Kirche

Ein Bürgerbündnis kämpft für Hamm-Horn

Schwester Maria-Elisabeth Küpper gründete ImpulsMitte: engagierte Einrichtungen, die Probleme gemeinsam lösen

Schwester Maria-Elisabeth Küpper trägt ein silbernes Kreuz am Hals und Jeans, wirkt fröhlich und zupackend, so, als könnte sie gleich zur Rohrzange greifen und einen Wasserhahn reparieren. Seit mehr als elf Jahren macht die Nonne der Ordensgemeinschaft der „Schwestern von der göttlichen Vorsehung“ Gemeinwesenarbeit in Hamm und Horn. Zum einen als Gemeindereferentin der katholischen Pfarrgemeinde Herz Jesu mit der Kirche St. Olaf in Horn. Zum anderen ist sie Mitbegründerin von ImpulsMitte, der ersten Hamburger Bürgerplattform nach dem Modell „Community Organizing“. „Es hat mich fasziniert, dass sich Gruppen und Organisationen vor Ort auf Basis gegenseitiger Solidarität und Toleranz zusammentun, um die Lebensverhältnisse der Menschen im Stadtteil zu verbessern“, sagt sie.

„Community Organizing“ kommt aus den USA, die Idee stammt schon aus den 1930er-Jahren: Damals gründete der Bürgerrechtler Saul Alinsky in den Armenvierteln der großen US-Industriestädte Nachbarschaftsprojekte, in denen lokale Verbände, Kirchen und Gruppen selbst aktiv wurden. 2005 rief der Berliner Sozialwissenschaftler Leo Penta nach Alinskys Modell Berlins erste Bürgerplattform „Organizing Schöneweide“ ins Leben und wollte so ein Projekt auch in Hamburg starten. „Auch unsere Gemeinde wurde gefragt, ob wir uns im Stadtteil intensiver einbringen wollten“, sagt Schwester Maria-Elisabeth. „Ich war damals gerade ein halbes Jahr in Hamburg. Unser Pfarrer sagte: Machen Sie mal.“

14 Gruppen haben die Bürgerplattform mitgegründet

Die gelernte Sozialarbeiterin krempelte die Ärmel hoch. Bis zur Gründung 2007 konnte sie mit anderen Mitstreitern 14 Mitgliedsgruppen gewinnen, unter anderem die Alsterdorf Assistenz Ost, die muslimische Frauengruppe Hamm-Horn der Centrum-Moschee, die evangelische Familienbildungsstätte, die Band All Hands On, den Verkehrsclub Deutschland Nord und die katholischen Pfadfinder. „Jede Gruppe hat zunächst bei sich nach Themen gesucht, die unter den Nägeln brennen. Aus diesem Katalog haben wir gemeinsam die Themen ausgewählt, die wir anpacken und auch gewinnen konnten.“

Seither ist ImpulsMitte eine feste Größe im Stadtteil. Zum Beispiel erreichte die Bürgerplattform den Bau einer Rampe von der U-Bahn-Station Hammer Kirche zum Hammer Markt. Dort war früher nur eine unwegsame Treppe. „Viele gehbehinderte Menschen oder Mütter mit Kinderwagen mussten deshalb einen langen Umweg gehen“, sagt Schwester Maria-Elisabeth. „Wir haben mit der Stadt verhandelt, wobei es gut war, dass wir ein Verbund ganz verschiedener Gruppen sind, die den Stadtteil abbilden. Das macht uns stärker.“ Außerdem wurde eine „Hausaufgaben- und Spielzeit“ für Kinder und Eltern ins Leben gerufen. Als sich viele Anwohner bei einer der Bürgerversammlungen über die Zunahme des Drogenmissbrauchs und der Dealer in Hamm-Horn beschwerten, zeigte sich, dass ImpulsMitte auch eine Macht ist. In Zusammenarbeit mit der Polizei „gelang es, den Dealern das Geschäft zu verderben“, berichtete das „Elbe Wochenblatt“.

Eine Bürgerplattform ist etwas anderes als eine Bürgerinitiative, betont Schwester Maria-Elisabeth. „Bürgerinitiativen bilden sich immer um einen konkreten Missstand, und wenn das Problem behoben ist, lösen sich viele wieder auf. Wir dagegen hatten in der Aufbauphase kein spezielles Thema außer, mit den Menschen hier ihre Lebenswelt zu verbessern. Und dadurch, dass wir ein Verbund aus Organisationen sind, können wir mehr Dauer und Beständigkeit garantieren.“ Man bleibt dran: Mal geht es um Ampelschaltungen, deren Grünphase zu kurz für alte Menschen ist. Ein anderes Aktionsteam von ImpulsMitte setzt sich für eine Aufwertung der Carl-Petersen-Straße im Herzen von Hamm ein: Die Bürgerplattform forderte größere Sicherheit für Fußgänger und Radfahrer, attraktivere Geschäfte und eine Umwandlung zur Tempo-30-Zone. Und erreichte, dass die Bezirksversammlung Mitte das Konzept weitgehend übernommen hat.

Spielt die Kirche eine besondere Rolle? „Manche mögen über ImpulsMitte sagen, das ist kein kirchliches Programm“, meint Schwester Maria-Elisabeth. „Aber unser Ziel ist nicht als Erstes, dass mehr Leute in die Kirche kommen. Unser Ziel ist, dass sie Hilfe bei berechtigten Anliegen bekommen.“ Das Projekt lassen sich die Mitgliedsorganisationen auch etwas kosten: Jede zahlt monatlich einen Mitgliedsbeitrag von in der Regel 500 Euro. Wer kann, zahlt sogar mehr. Darüber hinaus ist ImpulsMitte aber auf Spenden angewiesen. Förderer sind unter anderem die katholische Kirche, die Caritas und die Bürgerstiftung. Von den Geldern wird unter anderem ein Organizer bezahlt, eine Art „Geschäftsführer“, der die beschlossenen Projekte koordiniert, die Kontakte innerhalb des Netzwerkes pflegt und Behördenkontakte vorbereitet.

Nicht das Religiöse, sondern der Mensch steht im Vordergrund

2011 wurde ImpulsMitte mit dem Max-Brauer-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung ausgezeichnet. „Ein wichtiger Gewinn unserer Bürgerplattform ist, dass sich die Institutionen vor Ort besser kennenlernen“, sagt Schwester Maria-Elisabeth. Die Alsterdorf Assistenz Ost zum Beispiel betreibt in der Christuskirche (Hamm) das Café Ursprung, umgekehrt tagt eine muslimische Gruppe jetzt in einer Tagesförderstätte der Alsterdorf Assistenz Ost. „Man kriegt ein Gefühl für die Lebensverhältnisse im Stadtteil. Unser Vorteil: Wir bleiben unabhängig, bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt. Ich glaube, das ist gerade für eine multikulturelle Stadt wie Hamburg der Weg.“

Für sie selbst ist das Engagement für ImpulsMitte neben ihren zahlreichen Aufgaben als Gemeindereferentin lohnend – auch wenn sie sagt: „Ohne Hilfe meiner Mitschwester Stephana wäre es nicht zu schaffen.“ Die Kirche, sagt Schwester Maria-Elisabeth, kann im Stadtteil mehr als Besuchsdienste. „Mein Ideal ist Gemeinde-Sozialarbeit aus christlicher Überzeugung.“