Rosengarten/Buchholz

„Bei mir lernen Sportler, mit Druck umzugehen“

| Lesedauer: 8 Minuten
Maximilian Bronner
Maike Koberg arbeitet seit elf Jahren als Mentaltrainerin für die Handball-Luchse Buchholz 08-Rosengarten.

Maike Koberg arbeitet seit elf Jahren als Mentaltrainerin für die Handball-Luchse Buchholz 08-Rosengarten.

Foto: Maximilian Bronner

Maike Koberg ist seit elf Jahren Mentaltrainerin bei den Handball-Luchsen. Im Interview spricht sie über Motivation, Frust und die Stärke im Kopf.

Buchholz.  Früher war sie selbst als Zweitliga-Handballerin beim TSV Ellerbek aktiv. Mittlerweile unterstützt Maike Koberg Sportlerinnen und Sportler dabei, mental fit zu sein. Neben verschiedenen Einzelsportlern und Mannschaften ist die Sport-Mentaltrainerin seit elf Jahren für die Handball-Luchse Buchholz 08-Rosengarten tätig. Die Luchse spielen in dieser Saison als Aufsteiger erstmals wieder in der Handball-Bundesliga der Frauen. Am heutigen Sonnabend gastieren die Luchse um 18 Uhr beim derzeit zweitplatzierten Thüringer HC.

Frau Koberg, unter dem Begriff Sport-Mentaltrainerin können sich viele vermutlich nur wenig vorstellen. Liegen die Sportler bei Ihnen auf der Couch?

Maike Koberg Genau das passiert bei mir nicht. Ich gebe den Sportlern Übungen und Werkzeuge an die Hand, die sie in Situationen, in denen zu viel Aufregung oder Druck herrscht, anwenden können. Dabei spielen auch Themen wie das schnelle Abrufen von Bewegungsabläufen oder Visualisierungsübungen eine Rolle.

Gibt es klassische Probleme, mit denen die Sportler zu Ihnen kommen?

Koberg Es gibt nicht das klassische Problem. Häufig ist in den Teams zu Saisonbeginn aber eine gewisse Unsicherheit. Alle fragen sich dann, wo stehen wir überhaupt? Dann konzentrieren wir uns auf Einzelziele, aber auch auf Teamziele. Bei den Einzelsportlern ist es häufig der Umgang mit dem Leistungsdruck und dem eigenen Erwartungsdruck. Auch Kommunikation, der innere Dialog der Sportler selber, spielt eine Rolle. Wie schaffe ich es, in den Bereich zu kommen, mich komplett zu fokussieren?

Ist Mentaltraining nicht legales Doping?

Koberg Tatsächlich sehe ich Mentaltraining als positive Unterstützung für die Sportler. Mentaltraining ist das Wissen zum Thema, wie man Leistung abrufen kann und Emotionen steuern kann. Und dabei werden nun mal verschiedene Werkzeuge eingesetzt.

Trotzdem haben viele Proficlubs noch immer keine festangestellten Sportpsychologen oder Mentaltrainer. Warum ist das so, was scheuen denn die Vereine?

Koberg Das liegt vielleicht daran, dass oft noch der Irrglaube herrscht, der Sportler müsse auf die Couch. Ich weiß nicht, wieso wir in Deutschland da so hinterher hinken. Es wird jetzt mehr, die jüngere Generation von Sportlern und Trainern ist wesentlich offener für dieses Thema. Es muss als Unterstützung zum sportfachlichen Gebiet gesehen werden. Und da sind wir in Deutschland noch in der Entwicklung.

Sie hingegen sind mittlerweile seit elf Jahren für die Handball-Luchse tätig.

Koberg Ja genau, mittlerweile sind es elf Jahre. Als Sport-Mentaltrainerin arbeite ich jetzt seit 14 Jahren.

Hilft so eine langfristige Beziehung wie zu den Handball-Luchsen bei ihrer täglichen Arbeit?

Koberg Auf jeden Fall. Es hilft, weil ich die wesentlichen Strukturen des Vereins und dessen Umfeld kenne. Also weiß ich auch, in welchem Umfeld sich die Spielerinnen bewegen. Außerdem ist es ein großes Vertrauen, das über die Zeit zum Verein und zum Management aufgebaut wurde. Der Verein vertraut mir in der Arbeit mit den Sportlerinnen.

Nehmen denn alle Buchholzer Spielerinnen Ihr Angebot in Anspruch oder gibt es bei einigen auch Vorbehalte?

Koberg Es besteht natürlich keine Verpflichtung, das Angebot in Anspruch zu nehmen. Es hängt auch davon ab, in welcher Phase sich die Sportlerinnen gerade befinden. Beispielsweise nehmen mehr Spielerinnen das Angebot in Anspruch, wenn sie beruflich viel zu tun haben oder in einer stressigen Prüfungsphase stecken. Dann ist das Gehirn manchmal so überlastet, dass sie Mühe haben, sich auf den Sport zu konzentrieren. Wenn wir Team-Sitzungen haben, sind alle immer dabei, auch die Trainer. Das machen wir alle vier bis sechs Spiele..

