Kirche

Die Welt etwas besser machen

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Ann-Britt Petersen

Schauspielerin Marie-Luise Marjan, die mit ihrer Rolle als Helga Beimer in der TV-Serie „Lindenstraße“ berühmt wurde, wuchs bei christlichen Eltern auf und bekennt sich zu ihrem Glauben. Er ist Ansporn für ihr soziales Engagement

esucherandrang in der Hauptkirche St. Michaelis. Trotz des sonnigen Wetters zieht es auch an diesem Nachmittag viele Touristen in Hamburgs Wahrzeichen, den Michel. Unter den Besuchern ist eine elegant gekleidete Dame, schwarzer Longblazer über heller Bluse, gut sitzende Kurzhaarfrisur, freundliches Gesicht. Ein bekanntes Gesicht. Die Schauspielerin Marie-Luise Marjan, „Mutter Beimer“ aus der Fernsehserie „Lindenstraße“, bleibt auch hier nicht unerkannt. Besucher fragen, ob sie ein Selfie mit ihr machen dürfen. Marie-Luise Marjan nickt, lächelt – ganz Profi vor der Kamera – und wirkt trotzdem nahbar. Seit 32 Jahren verkörpert sie die Helga Beimer in der Kultserie, der Drehort ist Köln, wo sie während der Filmaufnahmen wohnt. Doch seit 1982 hat sie auch eine Wohnung in Hamburg. Und wenn es die 76-Jährige in der Hansestadt in eine Kirche zieht, dann ist der Michel ihre erste Adresse. Ihr Ankerplatz.

„Es ist wunderbar, hier zu sitzen“, sagt sie begeistert, während sie auf den weißen geschwungenen Kirchenbänken der Empore Platz nimmt. „Das helle Kirchenschiff hat eine unglaubliche Strahlkraft, und der Altar ist prunkvoll, aber nicht überladen.“ Genau dieses hanseatische Understatement gefällt ihr an der Kirche. Verbunden fühlt sie sich mit dem Michel nicht nur durch Gottesdienstbesuche, hier hat sie schon bei einer Lesung mitgewirkt und Geld für die Sanierung des Gebäudes gespendet. Auf einer Tafel mit Spendern steht ihr Name. Kirchen sind für die Künstlerin wichtige Rückzugsorte. „In jeder Stadt, in die ich komme, besuche ich eine Kirche, genieße die Stille des Ortes, stelle eine Kerze auf.“

Als gefragte Schauspielerin ist sie bereits viel herumgekommen. Nach ihrem Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Hamburg war sie 20 Jahre lang an namhaften Bühnen in Basel, Bonn, Karlsruhe, Bochum und Berlin sowie am Hamburger Thalia Theater engagiert. Als sie 1985 mit der Rolle der Helga Beimer begann, hatte sie zudem bereits zahlreiche Filmrollen gespielt.

„Ich wollte immer Schauspielerin werden.“ Ihre Freude am Singen und Darstellen entdeckte sie bei Aufführungen in der Schule. Ihre Leidenschaft brachte sie mit Größen wie Theaterintendant Peter Zadek und Regisseur Wolfgang Petersen zusammen. „Bevor ich mich am Schauspielhaus Bochum bei Intendant Hans Schalla für eine Rolle bewarb, bin ich vorher in eine benachbarte Kirche gegangen und habe gebetet, dass ich die Rolle bekomme. Es hat tatsächlich geklappt“, sagt Marjan und lacht. Natürlich sei sie nicht so naiv zu glauben, dass sich alle Wünsche auf diese Weise erfüllten, „es war ein Versuch“, sagt sie.

Mit der Religion ist es der getauften und konfirmierten Christin aber ernst. „Der Glaube ist wie ein Geländer, ohne Glaube kann die Welt nicht existieren“, ist sie überzeugt. Sie selbst wurde christlich erzogen. „Ich wuchs bei liebevollen Eltern in Hattingen an der Ruhr auf“, sagt sie. Als Kind betete sie abends mit ihrer Mutter, sonntags ging die Familie regelmäßig in die Kirche. Dass es Pflegeeltern waren, die sie als Einjährige aus dem Waisenhaus geholt und sie später adoptiert hatten, erfuhr die gebürtige Essenerin erst, als sie 16 Jahre alt war – „durch Tratsch in der Schule“.

Sie besuchte ihre leibliche Mutter, die nach Kanada ausgewandert war, „aber es blieb eine Distanz zwischen uns“, erinnert sie sich. Damals sei sie darüber enttäuscht gewesen. „Als ich älter wurde, konnte ich sie besser verstehen, sie war ja selbst ein Waisenkind“, sagt Marjan. Sie machte sich auch auf die Suche nach ihrem leiblichen Vater, konnte ihn nur noch an seinem Grab besuchen. Aber sie fand seine Familie, darunter „auch einen Halbbruder und viele Cousinen und Cousins. Einmal im Jahr gibt es ein großes Familientreffen.“ Der WDR hatte sie bei der Suche begleitet. Die erfreuliche Wendung ihrer Familiengeschichte beschrieb sie in ihrem Buch „Ganz unerwartet anders“.

Ihren Optimismus, ihre Kraft findet sie in ihrem Glauben. „Gott ist für mich eine Kraft, die in uns wohnt, die wir nur entdecken müssen.“ Für sie ist Gott positiv besetzt – ein Friedensbringer. Kriege im Namen der Religion bleiben ihr unverständlich. Die Welt etwas besser zu machen ist ein Anspruch, den die engagierte Frau seit mehr als 20 Jahren in ihrem sozialen Einsatz für Kinder und Jugendliche umsetzt.

Als Fördermitglied der Malteser unterstützt sie hiesige Projekte, als Botschafterin für Unicef und als Patin der Kinderhilfsorganisation Plan International reist sie auch in die ärmsten Regionen der Welt. Sie übernahm Patenschaften für Kinder in Indien, Sri Lanka, Vietnam und Paraguay. Vergangenes Jahr besuchte sie in Haiti ihr fünftes Patenkind, Alexis, und informierte sich über den Aufbau der dortigen Schule. In ihrer eigenen Marie-Luise-Marjan-Stiftung, die sie unter dem Dach von Plan International gründete, setzt sie sich gegen die Kinderheirat in Bangladesch und Mangelernährung in Paraguay ein. „Und im Norden von Thailand unterstützen wir Mädchen und junge Frauen ethnischer Minderheiten mit Stipendien für Studien im Bereich Landwirtschaft.“ Sie möchte dazu beitragen, dass „Menschen in Würde leben“, sagt die mehrfach ausgezeichnete Helferin.

Anderen Kulturen und Religionen begegnet sie offen. Und sie begrüßt die Ökumene der Christen. Zu ihrem großen Freundeskreis zählt sie Geistliche beider Konfessionen. Doch vor Jahren hat sie sich derart über Pastoren geärgert, dass sie aus der Kirche austrat. „Mit welchem Recht verurteilt ein Priester in seiner Predigt Mütter von unehelichen Kindern?“, empört sie sich. Damals beschloss sie, ihr Geld lieber gezielt in Hilfsprojekte zu stecken. Doch sie lehnt die Kirche nicht generell ab. „Die Gemeinschaft ist wichtig, und es gibt Pastoren, die fesselnde Predigten halten, für ihre Gemeinde da sind“, sagt sie. Für diese Menschen empfindet sie Hochachtung.

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