Handball-Profi

Vom Spielfeld in den Vorstand

Friederike Gubernatis (32) ist nun nicht mehr in der Halle Nord, sondern in der BSV-Geschäftsstelle aktiv. 

Friederike Gubernatis (32) ist nun nicht mehr in der Halle Nord, sondern in der BSV-Geschäftsstelle aktiv. 

Foto: Maximilian Bronner

Seit 2013 warf die ehemalige Rückraumrechte in 167 Bundesliga-Spielen insgesamt 599 Tore für den Buxtehuder SV

Buxtehude.  Wenn Friederike Gubernatis (32) auf das Ende ihrer Handball-Karriere angesprochen wird, verschwindet das Lächeln für einen kurzen Moment aus ihrem Gesicht. Seit 2013 warf die ehemalige Rückraumrechte in 167 Bundesliga-Spielen insgesamt 599 Tore für den Buxtehuder SV. Auch kurz nach der 27:24-Derbyniederlage im Februar beim VfL Oldenburg zweifelte kaum jemand daran, dass Gubernatis die 600-Tore-Marke knacken würde. Doch dann kam Corona.

„Wir haben Mittwoch gespielt. Donnerstag war dann Training. Das war katastrophal, die Stimmung war durch das Spiel total schlecht. Am nächsten Tag war dann klar, dass es das letzte Training war“, erinnert sich die 32-Jährige. Knapp acht Monate später sitzt die ehemalige Nationalspielerin in der Geschäftsstelle des Buxtehuder SV. Vor wenigen Wochen hatte das BSV-Präsidium Gubernatis neben Stefanie Teske und Stefan Hebecker als weiteres Vorstandsmitglied berufen.

Für die ehemalige Profi-Handballerin beginnt nun die Karriere nach der Karriere. Obwohl ihr Vertrag noch bis Sommer 2021 angedauert hätte, bat Gubernatis um eine vorzeitige Auflösung. „Anfang des Jahres bin ich auf Peter Prior zugegangen und habe das Gespräch gesucht. Ich habe einfach gemerkt, dass ich nicht mehr an meine Top-Leistung herankomme. Außerdem haben sich die Prioritäten im Berufsleben auch verschoben“, sagt Gubernatis.

In der Nationalmannschaft spielte sie groß auf

2017 spielte die Linkshänderin mit der Nationalmannschaft bei der Heim-Weltmeisterschaft noch groß auf. „Nach der WM ging die Leistung eigentlich kontinuierlich bergab. Nach so vielen Jahren in der Bundesliga habe ich auch gemerkt, dass ich eine Busfahrt nach Göppingen nicht mehr so leicht wegstecke“, erklärt sie. Nach dem Saisonabbruch und abrupten Karriereende sei ein gebührender Abschied kaum möglich gewesen. „Die Hallen waren bereits zu, es gab dann noch mannschaftsintern eine kleine Verabschiedung.

Ich bin aber sowieso nicht der Mensch, der im Mittelpunkt stehen möchte“, sagt Gubernatis. Eine Verabschiedung vor den Fans sei bisher noch nicht möglich gewesen. Möglicherweise werde der Verein das nachholen, wenn die Halle wieder komplett gefüllt werden kann. „Eine Verabschiedung bei einem Heimspiel wäre noch ein schöner Rahmen. Alleine, um den Fans noch mal danke zu sagen. In Buxtehude muss man als große Familie mit Fans, Mannschaft und Sponsoren leben“, sagt sie.

„Ich hätte mich in dieser Saison nur noch durchgequält“

Bereut habe sie das Karriereende dennoch nicht. „Ich vermisse den Handball eigentlich gar nicht. Ich habe genau den richtigen Schritt gemacht. Trotzdem fehlen natürlich das gemeinsame Training und das Team. Jetzt bin ich mehr auf mich alleine gestellt“, erklärt die 32-Jährige. Die jüngsten Bundesliga-Spiele der BSV-Damen habe sie lediglich per Internet-Livestream verfolgt. Da die Zuschauerzahl in der Halle Nord begrenzt ist, wolle sie niemanden einen Platz wegnehmen. „Ich hätte mich in dieser Saison nur noch durchgequält, von einem Wehwehchen zum nächsten. Bevor der große Knall kommt, habe ich lieber aufgehört. Ich bereue die Entscheidung nicht“, sagt sie.

