Kirche

Hartz-IV-Rebellin: Protest aus tiefer Überzeugung

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Die Jobvermittlerin Inge Hannemann hat die Methoden der Bundesagentur für Arbeit in einem Brandbrief angeprangert

Der Hang zum Protest wurde ihr quasi in die Wiege gelegt. „Meine Eltern haben mich schon als Kind zu Demonstrationen mitgenommen“, sagt Inge Hannemann. In der Schule hat sie Diskussionen angezettelt und im Job immer viele kritische Fragen gestellt, zu viele, „deswegen wurde ich häufiger versetzt.“ Die 47-Jährige ist für Frieden auf die Straße gegangen, kämpfte für die 35-Stunden-Woche und gegen Hartz-IV-Sanktionen. Letzteres hat ihr den Beinamen „Hartz-IV-Rebellin“ und bundesweite Bekanntheit gebracht. Denn Inge Hannemann kann nicht schweigen, wenn sie Ungerechtigkeit empfindet. „Aber nur schimpfen bringt nichts, man muss gleichzeitig eine Alternative präsentieren“, sagt die Mutter einer erwachsenen Tochter. Ihre Vorbilder sind die Geschwister Scholl, Gandhi und Martin Luther King. Mutige Menschen, die ihren Aufstand allerdings mit dem Leben bezahlt haben.

Acht Jahre hat die Hamburgerin als Jobvermittlerin gearbeitet, zuletzt beim Jobcenter Altona, und versucht, Langzeitarbeitslose oder psychisch Kranke in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Sie sollte Quoten erfüllen, ihrer Meinung nach „unsinnige Beschäftigungsmaßnahmen“ anordnen und Sanktionen verhängen, wenn ein Erwerbsloser sich nicht an Termine hielt.

„Etliche dieser Menschen waren nicht vermittelbar und haben auch nicht verstanden, an welche Vereinbarungen sie sich halten sollten. Die konnte ich doch nicht dafür bestrafen“, sagt Inge Hannemann. Ein Burn-out 2011, den sie als Bore-out (krank aus Langeweile) bezeichnet, verhalf ihr zu einer unfreiwilligen Schaffenspause. Danach lud sie ihren Frust und ihre Wut auf das System in ihrem Hartz-IV-kritischen Blog „altonabloggt“ ab, der im Februar 2013 in einem öffentlichen Brandbrief an die Bundesagentur für Arbeit gipfelte.

In dem fragte sie, „wie viele Tote, Geschädigte und geschändete Hartz-IV-Bezieher“ die Agentur noch auf ihr Konto laden wolle. Sie warf ihr vor, dass das System „dauerkranke, frustrierte und von subtiler Gehirnwäsche geprägte Mitarbeiter“ durchschleuse. Der Brandbrief fegte durch die Republik, die Medien berichteten über Hannemann, sie erhielt Hassmails, aber vor allem viel Zustimmung. Plötzlich war sie eine öffentliche Person, eine Rebellin, eine Whistleblowerin – und für manche eine Verräterin. „Die Reaktionen haben mich doch überwältigt. Aber ich habe mir diesen Schritt damals gemeinsam mit meiner Familie genau überlegt. Denn ich wusste, dass ich nach dem Brief entweder freigestellt oder gekündigt werde und wir eventuell auf ein Gehalt verzichten müssen. Aber die standen alle hinter mir. Mein Ziel: Ich wollte das System ändern, und das geht am besten von innen heraus“, sagt Inge Hannemann.

Die Reaktion ihres Arbeitgebers folgte prompt: Sie wurde mit der Begründung, keine Sanktionen gegen Langzeitarbeitslose verhängt zu haben, freigestellt und kämpfte vor Gericht erfolglos gegen eine Versetzung ins Inte­grationsamt. „Ich wollte Jobvermittlerin bleiben.“ Derzeit ist sie beurlaubt. Als Abgeordnete der Linken in der Bürgerschaft kämpft sie weiter gegen Hartz IV, hält Vorträge, berät Erwerbslose und sagt: „Ich habe diesen Schritt nie bereut, ich würde es immer wieder tun.“

( tes )

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