Vielseitigkeitsreiten

Dibowski in Luhmühlen in Lauerstellung

Andreas Dibowski will auch in diesem Jahr bei den Deutschen Meisterschaften ein Wort mitreden.

Andreas Dibowski will auch in diesem Jahr bei den Deutschen Meisterschaften ein Wort mitreden.

Foto: Valeria Witters / WITTERS

Olympiasieger hofft auf Fehler der Konkurrenz. Deutsche Meisterschaft der Vielseitigkeits-Reiter am Wochenende ohne Publikum.

Luhmühlen. Wenn an diesem Wochenende in Luhmühlen die Deutsche Meisterschaft der Vielseitigkeits-Reiter ausgetragen werden, zählt auch ein Reiter aus dem Landkreis Harburg zum erweiterten Favoritenkreis. Von Donnerstag bis Sonntag misst sich die hochdekorierte Vielseitigkeits-Elite in den drei Einzeldisziplinen Dressur, Geländeritt und Springen. Andreas Dibowski (54/Döhle) wurde 2008 zwar Mannschafts-Olympiasieger, kann jedoch wohl nur darauf hoffen, dass die deutschen Top-Stars Sandra Auffarth (33), Michael Jung (38) und Ingrid Klimke (52) patzen. Der Lokalmatador muss dabei allerdings auf die Unterstützung der Fans verzichten – die Veranstaltung findet ohne Zuschauer statt.

„Ich bin da realistisch. Ich weiß, dass ich an den großen Drei nicht vorbeikomme, wenn die keine größeren Fehler machen. Und Fehler machen die fast nie“, sagt Dibowski, der für den gastgebenden Pferdezucht- und Reitverein (PRZV) Luhmühlen startet. Dibowski hofft, in der Dressur den Anschluss halten zu können, und in den folgenden Disziplinen bei Fehlern seiner Konkurrenten da zu sein.

Regelmäßige Wettkämpfe spielen eine große Rolle

Seit Ende Mai finden wieder vereinzelt internationale Turniere statt, nachdem im Frühjahr sämtliche Events gestrichen wurden. Insbesondere für die Pferde kam die Corona-Pause zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. „Die Pferde wurden im Winter alle auftrainiert. Das sind Leistungssportler, eine Wettkampfpause ist da schwierig“, erklärt Jessica Christoph vom PZRV. Durch den unsicheren Saisonkalender konnten die Tiere auch nicht wie gewohnt wieder abtrainiert werden. Viele Reiter verdienen ihr Geld durch Zucht, Ausbildung und Verkauf der Pferde. Regelmäßige Wettkämpfe spielen eine entscheidende Rolle – der Wert der Tiere hängt fast ausschließlich von ihren Turniererfolgen ab. Dass an diesem Wochenende vor fast leeren Tribünen geritten wird, ist dabei zweitrangig.

Andreas Dibowski ist mittlerweile an Wettkämpfe unter Corona-Bedingungen gewöhnt. „Es gibt nun mal gewisse Regeln, die wir während des Wettkampfes einhalten. Da gewöhnt man sich relativ schnell dran“, sagt der 54-Jährige. Die Maske habe er sowieso immer in der Hosentasche dabei. „Ich bin nur froh, dass wir die auf dem Pferd absetzen können“, scherzt er. Noch im vergangenen Sommer kamen rund 40.000 Reitsport-Fans in die Lüneburger Heide, um die Vielseitigkeits-Stars bei der Europameisterschaft anzufeuern.

Ob er durch die fehlenden Zuschauer einen Nachteil habe, weiß Dibowski nicht. „Es ist aber deprimierend und schade, dass die Zuschauer nicht auf den Turnierplatz dürfen. Das hier ist eine Veranstaltung in der Natur. Auf dem Marktplatz in der Stadt dürfen sich die Leute auch frei bewegen“, sagt Dibowski. Ursprünglich hätte der ehrenamtliche PZRV nur die Deutsche Meisterschaft der Junioren veranstalten sollen. Die Deutsche Meisterschaft der Senioren wird normalerweise von der Turniergesellschaft Luhmühlen (TGL) ausgerichtet.

Da in diesem Jahr jedoch die Zuschauereinnahmen fehlten, sagte die TGL das vom 18. bis 21. Juni geplante Event zur Deutschen Meisterschaft ab. Ende Juli trieben die Reiter das fehlende Geld schließlich selber auf – und überzeugten die PZRV davon, die Junioren-Meisterschaften um einen Profi-Wettkampf der Vier-Sterne-S-Kategorie zu erweitern. „Dadurch haben wir jetzt rund 500 Personen auf dem Turniergelände. Pro Reiter ist aufgrund der Corona-Regeln nur eine Begleitung gestattet. Das ist insbesondere für die Junioren eine Herausforderung“, erklärt Jessica Christoph.

Nachwuchsreiter schauen den Stars der Szene über die Schultern

Für die Organisation der Deutschen Meisterschaft habe der PZRV die Turniergesellschaft um Unterstützung gebeten. So arbeitete unter anderem der TGL-Geländebauer am diesjährigen Gelände-Parcours mit. „Ohne die Hilfe der TGL und die finanzielle Unterstützung der Reiter hätten wir die Veranstaltung nicht machen können“, sagt der PZRV-Vorsitzende Dr. Ulrich Schmidt. Grundsätzlich dürfe der ehrenamtliche Verein nicht in finanzielle Schieflage geraten. „Radlader, Mülltonnen, Putzleute – das kostet alles extrem viel Geld. Das weiß man aber erst, wenn man selber mal eine solche Abrechnung vor sich liegen hatte“, sagt Schmidt.

Jessica Christoph sieht allerdings auch die Vorteile einer gemischten Deutschen Meisterschaft. „Für die jungen Nachwuchsreiter ist ein solches Event auch eine große Chance. Dass die Junioren sich beim Wettkampf manche Verhaltensweisen direkt bei den Profis abgucken können, gab es noch nie“, sagt Christoph.

Auch bei Andreas Dibowski dürfte der eine oder andere Nachwuchsreiter über die Schulter schauen dürfen. Der 54-jährige Olympiasieger nimmt die aktuelle Situation sportlich. „Ob mit oder ohne Zuschauer – wir sind einfach alle froh, dass wir in diesem Jahr noch so eine große Veranstaltung bekommen. Die Reitsport-Fans müssen jedoch nicht vollständig auf die Reiter verzichten – unter www.Luhmuehlen.live gibt es während des gesamten Wochenendes einen kostenlosen Livestream. Die wichtigsten Termine sind dabei die Dressur (Freitag, ab 9 Uhr), der Geländeritt (Sonnabend, ca. 13 Uhr) und das Springen (Sonntag, ca. 12 Uhr).

Wertungssystem

Da bei Vielseitigkeits-Wettbewerben drei verschiedene Disziplinen (Dressur, Geländeritt und Springen) in eine gemeinsame Wertungskategorie gebracht werden müssen, wurde ein Fehlerpunkte-System entwickelt.

Erreicht ein Reiter
in der Dressur beispielsweise ein Ergebnis von 80 Prozent, so erhält er die Differenz (100-80=20) als 20 Fehlerpunkte. In den folgenden Disziplinen kann diese Punktzahl nicht mehr gesenkt werden.
Mit guten Leistungen versuchen die Reiter jedoch, einen großen Anstieg zu vermeiden. So gibt es beispielsweise weitere Fehlerpunkte bei Zeitüberschreitung im Geländeritt, oder Hindernisfehlern (vier Punkte) im Springen.