Kirche

Das Abendland – ein Mythos der Romantik

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Unser Christentum kommt aus dem Morgenland, die drei Weisen auch. Eine historische Einordnung von Matthias Gretzschel

Das Abendland hat wieder Konjunktur. Der Begriff wird auch von Menschen verwendet, die ihn vermutlich kaum erklären können. Jeden Montag gehen vor allem in Dresden Tausende Bürger auf die Straße, die sich als Verteidiger des Abendlandes gegen den Ansturm muslimischer Eindringliche verstehen. Diese kommen aus dem Morgenland, wie die drei Weisen, die bei keiner abendländischen Weihnachtskrippe fehlen dürfen. Das Morgenland ist jene aus europäischer Sicht im Osten gelegene Region, die auch Orient genannt wird. Ein lateinisches Sprichwort heißt „Ex oriente lux“ (Aus dem Osten kommt das Licht). Im Morgenland geht die Sonne auf, im Abendland, dem alten Europa, geht sie unter. Auch deshalb ist der Orient für den Okzident über Jahrhunderte hinweg eine Sehnsuchtsregion gewesen, eine Projektionsfläche für Wünsche und Fantasien.

Im Morgenland spielen die Märchen aus „Tausendundeiner Nacht“. Im 17. und 18. Jahrhundert kam in Europa jene Orient-Mode auf, die diese Region mit Reichtum, Exotik und Erotik verbindet, aber auch mit Weisheit. Im Morgenland spielen auch die meisten biblischen Geschichten, denn das „Heilige Land“ gehört schließlich dazu. Auch wenn es nicht jedem bewusst sein mag: Das christliche Abendland wird durch eine „eingewanderte“ Religion geprägt, denn das Christentum hat seine Wurzeln bekanntermaßen nicht hier, sondern im Orient, von wo aus es sich über das römische Weltreich auch nach Europa ausbreitete.

Das geschah oft wenig christlich, sondern ziemlich gewalttätig, denn bei der Christianisierung der Heiden ging es beileibe nicht nur um das Seelenheil, sondern auch um knallharte Machtpolitik. Im Mittelalter bildete sich in Europa mit dem Corpus Christianum eine Gesellschaft heraus, in der Kirche und Staat eine geistliche und rechtliche Einheit bilden sollten. Wie konfliktreich diese Beziehung in der Praxis aber oft war, zeigen die Jahrhunderte währenden Machtkämpfe zwischen Papst und Kaiser, kirchlichen und weltlichen Interessen.

Aber es gab noch einen weiteren Großkonflikt: Schon 1456 hatte Papst Kalixt III. in einer Bulle angeordnet, dass die Kirchen mittags ihre Glocken läuten sollten, um damit die Christen aufzufordern, für den Sieg der christlichen Ungarn gegen die Osmanen zu beten. Drei Jahre zuvor war Sultan Mehmed II. in Konstantinopel einmarschiert und hatte damit das Byzantinische Reich zu Fall gebracht. Die Ungarn konnten sich unter Johann Hunyadi gegen das osmanische Heer zwar durchsetzen, aber die Bedrohung Europas durch die Osmanen war damit längst nicht gebannt. Deshalb behielt man das mittägliche Glockenläuten – im Volksmund lange Zeit „Türkenläuten“ genannt – bei, bis kaum noch jemand dessen ursprüngliche Bedeutung mehr kannte.

Vom Abendland sprach im Mittelalter freilich noch niemand, diesen Begriff prägte erst der Theologe und Reformator Kaspar Hedio (1494–1552) im Jahr 1529 als Übersetzung für das lateinische Wort Okzident. Kulturelle Bedeutung gewann das „Abendland“ jedoch erst im Zeitalter der Romantik, als sich Dichter, Philosophen und Künstler als Reaktion auf die sozialen Erschütterungen der Französischen Revolution in ein verklärtes Mittelalter zurückträumten, das sie als die Zeit einer glücklichen Harmonie zwischen Gesellschaft und Kirche beschrieben. Während sich der Okzident zunächst gegen Ostrom, also das gleichfalls christliche Byzantinische Reich, positioniert hatte, diente der Begriff Abendland bei romantischen Dichtern wie Novalis und den Brüdern August Wilhelm und Friedrich Schlegel nun als Instrument zur Abgrenzung gegen den Islam und damit gegen das Fremde.

