Kirche

Die Kita wird das Herzstück

Die Kirchengemeinde vor Ort plant aktiv mit bei der Neuen Mitte Altona

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urzeit ist die Neue Mitte Altona noch eine riesige Baustelle. Auf den Flächen des stillgelegten Güterbahnhofs Altona sollen zwischen Harkortstraße und Wasserturm zunächst rund 1600 neue Wohnungen entstehen, bis 2030 weitere 1900 auf dem ehemaligen Holsten-Brauereigelände. „Neue Mitte Altona“ ist Hamburgs zweitgrößtes Stadtentwicklungsprojekt nach der HafenCity. „Und wir werden es mit anderen umliegenden Gemeinden begleiten“, sagt Vanessa von der Lieth, Pastorin der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Altona-Ost.

Ein ganz neuer Stadtteil vor der Tür – das ist eine Herausforderung. Schon jetzt gehören zur Gemeinde drei Kirchen, von denen jede ihr ganz eigenes Profil hat: die Friedenskirche an der Grenze zu St. Pauli, die Christophoruskirche als „Kirche der Stille“ in der Helenenstraße und die Kulturkirche St. Johannis Altona an der Max-Brauer-Allee. Das Pro­blem: Sie liegen alle relativ weit entfernt von der Neuen Mitte.

„Wir haben uns gefragt: Was passiert da an unseren Gemeindegrenzen, geht uns die Neue Mitte etwas an?“, sagt Hermann-Dieter Schröder, seit 1996 Mitglied des Kirchengemeinderats. „Die Antwort war klar, wir wollen uns beim Aufbau des neuen Stadtteils engagieren. Wenn ab 2018 die ersten Bewohner des Bauabschnitts eins hierherziehen, wollen wir als Kirche mit Aktivitäten präsent sein.“

Eine neue Kirche zu bauen kam nicht infrage. Stattdessen beschloss die Gemeinde als ersten Schritt, eine Kita in kirchlicher Trägerschaft anzubieten, da viele junge Familien in das neue Quartier ziehen werden. Schritt zwei: Direkt an der Harkortstraße wird ein neues Pastorat eingerichtet. „Das ist seit wenigen Wochen in trockenen Tüchern: Wir haben als Gemeinde dort eine große Wohnung gekauft, in der Raum für eine Dienstwohnung, ein Büro und für Besprechungen sein wird“, sagt Schröder. Schritt drei: Die Gemeinde beteiligt sich am Forum „Eine Mitte für alle“. In der Bürgerplattform, 2012 von der Evangelischen Stiftung Alsterdorf initiiert, sind neben Bürgern auch lokale Institutionen aus Politik und Verwaltung, aus der Kreativwirtschaft sowie Stiftungen vertreten. Das Forum hat bereits wichtige Schritte zu einer nachhaltigen und inklusiven Stadtteilplanung entwickelt, die nun umgesetzt werden. „Es macht keinen Sinn, Konzepte zu machen, ohne die Menschen vor Ort einzubeziehen“, s0 von der Lieth. „Deshalb arbeite ich für die Gemeinde im Forum mit.“

Durch die Kita finden Eltern schnell Kontakte, die Kirche fördern möchte

Die Kita soll im neuen Stadtteil ein wesentlicher Stützpfeiler für die Gemeinde werden. „Eltern finden schnell Kontakt: Man spricht miteinander leichter über seine Kinder als über andere Lebensverhältnisse“, sagt Kirchengemeinderätin Karin Müller, die auch Geschäftsführerin des Kita-Werks Altona-Blankenese ist. „Diese Kontakte zu unterstützen ist uns wichtig, denn in der Neuen Mitte Altona werden auch viele Menschen mit Migrationshintergrund und Flüchtlingsfamilien ein Zuhause finden. In einem Hamburg, das auf 40 Prozent Einwohner mit Migrationshintergrund zusteuert, ist es ganz klar, dass wir in den Kitas dieses interkulturelle Nebeneinander fördern möchten.“ Ein Kind, das in bunt gemischten Stadtteilen wie Altona oder St. Pauli aufwachse, erlebe ein anderes Umfeld als etwa in den Hamburger Randbezirken. „Gerade an den Kitas der Friedenskirche oder der St. Pauli Kirche zeigt sich, dass sie Mittelpunkt wie in einem Dorf sein können.“ Das kann auch in der Neuen Mitte Altona gelingen, hofft Müller. „Mir ist es wichtig, hier als Kirche die Stimme zu erheben.“

Schon seit 14 Jahren ist Karin Müller Mitglied im Kirchengemeinderat. „Die Mitarbeit ist für mich keine schwere Pflicht, sondern macht mir Freude“, sagt sie. „Wir haben gemeinsam schon tolle Feste gefeiert, wir lachen oft, viele Mitglieder sind befreundet. In den Ausschüssen versuchen wir auch mal andere Wege zu gehen. Zum Beispiel engagieren wir uns für Flüchtlinge und Menschen im Kirchenasyl.“ Hermann-Dieter Schröder, Soziologe und Spezialist für Medienforschung, kam 1996 als Ehrenamtlicher in den Kirchenvorstand, wie es damals noch hieß. Gleich nach seiner Wahl wurde er Vorsitzender. „Ich bin unbedarft da reingegangen. Ich dachte: Die machen da Kirchenverwaltungskram. Dann habe ich gemerkt: Huch, hier ist ja was los!“

Als Gemeinderatsmitglied hat er auch bei der Fusion der Kirchen mitgewirkt

Viele Entscheidungen in einem Kirchengemeinderat sind ja nicht nur Pastorensache. Schröder hat schon die Fusion der drei Gemeinden Friedenskirche, St. Johannis und Christophoruskirche mitbegleitet, jetzt hat er unter anderem beim Kauf des neuen Pastorats mitverhandelt. Die Gemeinde wolle kein Konzept am grünen Tisch entwickeln, solange es noch keine Nachbarn gibt, sagen Schröder und Müller. Aber die Beteiligung am Forum „Eine Mitte für alle“ sei wichtig: „Nicht nur, um mitzureden, sondern auch, um zu hören, welche Themen die Menschen vor Ort beschäftigen.“

Ein Kirchengemeinderat habe heute eine andere Funktion als noch vor 30 Jahren oder auf dem Lande, sagt Schröder. „Damals repräsentierte er das bürgerliche Establishment. Inzwischen hat im Stadtteil ein Wandel stattgefunden. Die Kirchengemeinde ist nicht mehr ein Spiegelbild der Wohngemeinde.“ Das Neben- und Miteinander vieler verschiedener Religionen und Kulturen zeigt sich gerade in den Kitas und der Jugendarbeit. Der Kirchengemeinderat muss dazu eine Haltung entwickeln. Und hat es getan: „In der Neuen Mitte Altona geht es nicht darum, die evangelischen Schäfchen um uns zu sammeln“, sagt Schröder. „Wir wollen eine Kita für alle. Genauso werden wir auch mit anderen Aufgaben umgehen, die sich im Stadtteil ergeben. Wir wollen offene Angebote machen.“