Extremsport

Silke Gielen läuft 120 Kilometer am Tag – sechsmal in Folge

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Markus Steinbrück
Die deutsche Mannschaft mit Michael Bohm, Karsten Schiemann und Silke Gielen (von links) gewann die Teamwertung vor Gastgeber Ungarn und Tschechien.

Die deutsche Mannschaft mit Michael Bohm, Karsten Schiemann und Silke Gielen (von links) gewann die Teamwertung vor Gastgeber Ungarn und Tschechien.

Foto: Privat

Sportlerin vom Harburger SC ist eine der weltbesten Ultraläuferinnen. Am Plattensee in Ungarn stellt sie wieder einen Weltrekord auf.

Hamburg.  Im Grunde hat Silke Gielen vor vielen Jahren mit Halbmarathonläufen abgeschlossen. Viel zu kurz seien ihr die 21 Kilometer, sagt die passionierte Läuferin vom Harburger Sport-Club (HSC). „Für einen Halbmarathon benötigt man ganz anderes Training als für die Strecken, auf denen ich jetzt zu Hause bin. Damals war ich häufiger verletzt.“

Vor zwei Wochen konnte Gielen der Versuchung aber doch nicht widerstehen. Sie machte eine Ausnahme von ihren Grundsätzen und trat bei den Deutschen Halbmarathon-Meisterschaften an. „In meiner Heimatstadt Hamburg wollte ich unbedingt dabei sein. Das hat mich total glücklich gemacht“, erzählt die 64-Jährige aus dem Harburger Stadtteil Wilstorf.

Deutsche Vizemeisterin im Halbmarathon in ihrer Heimatstadt Hamburg

Zweiter Grund: zum ersten Mal konnte sie einen Halbmarathon gemeinsam mit ihrem ältesten Sohn Danilo bestreiten. „Obwohl unsere Zeiten nur 14 Sekunden auseinander lagen, haben wir uns während des Laufes so gut wie nicht gesehen“, erzählt die Mutter. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Deutschen Meisterschaft, integriert in den PSD Bank Halbmarathon in Wandsbek, wurden in einen vorderen Startblock eingeteilt, die Neulinge, unter ihnen Danilo, nahmen weiter hinten Aufstellung.

Für die Gesamtplatzierung wurden die Nettozeiten herangezogen. Und da gab Silke Gielen eine so gute Figur ab, dass sie in 1:38:59 Stunden für die 21 Kilometer Deutsche Vizemeisterin in der Altersklasse Seniorinnen W60 wurde. Etwa fünf Minuten schneller war nur die Siegerin Julika Fidjeland aus Rosenheim.

Wahre Leidenschaft gilt allen Distanzen, die länger als Marathon sind

„Das ist eine sehr gute Zeit, obwohl ich noch nicht richtig regeneriert war“, sagt die Wilstorferin. Und das liegt an ihrer eigentlichen sportlichen Leidenschaft, den Ultraläufen. Darunter versteht man alle Distanzen, die über einen klassischen Marathon hinausgehen. Etwa sechs Wochen vor der Halbmarathon-DM in Hamburg stellte sich Gielen einer Herausforderung, die für Otto Normalsportler unvorstellbar ist. In Balatonfüred, einer Gemeinde am Plattensee in Ungarn, nahm sie an der „6 Day Running Race World Trophy 2021“ teil. Bedeutet frei übersetzt, dass 42 Männer und 17 Frauen innerhalb von sechs Tagen versuchten, eine möglichst große Distanz zurückzulegen.

„Gestartet wird am Donnerstag um 12 Uhr, Schluss ist am folgenden Mittwoch ebenfalls um 12 Uhr. Gelaufen wird auf einem Ein-Kilometer-Rundkurs“, erzählt Silke Gielen, die sich diese ultimative Herausforderung schon zum fünften Mal gönnte, andere würden sagen „antat“. Vor vier Jahren hatte die HSC-Sportlerin mit 782,336 Kilometern einen Streckenrekord, Deutschen Rekord und Altersklassen-Weltrekord für Seniorinnen W55 aufgestellt. Aufgrund der Corona-Pandemie war der Termin für die Jubiläumsveranstaltung, es war der zehnte Sechs-Tage-Lauf in Ungarn, mehrfach verschoben worden, was die Vorbereitung nicht gerade erleichterte.

