Harburg
Corona-Krise

PSV Grevelau sorgt sich um seine Voltigier-Pferde

Die Mannschaft Grevelau 1 mit Pferd Palmiro beim Deutschen Voltigierpokal 2019 in Zweibrücken (von links): Trainerin Gunda Sievers, Julia Furmann, Johannes Wenck, Paul Jezierski, Luna Schaar, Jonas Just, Gianna Klaude, Annika Hollmichel, Annika Richter, Lene Heinsohn, Anna Riech und Malte Peters. Es fehlen die Reserve-Voltigiererinnen Lene Heinsohn und Zoe Mucke.

Die Mannschaft Grevelau 1 mit Pferd Palmiro beim Deutschen Voltigierpokal 2019 in Zweibrücken (von links): Trainerin Gunda Sievers, Julia Furmann, Johannes Wenck, Paul Jezierski, Luna Schaar, Jonas Just, Gianna Klaude, Annika Hollmichel, Annika Richter, Lene Heinsohn, Anna Riech und Malte Peters. Es fehlen die Reserve-Voltigiererinnen Lene Heinsohn und Zoe Mucke.

Foto: Deutscher Voltigierpokal / PSV Grevelau

Sich ständig ändernde Vorgaben in Zeiten von Corona erschweren die Pflege der Tiere. Da ist Koordinationstalent gefragt.

Winsen.  Die Olympischen Spiele sind auf das kommende Jahr verschoben, die Sportlerinnen und Sportler können ihre Vorbereitungen ein wenig herunterfahren. Von jetzt auf gleich aber eine Pause einzulegen, würde der auf Hochleistung gezüchtete Körper nicht verkraften. Ähnlich wie beim Karriereende müssen die Athleten abtrainieren, also die Umfänge und Intensität reduzieren.

Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet der Pferdesportverein (PSV) Grevelau die strengen Vorgaben der Behörden. Der für seine erfolgreichen Voltigierer bekannte Club aus Winsen sorgt sich weniger um seine menschlichen als vielmehr um seine tierischen Sportler. „Pferde sind wie Leistungssportler, sie trainieren wie Athleten und müssen täglich bewegt werden. Auch jetzt“, sagt die Erste Vorsitzende Gunda Sievers. Geschieht das nicht, geht es nicht nur mit der sportlichen Leistungsfähigkeit bergab. Auch die Darmtätigkeit der Pferde lässt nach, sie bekommen Bauchschmerzen und Koliken. Mangelnde Bewegung macht zudem das Immunsystem der Pferde anfälliger.

Der Pferdesportverein verfügt über fünf eigene Pferde, hat 153 Mitglieder und sein Domizil auf dem Hof Hölscher im Winsener Ortsteil Grevelau. „Ich bin quasi per Standleitung mit meinem Zweiten Vorsitzenden Malte Peters verbunden“, erzählt Sievers. Jeden Abend sammeln sie Rückmeldungen der Mitglieder, wer sich am folgenden Tag um welche Uhrzeit um die Pferde kümmern kann. Ein typischer Tagesablauf sieht wie folgt aus: um 8 Uhr werden die Pferde gefüttert, um 11 Uhr auf das Paddock gelassen, um sich an der frischen Luft bewegen zu können, nachmittags werden die Boxen mit frischem Stroh ausgelegt und Heulage als Futter bereit gelegt. „Wenn wir die Pferde reinholen, kommen sie an den gedeckten Tisch“, sagt Gunda Sievers. Gegen 18 Uhr gibt es dann nochmal Kraftfutter.

Alle diese Aktivitäten muss der Verein akribisch dokumentieren: Wer war wann auf der Anlage, hat mit welchem Tier gearbeitet und welche sonstigen Aufgaben erledigt? Es sind nie mehr als zwei Personen gleichzeitig vor Ort, natürlich halten sie den Mindestabstand von anderthalb Metern ein. Auch das ohnehin übliche Waschen und Desinfizieren der Hände gehört dazu. „Zum Glück hatten wir noch Desinfektionsmittel“, sagt Sievers. Die Dokumentation sei ziemlich aufwendig, aber man versuche, die Vorgaben der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) so genau wie möglich zu erfüllen.

Sportpferde müssen täglich „gearbeitet“ werden

Klingt einfacher als es ist. Die Vorgaben der FN sind nicht immer eindeutig und ändern sich häufig. „Ich gucke fast jede Stunde auf die Homepage des Bundes- und Landesverbands“, so Sievers. Fakt ist, dass der Leistungssportler Pferd einmal täglich „gearbeitet“ werden muss, wie die Insider sagen. Da fängt das Problem schon an. Denn während die Pferde des PSV Grevelau vor einigen Tagen in geringem Umfang auch außerhalb des Hofes bewegt wurden und ein Longenführer sie, wie beim Voltigieren üblich, in der Halle im Kreis galoppieren ließ, ist die Vorsitzende heute unsicher, ob das noch erlaubt ist. „Pferde auf diesem Niveau brauchen das Gefühl, an der Longe zu arbeiten. Sie brauchen den Kontakt zu den Sportlerinnen und Sportlern, die auf ihnen turnen. Dadurch bilden sich ganz andere Muskeln aus. