Kirche

Mittler zwischen Streitenden

Bezirksamtsleiter Falko Droßmann und Diakon Martin Leimbach über das Zusammenspiel von Politik und Kirche im Stadtteil

Andrea Busse

Falko Droßmann, Bezirksamtsleiter von Hamburg-Mitte, war früher Mitglied des Kirchenvorstands der Timotheusgemeinde in Horn. So kennt er also Stadtteilarbeit von verschiedenen Seiten. Das verbindet ihn mit Diakon Martin Leimbach, der bei der Fachstelle Gemeinwesendiakonie im Kirchenkreis Hamburg- Ost oft als Mittler zwischen Politik und Gemeinden fungiert.

Hamburger Abendblatt: Wie groß ist die Mitbestimmungsmöglichkeit von Bürgern bei Entscheidungen in einem Stadtteil?

Martin Leimbach: Ich erlebe, dass die Bürger immer hoffen, ganz viel mit entscheiden zu können, letztlich aber oft durch gesetzliche Regelungen ausgebremst werden. Aber es gibt auch gute Beispiele wie beim Projekt „Stromaufwärts an Elbe und Bille“. Es gab eine Broschüre mit vielen Ideen des Bezirksamts. Die Menschen vor Ort dachten, da sei alles schon gelaufen. Dann haben wir mit dem damaligen Bezirksamtsleiter Andy Grote eine Veranstaltung im Stadtteil organisiert, bei der klar wurde, dass Bürger sich noch am Prozess beteiligen können. Das kam gut an.

Welches Gewicht hat Kirche bei Entscheidungen im Stadtteil?

Falko Droßmann: Kirche schafft vor allem Räume, um Entscheidungen zu treffen. In St. Georg mischt die Gemeinde zum Beispiel ganz viel mit. Da saßen die Pastoren mit an jedem runden Tisch, den wir zum Hansaplatz hatten, und haben Ratschläge gegeben. Und oftmals haben sie die scharfe ideologische Diskussion runtergekühlt und zwischen den Gruppen vermittelt. Für diese Funktion als Mittler würde ich Kirche gern häufiger nutzen. Auch die Initiative von St. Jacobi mit dem runden Tisch für die Innenstadt, der alle unterschiedlichen Gruppen mitnimmt, ist ein tolles Beispiel von Mitbestimmung. Das ist eine Einrichtung, die ich mir eigentlich in allen Stadtteilen wünschen würde.

Und hören die Stadtteilpolitiker dann auch auf die Stimme der Kirchen?

Droßmann: Ich sehe die Aufgabe von Kirche, also Pastoren und Gemeinderat, darin, eine Kommunikationsplattform zu bieten. Der Bezirk Mitte hat mehr Beteiligungsgremien als alle anderen Bezirke zusammen, und dort sind auch immer kirchliche Vertreter dabei. Es geht ja oft um Kompromisse, und die kann Kirche gut schließen. Wir als Politiker müssen uns bei den Kirchen auch Rat suchen, wie wir zum Beispiel mit interkulturellen Konflikten umgehen sollen. Da sprechen wir zudem mit muslimischen Gemeinden.

Leimbach: Mein Eindruck ist schon, dass dort, wo eine gemeinsame Problemlage erkannt wurde, auf uns gehört wird. Ich erlebe das gerade in Harburg, da haben sich die evangelischen Gemeinden mit vielen anderen zur Initiative „Willkommen in Süderelbe“ zusammengeschlossen. Die Initiative moderiert Gespräche, wie die Menschen in den Stadtteilen mit den Flüchtlingen zusammenleben können. Da hört die Bezirkspolitik deutlich auf die kirchliche Initiative.

In welchen Bereichen sollte Kirche immer im Stadtteil mitreden, wo eher nicht?

Leimbach: Es gibt keinen Bereich, wo Kirche sich nicht einmischen sollte, und ich finde es gut, wenn wir auch mal querdenken und querschießen. In den Kirchengemeinderäten sitzen ja verschiedenste Leute mit unterschiedlichen Kompetenzen. Von der Erzieherin über den Ingenieur bis zum Rechtsanwalt, die sind dann oft auch Experten zu den Themen.