Viele Spielerinnen möchten sich gegenüber dem Trainer vielleicht nicht vollständig öffnen. Wie wichtig ist dann eine vertrauensvolle Beziehung zu Ihnen?

Koberg Ich habe eine Schweigepflicht, außer die Spielerinnen wünschen, dass wir die Sachen gemeinsam mit den Trainern besprechen. Das kommt aber eher selten vor. Sport-Mentaltraining ist für mich auch Persönlichkeitsentwicklung, deshalb ist es sinnvoller, dass die Sportler die Dinge auch alleine umsetzen.

Vor rund einem halben Jahr wurde die vergangene Saison abgebrochen. Was hat das mit den Spielerinnen mental gemacht?

Koberg Der Saisonabbruch war für die Luchse unglücklich, weil wir in der Endphase unserer Zielerreichung waren. Das war dann demotivierend. Dann habe ich erst eine kurze Phase von Demotivation zugelassen, danach aber eine Zoom-Konferenz einberufen, um die Spielerinnen wieder mental zu unterstützen. Dann haben wir überlegt, wie wir die Zeit möglichst sinnvoll nutzen können.

Besteht durch die sechsmonatige Wettkampfpause die Gefahr, dass die Spielerinnen mental noch nicht wieder richtig auf der Höhe eines Bundesliga-Spiels sind?

Koberg Das erkenne ich momentan nicht. Bei allen Vereinen nehme ich eine enorme Motivation der Sportler wahr. Alle wollen wieder performen. Wenn dann wieder eine Pause kommt, sind die Sportler eher unzufrieden, weil es gerade wieder richtig läuft.

Muss man die Spielerinnen dann auch manchmal bremsen?

Koberg Ja, wenn die Spielerinnen im übermotivierten Bereich sind. Es gibt dabei ein Drei-Zonen-Modell. Die unkonzentrierte, die konzentrierte und die übermotivierte Zone. Mein Job ist es, die Sportler zu unterstützen in den konzentrierten Bereich zu kommen.

Sportlich wird diese Saison eine Herausforderung. Wie bereitet man eine Aufstiegsmannschaft, die in den letzten Jahren so häufig gewonnen hat, auf die neue Situation vor?

Koberg Wir müssen versuchen, das Selbstvertrauen aus den letzten Jahren mitnehmen. Außerdem braucht es die mentale Kompetenz, mit Niederlagen umzugehen. Dabei muss man noch mehr an Lösungen, statt in Problemen denken. Die müssen dann zu Beginn der neuen Trainingswoche erarbeitet werden.

Überwiegt jetzt eher die Aufstiegs-Euphorie? Und wie schnell kann eine solche Stimmung auch kippen?

Koberg Das kann natürlich auch kippen. Es ist mein Job, dass es nur kurz kippt, sich die Mannschaft dann aber wieder fängt. Dazu treffen wir uns alle vier bis sechs Spiele.

Gibt es Momente, in denen die Spielerinnen Sie nach einem schweren Spiel oder einer knappen Niederlage anrufen?

Koberg Ja, das gibt es auch. Das hängt aber vom Empfinden der einzelnen Spielerinnen ab. Bei anderen Vereinen bekomme ich derzeit mehr Anrufe, als bei den Luchsen. Momentan überwiegen hier noch die Euphorie und die Spielfreude. Solange die da ist, ist vieles möglich.

Sie begleiten neben den Handball-Luchsen auch andere Sportler. Wie stellen Sie sicher, dass niemand vernachlässigt wird?

Koberg Indem ich mich dann immer auf denjenigen konzentriere, der gerade mit mir spricht, beziehungsweise einen Termin mit mir hat. Gestern habe ich mit einem Kartfahrer gesprochen. Dann geht es in der Coaching-Stunde nur um seine Bedürfnisse und seine Sportart, beispielsweise wenn er am Wochenende bei der Deutschen Meisterschaft fährt.

Obwohl der Spielbetrieb wieder läuft, ist unklar, ob die Saison auch beendet werden kann. Wie gehen die Spielerinne damit um?

Koberg Ich empfinde es so, dass sich gerade alle auf das nächste Spiel konzentrieren. Im Moment überwiegt die Freude, wieder spielen zu dürfen. Die Unsicherheit ist eher im Hintergrund.

Was trauen Sie den Luchsen zu?

Koberg Ich traue Ihnen auf jeden Fall zu, die Klasse zu halten. Außerdem glaube ich, dass hier allgemein ein großes Entwicklungspotenzial vorhanden ist.

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