer Bescheid wissen, nie unsicher sind, keine Zweifel haben. Sie verlangen von den Pastorinnen und Pastoren, dass sie ihnen sagen, wo es langgeht. Dass sie ihnen genau erklären, wer Gott ist, als ob das ein objektiver Gegenstand wäre. Dabei hat Gott für jeden Einzelnen eine ganz individuelle Bedeutung. Doch viele Menschen haben einen großen Wunsch nach Sicherheit und wollen, dass die Pastorin oder der Pastor sie ihnen gibt. Das ist aber eine Überforderung. Manche Pastorinnen und Pastoren sind nicht selbstbewusst genug zu sagen, dass niemand solche Wünsche erfüllen, dass man sich aber gemeinsam auf die Suche machen kann und dabei bestimmt gemeinsam wertvolle Entdeckungen machen wird.

Im Leben eines Christen gibt es immer wieder Zweifel an der Existenz Gottes. Wie kann man damit umgehen?

Glaube bedeutet ja nicht, dass ich bestimmte Dinge für wahr halte. Also dass ich mir sicher bin, dass Gott existiert. Gläubige haben eine Beziehung zu Gott, und das gibt ihnen ein Grundgefühl des Vertrauens, mit dem sie in die Welt gehen. Aber an dieser Beziehung können sie auch immer wieder zweifeln. Wenn sie eine Leere spüren und ihnen der Sinn des Lebens verloren geht – dann kommen sie in einen Glaubenszweifel. Meiner Meinung nach kann es einen wirklichen Glauben ohne diesen Zweifel gar nicht geben.

Gehören Zweifel und Glauben zusammen?

Ja, denn der Glaube ist kein Besitz, sondern eine lebendige Beziehung zu einem Gegenüber, mit dem ich eine Erfahrung machen kann. Gott spürt man am meisten, wenn man sich von ihm verlassen fühlt, und nicht nur, wenn man sehr glücklich ist.

Doch wenn Gott mich gerade in Notsituationen verlässt und mir nicht hilft, wenn ich ihn am meisten brauche, ist dann nicht die Gefahr groß, dass ich den Glauben an ihn für immer verliere?

Das kann passieren. Wenn Gott für mich bedeutet, dass es mir immer gut gehen muss und er dafür zuständig ist, dass ich glücklich bin, dann wird dieser Gott daran zerbrechen in einer Situation, in der ich nicht verstehe, dass es mir so schlecht geht.

Wie kann ich fester werden und die Zweifel an Gott überwinden?

Indem ich den Zweifel zulasse, ihn aushalte und nicht gleich weglaufe. Zweifel kann ja ein treibendes Moment sein, aus dem ich stärker hervorgehen werde, mit den Zweifeln kann ich mich weiterentwickeln und reifer werden – auch in meinem Glauben. Jesus am Kreuz war ja auch in einer Situation, in der er an Gott gezweifelt hat.