Legenden der Laufbahn

„Ihr seid in Deutschland wohl einmalig!“

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Markus Steinbrück
Wolfgang und Christa Striezel sind als Trainer und Abteilungsleiter seit 50 Jahren der Inbegriff der Leichtathletik beim MTV Hanstedt. 

Wolfgang und Christa Striezel sind als Trainer und Abteilungsleiter seit 50 Jahren der Inbegriff der Leichtathletik beim MTV Hanstedt. 

Foto: Markus Steinbrück / HA

Wolfgang und Christa Striezel feiern mit vielen ehemaligen Athleten und Wegbegleitern „50 Jahre Engagement“ beim MTV Hanstedt.

Hanstedt.  Dass Abteilungen in Sportvereinen seit 50 Jahren existieren, ist keine Seltenheit. „Es ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit aber einmalig in Deutschland, dass eine Sparte seit 40 respektive 50 Jahren durchgehend sehr erfolgreich von zwei Personen geleitet wird“, sagte Alexander Balzer, der Vorsitzende des MTV Hanstedt. Die Rede ist von Wolfgang und Christa Striezel, die seit nunmehr einem halben Jahrhundert der Inbegriff der Leichtathletik in dem Nordheide-Ort sind. Balzer hatte zusammen mit Stephan Striezel, dem Sohn der Geehrten, eine teils emotionale Feierstunde im Hanstedter Schützenhaus organisiert.

Fachliche Kompetenz ist das eine, menschliche Wärme das andere

„Wir freuen uns riesig, so viele Freunde der Leichtathletik und alte Wegbegleiter zu treffen“, sagte Christa Striezel. In mühevoller Kleinarbeit hatte Stephan die Kontaktdaten von 46 ehemaligen und aktuellen Schützlingen des erfolgreichen Duos recherchiert. Es spricht für dessen Beliebtheit, dass nur vier Personen ihre Teilnahme absagten. Bei allen Erfolgen klang in Gesprächen immer wieder durch, wie wichtig die menschliche Seite von Wolfgang und Christa Striezel für die meist Heranwachsenden war.

„Eure offene Art und die Fähigkeit, immer einen Rat für Teenager parat zu haben, zeichnet Euch aus“, sagte Alexander Balzer, der zu Schulzeiten am Training teilgenommen hatte. Auch Andrasch Starke, seit Jahren einer der besten deutschen Jockeys, war einst Leichtathlet in Hanstedt.

Xenia Rahn, Paul Dittmer und Stephan Striezel trugen Nationaltrikot

„Wir als Athleten wissen, dass wir bei den Striezels immer weich fallen, auch emotional“, sagte Siebenkämpferin Xenia Rahn (31), neben Paul Dittmer und Stephan Striezel eine, die es von Hanstedt aus bis ins Nationaltrikot schaffte. Es fielen Begriffe wie Pragmatismus, Bodenständigkeit, Beharrlichkeit, Ausdauer, Konzentration und Ruhe.

„Sie waren immer für uns da. Dafür können wir gar nicht genug danken“, ergänzte Hürdensprinter Paul Dittmer (35). „Vielen Dank, dass Sie uns in der prägendsten Zeit unseres Lebens ein zweites Zuhause geboten haben.“

Christa verpasste München 1972, wurde in Montreal zur Olympionikin

Die Erfolgsgeschichte begann im Sommer 1972, als die Bezirksregierung den jungen Wolfgang Striezel aus Wolfsburg (Hochsprung-Bestmarke 2,08 m im Straddle) an die damalige Grund- und Hauptschule (GHS) Hanstedt beorderte. Geschichte, Mathe und Sport waren seine Fächer. Die Hamburgerin Christa Herzog, so der Mädchenname, war in den 1970er-Jahren eine der besten deutschen Weitspringerinnen (Bestmarke 6,60 m), verpasste gegen Heide Rosendahl knapp die Nominierung für die Olympischen Spiele in München. Vier Jahre später in Montreal schnupperte sie dann doch Olympialuft.

