Kirche

Die Sucht nach dem idealen Körper

Wenn Jugendliche von Essstörungen betroffen sind, heißt es schnell handeln. Tipps, wie Angehörige helfen können

Wenn Jugendliche beginnen zu hungern, steckt meist eine Essstörung dahinter. Laut der Kindergesundheitsstudie KiGGS des Robert-Koch-Instituts besteht bei jedem dritten Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren der Verdacht auf eine Essstörung, wie etwa Magersucht, bei den Jungen sind 13,5 Prozent auffällig. Wie Eltern ein pro­blematisches Essverhalten erkennen und ihrem Kind helfen können, erläutert Dagmar Burghardt, Diplom-Sozialpädagogin und Leiterin der Suchtberatung Pinneberg vom Diakonischen Werk Hamburg-West/Südholstein.

1Welche sind die häufigsten Ess­störungen?

Dagmar Burghardt:Dazu gehören die Anorexie, also die Magersucht, bei der immer weniger gegessen wird. Und die Bulimie, auch Ess- und Brechsucht genannt, bei der die Betroffenen das, was sie gegessen haben, absichtlich wieder erbrechen, um nicht zuzunehmen. Als relativ neues Phänomen gibt es das Binge-Eating. Hier leiden die Betroffenen unter regelrechten Fressattacken. Sie können wochenlang normal essen, bis zu einer plötzlichen Attacke, bei der sie unglaubliche Mengen konsumieren. Das Essen wird hinterher nicht unbedingt erbrochen, doch diese Menschen leiden sehr stark unter dem Kontrollverlust, den sie während der Attacke erleben. Die Übergänge bei den Störungen können fließend sein, allen liegt jedoch zugrunde, dass das Essen nicht mehr allein der Versorgung mit Nahrung dient, sondern auch dazu, die eigene Körperwahrnehmung zu beeinflussen. Das kann zu einem suchtähnlichen Verhalten führen.

2Ab welchem Alter treten
Essstörungen am häufigsten auf?

Burghardt: Bulimie und Binge-Eating treten eher im jungen Erwachsenenalter auf zwischen 20 und 30 Jahren. Die Magersucht dagegen kann schon früh in der Pubertät einsetzen. Sie ist eine der häufigsten Essstörungen und bei Mädchen weiter verbreitet als bei Jungen, aber auch bei ihnen nehmen die Zahlen leicht zu.

3Bei welchen Anzeichen sollten die Eltern aufmerksam werden?

Burghardt: Vor allem bei der Magersucht muss man früh handeln, weil sich die Krankheit verselbstständigen kann. Deshalb sollten Eltern sehr aufmerksam werden, wenn Jugendliche immer weniger essen, nicht mehr an gemeinsamen Mahlzeiten teilnehmen wollen, überhaupt versuchen, das Essen zu vermeiden.

Ein Warnzeichen ist auch, wenn Jugendliche sagen, ich bin zu dick, ich mache Diät. Leider unterstützen viele Eltern die Diätabsichten erst einmal. Diäten sollten bei Jugendlichen aber nur in Absprache mit einem Arzt und mit einer Ernährungsberaterin durchgeführt werden dürfen. Ein weiteres Indiz dafür, dass etwas nicht stimmt, kann sein, wenn sich das ganze Denken des Kindes nur noch ums Essen dreht.

4Welche Ursachen stecken hinter einer Essstörung?

Burghardt: Es gibt nie nur einen Grund. Um Essstörungen zu entwickeln, müssen viele ungünstige Faktoren zusammenkommen. Ausgangspunkt sind oft Diäten und eine Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Eine tiefere Ursache kann in einem mangelnden Selbstbewusstsein des Jugendlichen liegen. Auch der Umgang mit dem Thema Essen und Gewicht in der Familie spielt häufig eine Rolle. So sollten Mütter sich nicht abwertend über den Körper ihrer Tochter äußern. Besonders nicht in der Pubertät, wenn Jugendliche sich ohnehin als Person infrage stellen. Zur Magersucht neigen auch Jugendliche, die unter einem überhöhten Leistungsdruck in der Schule oder im Elternhaus stehen. Und das in der Gesellschaft weit verbreitete Schönheitsideal vom schlanken und gesunden Körper setzt Jugendliche ebenfalls unter Druck, diesem Ideal zu entsprechen.

5Worin liegt für Jugendliche der Reiz, das Essen zu reduzieren?

Burghardt: Sie erleben ihre Selbstkon­trolle als eine positive Leistungserfahrung. Und zu Beginn erleben sie auch viel Bestätigung von ihrer Umgebung. Doch wenn das Bedürfnis, weniger zu essen und Gewicht zu reduzieren, zum einzigen Lebensinhalt wird, wenn Jugendliche sich immer mehr in diese Welt hineinbegeben, auch in entsprechenden Internetforen, dann geht der Bezug zur Realität verloren. Die Jugendlichen entwickeln ein gestörtes Eigenbild.

6Wie können Eltern ihrem
betroffenen Kind helfen?

Burghardt: Der Abgleich mit der Realität ist ganz wichtig. Eltern sollten ihrem Kind klar sagen: „Du hast ein Gewicht erreicht, das weit unter der Norm liegt.“ Auch wenn sie damit rechnen müssen, dass der oder die Jugendliche das abstreitet. Und Eltern sollten sich schon bei ersten Anzeichen an eine Beratungsstelle wenden. Auch wenn sie unsicher sind sollten sie sich informieren und auf keinen Fall abwarten. Denn je früher interveniert wird, umso besser lässt sich die Störung behandeln. Bei körperlichen Folgen wie häufigen Schwindelanfällen sollte zusätzlich zur Beratung ein Arzt aufgesucht werden, denn die Mangelernährung kann lebensbedrohliche Folgen haben.

Infos: Suchtberatung Pinneberg, Diakonisches Werk Hamburg-West/Südholstein, Bahnhofstr. 29–31, Tel. 04101/40 88 70, www.suchtberatung-pinneberg.de Info-Broschüre unter: www.bzga-essstoerungen.de