Sechs-Tage-Lauf: Körper verbrennt mehr als er aufnehmen kann

„Man trabt ganz langsam, geht auch sehr viel und versucht, möglichst wenig Pausen zu machen“, beschreibt Silke Gielen ihre Taktik. Aufgrund der recht hohen Temperaturen von mehr als 20 Grad tagsüber habe sie vor allem nachts, da herrschten 15 Grad, versucht, Kilometer zu machen. Und wie sieht es mit Ruhephasen aus? „In der ersten Nacht habe ich gar nicht geschlafen, ansonsten in kleinen Häppchen von maximal einer Stunde am Stück und höchstens vier bis fünf Stunden am Tag“, so die Postbank-Angestellte aus Hamburg.

„Der Körper verbrennt mehr als er aufnehmen kann. In erster Linie nehme ich isotonische Getränke und Mineralien zu mir. Dazu kommen Nahrungsergänzungsmittel. Dreimal am Tag liefern die Veranstalter Mahlzeiten, häufig Nudeln, aber auch Fleischgerichte“, so Gielen. Die Ultraläuferin vom Harburger SC meisterte auch die Herausforderung 2021 am Plattensee mit beeindruckenden Leistungen.

Nur drei Männer und ein Frau waren noch besser als die Harburgerin

Gielen legte in sechs Tagen eine Strecke von 718,360 Kilometern zurück – das sind sechsmal hintereinander durchschnittlich 120 Kilometer am Tag. Von insgesamt 59 Teilnehmern schafften nur drei Männer und eine Frau – die 17 Jahre jüngere Mariana Nenu aus Rumänen (728 km) – größere Distanzen. Nach der Altersklasse W55 hat sich Silke Gielen nun auch den Altersklassen-Weltrekord in der W60 geholt.

„Man muss schon ein bisschen verrückt sein“, sagt sie selbst. „Auch ich komme an Grenzen, komme an Punkte, an denen mir alles weh tut und ich nicht mehr will. Gerade dann muss man mental stark sein.“ Auch wenn diesmal aufgrund der Corona-Pandemie die Ultraläufer aus Japan oder Taiwan fehlten, liebt Silke Gielen die Gemeinschaft dieser ganz besonderen Gruppe, liebt es, Menschen zu treffen, sich mit ihnen zu unterhalten, sich gegenseitig zu unterstützen und auch abseits des Wettkampfs Kontakte zu pflegen. „Das ist wie eine große Familie und gibt mir unendlich viel. Davon zehre ich lange. Mein Sport gibt mir auch Kraft für Berufsleben“, sagt Silke Gielen und macht sich auf zum Training in ihrem bevorzugten Terrain an der Harburger Außenmühle.

Am ersten Advent 26 Kilometer um den großen Ratzeburger See

Nach zwei großen Highlights will es Silke Gielen in den letzten beiden Monaten dieses Jahres etwas ruhiger angehen lassen. Eine Option wären die Deutschen Meisterschaften im Zehn-Kilometer-Straßenlauf an diesem Sonntag, 31. Oktober, in Uelzen gewesen. „Das ist zwar dicht dran, kam für mich aber nicht in Frage, weil es zu viele Läufe auf einmal gewesen wären“, sagt sie.

Als nächsten Wettkampf plant die Harburger Ultraläuferin daher einen Start beim 31. Ratzeburger Adventslauf am Sonntag, 28. November. Die 26 Kilometer lange Strecke einmal rund um den großen Ratzeburger See sei zwar durchaus anspruchsvoll. „Gemeinsam mit Freunden will ich sie aber ganz gemütlich laufen.“ Na dann, auf einen gemütlichen ersten Advent

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