Bereits während ihrer Profi-Karriere arbeitete Gubernatis in Teilzeit als Sportkoordinatorin für den BSV. „Viele Präsidiumsmitglieder kennen mich schon seit der Zeit. Deshalb denke ich, dass sie mir da vertraut haben. Anfang September waren die ersten konkreten Gespräche“, berichtet die ehemalige Nationalspielerin. Ende November geht die Vorstandsvorsitzende Stefanie Teske in Mutterschutz. Die Aufgaben werden in den nächsten Wochen fließend übergeben. „So eine hohe Position ist mit viel Verantwortung verbunden. Ich nehme es als Herausforderung an. Frau Teske wird uns trotzdem weiterhin beratend zur Seite stehen“, erklärt Gubernatis.

Dringend gesucht: Räume für die Trainingseinheiten

Zu den wichtigsten Projekten zähle, neue Sporträume zu schaffen. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie seien Hallenkapazitäten in diesem Winter besonders wichtig. „Uns machen die nächsten sechs Monate Sorgen. In der Winterzeit haben einige Mitglieder Bedenken, was geschlossene Räume angeht. Andere Räume sind auch einfach zu klein, um den Abstand einhalten zu können. Wir sind momentan dabei, Sporträume zu schaffen. Das Sportvereinszentrum und das Kraftwerk, in dem sich Kinder frei bewegen sollen, sind da zwei aktuelle Projekte.

Wir brauchen dringend mehr Hallenkapazitäten“, sagt die 32-Jährige. Die fehlenden Hallen betreffen vor allem ältere Menschen, die zur Risikogruppe zählen. Aber auch bei Kindergruppen habe man die Kurse verkleinern müssen. „Früher konnten wir beispielsweise 25 Kinder in einem Kurs beschäftigen. Heute können es mit vorheriger Anmeldung dann nur noch 15 sein“, sagt Gubernatis. Grundsätzlich habe sie für die Sorgen der älteren Vereinsmitglieder Verständnis - der BSV wolle niemanden zwingen, zum Sport zu gehen. Bisher hätten die meisten Mitglieder dem Verein die Treue gehalten. Gubernatis befürchtet dennoch, dass im Winter einige Mitglieder austreten werden. „Grundsätzlich ist der Verein nicht gefährdet. Wenn aber kein Ende absehbar ist und die Mitglieder das Gefühl bekommen, dass wir nichts mehr bieten können, werden sie uns möglicherweise verlassen“, sorgt sich die Ex-Handballerin.

Großes Netzwerk

Durch ihre Profi-Karriere habe sie ein großes Netzwerk knüpfen können. Das helfe ihr nun bei der Arbeit. Anders als noch zu ihrer aktiven Zeit könne sie sich nun voll für den Verein engagieren. „Ich kenne beide Seiten des Vereins, sowohl den Leistungssport, als auch den Breitensport. Vorher war ich als Sportkoordinatorin ein bisschen hin und her gerissen. Einerseits war ich die Profispielerin, andererseits musste ich den Verein vertreten“, erklärt sie.

In Zukunft werde sie den gesamten Verein im Blick haben und nicht als spezielles Bindeglied zwischen den Bundesliga-Handballerinnen und dem Verein agieren. „Wir haben hier 19 verschiedene Abteilungen. Der BSV ist mehr als nur Handball, obwohl das Thema natürlich überall als erstes genannt wird“, betont Gubernatis. Abgesehen vom fehlenden Bundesliga-Alltag habe sich ihr Leben derweil kaum verändert. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sich die 32-Jährige vor rund vier Jahren ein Mittelreihenhaus in der Estestadt gekauft, die Spieltags-freie Zeit am Wochenende könne sie durch die Corona-Pandemie ohnehin nur bedingt nutzen. „Ich lese gerne, das konnte ich früher im Mannschaftsbus aber auch machen“, sagt Gubernatis.

In ihrer neuen Rolle hinter den Kulissen wirkt die Ex-Handballerin überaus zufrieden. Und sollte sie zu einer offiziellen Verabschiedung doch noch mal in den Vordergrund einer gefüllten Halle Nord treten können, wäre wohl auch das katastrophale letzte Training der Karriere bald vergessen.