Kirche

Ein Friedensbewegter

Jan Pörksens Vorfahren waren überwiegend Pastoren, seit seinem 15. Lebensjahr besucht er die Evangelischen Kirchentage. Sein Glaube gehört für ihn zum Leben einfach dazu. Sehr fromm ist der Staatsrat der Sozialbehörde allerdings nicht

is vor wenigen Jahren war die neugotische Christuskirche in Eimsbüttel innen grau gestrichen und sehr schlicht, was deprimierend gewesen sein muss, wenn man zuvor außen die prächtige Backsteinfassade gesehen und einen entsprechenden Innenraum erwartet hat. „Aber jetzt nach der Renovierung ist das Innere sehr schön geworden“, sagt Jan Pörksen (52). Die roten Backsteinsäulen sind vom Grau befreit, die Wände weiß gekalkt und die bunten Fenster im Altarraum ein echter Hingucker. Seit 23 Jahren ist der Staatsrat der Hamburger Sozialbehörde Mitglied dieser Kirchengemeinde. In der Christuskirche wurden seine beiden Kinder getauft und konfirmiert. Ein regelmäßiger Kirchgänger ist Pörksen dennoch nicht.

Das ist etwas verwunderlich, da der gebürtige Hamburger doch aus einer richtigen „Schleswig-Holsteiner Pastorensippe“ kommt, wie er seinen Stammbaum väterlicherseits nennt. Die Urgroßväter und der Großvater waren Pastoren, zwei Onkel sind es noch. „Meinen Großvater fand ich immer sehr beeindruckend, besonders auf der Kanzel mit seiner großen Halskrause. Mein Vater, der Psychiater ist, war jedoch als eines von 13 Kindern eher kirchengeschädigt“, sagt Pörksen. Die christliche Erziehung der drei Kinder übernahm deswegen die Mutter, eine Grundschullehrerin. So richtig mit dem Glauben beschäftigt hat sich Jan Pörksen jedoch erst in der Konfirmationszeit in Lüneburg. „Diese Zeit war großartig, wir durften viel mitgestalten. Und meine zwei besten Freunde habe ich dort kennengelernt, das prägt.“

Jan Pörksen gehört zu der Generation der „Friedensbewegten“, wie er die Menschen nennt, die gegen „den Nato-Doppelbeschluss und die Atomkraft“ auf die Straße gingen. Seine Idole waren damals Erhard Eppler (Ex-Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit) und Heinrich Albertz (Pastor und ehemaliger Berliner Bürgermeister). Sie sprachen in den 80er-Jahren häufig auf den Evangelischen Kirchentagen. „Um die beiden zu hören, pilgerte ich immer zu den Kirchentagen hin. Im Grunde genommen begann dort meine politische Sozialisation“, sagt der SPD-Politiker, der zu den gemäßigten Linken seiner Hamburger Partei zählt.

Seinen ersten Kirchentag erlebte er mit 15 Jahren 1979 in Nürnberg – inzwischen ist Pörksen seit drei Jahren sogar Mitglied im jeweiligen „Durchführungsverein“, einem Vorbereitungsteam für die Kirchentage. Was Pörksen an dieser Veranstaltung schätzt, sind die „spannenden und oft kontroversen, aber unaggressiven Diskussionen“. Zu den großen Gottesdiensten zieht es ihn auch, aber „ich mag es nicht, wenn es zu fromm wird“.

Jan Pörksen ist so, wie man sich einen norddeutschen Protestanten vorstellt: kritisch, humorvoll und ein Freund offener, klarer Worte. Für ihn gehört der Glaube einfach zum Leben dazu, er hat ihn nie infrage gestellt, nie gezweifelt. „Vor allem bei Beerdigungen merke ich, wie gut es ist zu wissen, dass es da noch jemanden gibt, in dessen Hände man sich fallen lassen kann“, sagt Pörksen und erzählt von dem frühen Tod zweier Cousins. „Bei der Trauerfeier hat der Glaube uns als Familie viel Rückhalt gegeben.“ Sein Glaube ist für ihn auch „Kraftquelle in kritischen Situationen, wenn ich mal unter Druck bin“. So wie im Herbst 2015, als er als Staatsrat der Sozialbehörde einer der Hauptverantwortlichen für die Bewältigung der Flüchtlingsströme war. „Da gab es viele schlaflose Nächte und Treffen mit Mitarbeitern von ,fördern und wohnen‘, die fast zusammengeklappt sind, weil sie einfach mit ihren Kräften am Ende waren.“ Doch gleichzeitig macht ihn die Bewältigung der Krise auch stolz, „denn sie hat gezeigt, wie gut Staat und Zivilgesellschaft hier zusammenarbeiten können“.

Zu den schrecklichsten Ereignissen seiner Arbeit als Staatsrat gehört der Tod zweier Kinder – Chantal und Yagmur. „Da wurden folgenreiche Fehler gemacht, doch es ist unrealistisch, dass das Jugendamt auch in Zukunft alle gefährdeten Kinder rund um die Uhr im Blick haben kann.“ Er habe in den letzten fünf Jahren Einblicke in Familienverhältnisse bekommen, „die so schrecklich sind, dass sich das kaum ein normaler Mensch vorstellen kann“. Dennoch liebt er seinen Posten. „Ich bin genau da, wo ich immer hinwollte.“ Zuvor hatte der Jurist unter anderem als persönlicher Referent des Bürgermeisters Ortwin Runde (SPD) und später als Haushaltsdirektor in Bremen gearbeitet. „Doch als Staatsrat der Sozialbehörde lernt man das wahre Leben kennen und kann was bewegen. Das gefällt mir.“ Neben der Jugendhilfe und Flüchtlingen ist er für die Kitas, Menschen mit Behinderungen, Integration, Obdachlose und Arbeit zuständig. Während die Sozialsenatorin die Behörde mit 700 Mitarbeitern vor allem nach außen vertritt, übernimmt Pörksen die Leitung nach innen.

Er ist überzeugt, dass ihn sein Zivildienstjahr in Freiburg sozial geprägt hat. Er hat in einem Altenheim demente Frauen gepflegt. „Das war seelisch die anstrengendste Arbeit, die ich je hatte. Da habe ich viel über Einsamkeit und Verlassenheit alter Menschen gelernt.“

Weil ihm die süddeutsche Stadt so gut gefiel, studierte er danach dort Jura, „immer mit dem Ziel, in die öffentliche Verwaltung zu gehen“. In Freiburg lernte Jan Pörksen seine Frau Anke kennen, eine rheinländische Frohnatur, katholisch erzogen und genauso politisch interessiert wie er. „Durch Anke habe ich auch viele positive Seiten am Katholizismus kennengelernt. Ich mag zum Beispiel das Festliche im Gottesdienst, da könnten sich die Protestanten eine Scheibe von abschneiden.“ Die beiden heirateten ökumenisch in Krefeld – „mein Onkel hat uns vermählt“ –, die Kinder wurden allerdings evangelisch getauft. „Einfach weil es hier mehr Protestanten gibt“, sagt Pörksen. Gut fand er, dass sowohl der Sohn als auch die Tochter sich konfirmieren ließen. Er fände es schön, wenn der Glaube in ihrem Leben genauso selbstverständlich wird wie in seinem.

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