Dabei ist das Abendland in Wahrheit weniger ein territorialer Begriff, sondern vielmehr ein Mythos, in dem sich antike Philosophie mit christlichem Denken verbindet. Mit der historischen Wirklichkeit hatte dies wenig zu tun, was sich zum Beispiel daran zeigt, dass die Frontlinien keineswegs immer zwischen Christentum und Islam verliefen. So kämpften zum Beispiel im 17. Jahrhundert katholische Franzosen Seite an Seite mit muslimischen Osmanen gegen die katholischen Habsburger. Besonders absurd wird es, wenn – wie mitunter bei Pegida – vom „jüdisch-christlichen Abendland“ gesprochen wird. Dass es in den christlichen Gesellschaften des Mittelalters immer wieder zu Pogromen, zur Vertreibung und zum Massenmord an Juden gekommen ist, steht in hartem Kontrast zu der mit diesem Begriff einhergehenden Verklärung.

Auffällig ist die Inanspruchnahme des Begriffs durch konservative und reaktionäre Kräfte. Sie begann unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkriegs, als der Geschichtsphilosoph Oswald Spengler sein Hauptwerk „Der Untergang des Abendlandes“ veröffentlichte. Für Spengler, der zu den ideologischen Wegbereitern des Nationalsozialismus gehörte, war das Abendland der positive Gegenentwurf sowohl zum demokratischen und kapitalistischen Westen (England, Frankreich) als auch zum atheistischen Bolschewismus, wie er in der eben gegründeten Sowjetunion praktiziert wurde. Als im Zweiten Weltkrieg die Sechste Armee unter General Paulus verloren war, formulierte Hitler in einem Befehl Ende Januar 1943: „Die Armee hält ihre Position bis zum letzten Soldaten und zur letzten Patrone und leistet durch ihr heldenhaftes Ausharren einen unvergesslichen Beitrag zum Aufbau der Abwehrfront und zur Rettung des Abendlandes.“ Die Nationalsozialisten, die eben noch die Welt für die überlegene arische Rasse erobern wollten, postulierten nun einen Abwehrkampf des geeinten Europas gegen die barbarischen Horden aus dem Osten. Ein durchsichtiges Manöver, für das sich die Vorstellung vom Abendland gut verwenden ließ.

Selbst im Kalten Krieg behielt dieses bewährte Denkmuster zunächst noch Gültigkeit. So rief der bundesdeutsche Außenminister Heinrich von Brentano in seiner ersten öffentlichen Rede 1955 vor 70.000 Menschen in einem Augsburger Stadion zur Verteidigung des Abendlandes gegen den Osten auf und bezog sich damit auf die 1000 Jahre zurückliegende Schlacht auf dem Lechfeld. Dass Otto der Große mit seinem ostfränkischen Heer am 10. August Anno 955 weder gegen Muslime noch gegen Bolschewisten gesiegt hatte, sondern gegen die Ungarn, die geografisch selbstverständlich dem Abendland zuzuordnen waren, spielte für Brentano keine Rolle. Die Himmelsrichtung stimmte, schließlich kamen die Magyaren auch aus dem Osten.

„Das freiheitliche Europa berief sich auf christliche Werte, um sich vom Ostblock abzugrenzen. Nationalkonservative und Katholiken bis zu Konrad Adenauer sprachen vom christlichen Abendland, in das dann auch die USA einbezogen wurden“, sagt der Historiker und Antisemitismusforscher Wolfgang Benz und fügt hinzu: „Karl der Große wurde zum Gründungsvater Europas und des christlichen Abendlandes stilisiert. Seitdem allerdings hat der Begriff ganz stark an Bedeutung verloren – bis ihn Pegida wieder aufgriff.“

Das stimmt nicht ganz, denn schon 2009 war die rechtspopulistische und ausländerfeindliche FPÖ im Nachbarland Österreich mit dem Slogan „Abendland in Christenhand“ in die Europawahl gezogen. Gut möglich, dass die Demagogen von Pegida den heute wieder so populären Kampfbegriff hier für sich entdeckt haben.

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