Erste Wohnung, erster Schultag und Hochzeit – alles im Juni 1972

„Am 1. Juni haben wir unsere erste gemeinsame Wohnung in Hanstedt bezogen, am 6. Juni hatte Wolfgang seinen ersten Schultag, am 16. Juni haben wir geheiratet“, blickte Christa auf die ereignisreichen Tage im Juni 1972 zurück. Goldene Hochzeit galt es 2022 also auch zu feiern. „Im Ort hatte es sich schnell herumgesprochen, wer die Neuen sind. Nach den Sommerferien hat uns der damalige MTV-Vorsitzende gefragt, ob wir nicht Leichtathletik in Hanstedt anbieten wollten“, erzählt die 73-Jährige. Sie wollten – und so ging es im September 1972 los mit Laufen, Springen und Werfen im MTV Hanstedt. Zunächst auf Vereins- und Kreisebene, zunächst mit Wolfgang als Trainer.

Erster von mittlerweile 105 Landesmeistertiteln ist von 1986

Als Christa ihre aktive Karriere beendet hatte und Tochter Birte (geboren 1978) im Sandkasten spielen konnte, stieg sie 1982 als Trainerin für die Sechs- bis 13-Jährigen mit ein. 1986 errang der MTV Hanstedt den ersten Landesmeistertitel, zwei Jahre später startete eine weibliche Sprintstaffel bei deutschen Jugendmeisterschaften, wieder zwei Jahre später wurde erstmals ein MTVer, namentlich Stephan Striezel über 400-Meter-Hürden, deutscher Meister. „Seitdem waren wir fast immer mit Schülern, Jugendlichen oder Erwachsenen bei deutschen Meisterschaften dabei“, sagte Wolfgang Striezel, der für seine akribischen Statistiken bekannt ist.

Ein Auszug: in den vielen Jahren haben die Striezels 105 Landesmeister, 27 norddeutsche Meister und sechs deutsche Hochschulmeister geformt. Bei deutschen Meisterschaften gab es für den kleinen MTV Hanstedt jeweils sechsmal Gold und Silber sowie neun Bronzemedaillen. Unglaublich auch andere Zahlen: Wolfgang und Christa Striezel leisteten 14.400 Trainingsstunden, waren 17.500 Stunden an 1850 Wettkampftagen unterwegs und legten 432.500 Kilometer mit privatem Pkw oder Vereinsbus zurück – unfallfrei.

Ehrenplakette vom Landessportbund und Goldene Ehrennadel des DLV

Natürlichen durften Ehrungen bei der Feierstunde nicht fehlen. Uwe Bahnweg, Vorsitzender des Kreissportbundes Harburg-Land, überreichte die Ehrenplakette und Ehrenurkunde des Landessportbundes Niedersachsen. Rita Girschikofsky, Ehrenpräsidentin des Niedersächsischen Leichtathletik-Verbandes (NLV), verlieh Christa und Wolfgang Striezel jeweils die goldene DLV-Ehrennadel.

25 Jahre war sie gemeinsam mit dem Trainerduo auf Sportplätzen unterwegs. „Eine Auszeichnung nicht haben zu wollen, sondern einfach unheimlich verdient zu haben, ist viel schöner“, sagte Girschikofsky mit Blick auf die bescheidene Art der Geehrten. „Es wird mich immer begeistern, wie Sie Menschen für unseren Sport begeistern.“

Stephan Striezel mit emotionalem Bekenntnis an seinen Vater

Eine sportliche Liebeserklärung der besonderen Art machte Stephan Striezel seinem Vater. Der 49-Jährige, heutzutage in Düsseldorf beheimatet, hatte bis zum Karriereende 1998 auch bei Bundestrainern und Coaches des TV Wattenscheid trainiert. „Ich habe immer nur von anderen Trainern erzählt. Meinen Vater habe ich gar nicht als Trainer wahrgenommen. Dabei warst Du mein erster und letzter Trainer und eigentlich auch mein einziger. Du wusstest immer, wie es mir geht“, sagte Stephan Striezel sichtlich bewegt.

Die heutige Generation darf noch weiter von der fachlichen Expertise und menschlichen Nähe profitieren. Soweit es die Gesundheit zulasse, seien fünf weitere Jahre als Trainer realistisch, hätten die Striezels unter Zeugen bei der Jahreshauptversammlung gesagt. „Wir freuen uns über jeden Tag, den Ihr im Sinne der Leichtathletik verbringt“, sagte Alexander Balzer. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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