Droßmann: Ich unterscheide zwei Arten von kirchlicher Beteiligung. Die eine besteht aus der spirituellen Beteiligung und der Vermittlung eines Wertekompasses. Kirche sollte karitativ und durchaus auch mahnend im Stadtteil wirken, Dinge hinterfragen. Es gibt aber auch Gemeinden, die sich ausschließlich politisch oder monothematisch engagieren. Manchmal machen Kirchenleute es sich auch ganz einfach und klagen nur an.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Droßmann: Ja, es ging um Grünanlagen, in denen sich viele Obdachlose sammelten. Es gab dazu massive Beschwerden von Bürgern, die sich nicht mehr in die Parks trauten. Wir haben uns mit verschiedenen Gruppen zusammengesetzt, um das Problem behutsam zu lösen. Wir haben beschlossen, wenn die Zelte schon wegmüssen, dann sollten wir den Menschen dort gleichzeitig Hilfe anbieten. Dennoch hat die Diakonie eine Meldung rausgebracht, in der sie das schäbige Verhalten des Bezirksamts Mitte beklagte.

Was bringt Kirche an Stärken in Beteiligungsprozesse ein, die andere nicht haben?

Leimbach: Wir haben eine biblische Botschaft und schauen aus unserem Glauben heraus noch mal anders auf die Stadt als andere Gruppen. Wir müssen die Stimme der Stimmlosen sein. Denn es gibt eine Menge Menschen, die wir mit Beteiligungsprozessen nicht erreichen. Wir haben Kontakt zu diesen oft sozial schwachen Menschen und können sie vertreten. Wir haben zudem eine religiöse Kompetenz und können zeigen, was es heißt, mit unterschiedlichen Religionen zusammenzuleben. Wir sind neutraler und können zum Beispiel mit muslimischen Verbänden anders reden als der Bezirk.

Droßmann: Für mich ist die Kirche auch manchmal eine Stimme aus dem Off. Die stellt mal Fragen, die außerhalb unserer Gedanken sind. Ich finde Kirche auch wichtig, wenn wir neue Wohngebiete planen. Die Gemeindevertreter können uns sagen, was wir brauchen, damit das Gemeinwesen funktioniert.

Hat der Einfluss der Kirche in den Stadtteilen in den vergangenen zehn Jahren zu- oder abgenommen ?

Leimbach: Der Einfluss ist stärker geworden. Das liegt zum einen daran, dass die Stadt sich deutlich mehr um Beteiligung kümmert als früher. Und zum anderen orientiert Kirche sich auch deutlich stärker in die Stadtteile hinein als früher.

Droßmann: Ich beobachte, dass Menschen wieder mehr den Kontakt zu den Kirchen suchen, wenn sie sehen, dass sich die Pastoren nicht nur um das Seelenheil sondern auch die Lebenswirklichkeit der Menschen kümmern.

Sind es denn vor allem die Pastoren oder eher Kirchengemeinderäte, die sich einbringen?

Droßmann: In den Kirchenvorständen gibt es eine Vielfalt von Menschen, die sich unterschiedlich engagieren. In Horn war unser Kirchenvorstandsvorsitzender quasi „Mr. Horn“. Der konnte zu allen Bereichen was sagen und kannte die sozialen Strukturen im Quartier gut. Der Pastor war hingegen ein begabter Geistlicher, aber eben kein Horner.

Leimbach: Viele Mitglieder von Kirchengemeinderäten machen diese Aufgabe ehrenamtlich neben ihrem Beruf. Daher vertreten die Pastoren öfter die gemeinsam getroffenen Entscheidungen in den Stadtteil hinein.

Wie aktiv sind denn die katholischen Ehrenamtlichen im Stadtteil?

Leimbach: Mein Eindruck ist, dass sich die katholischen Ehrenamtlichen mehr engagieren, weil die pastoralen Räume so groß geworden sind, dass die Pfarrer nicht so viel Zeit für die Stadtteilarbeit haben.

Droßmann: Die evangelische Kirche ist personell stärker aufgestellt als die katholische. Aber als wir zum Beispiel 2015 die schwierige Situation mit den Transitflüchtlingen am Hauptbahnhof hatten, da hat die katholische Kirche den großen Versammlungsraum des Erzbistums als Übernachtungsraum zur Verfügung gestellt. Das fand ich bewundernswert.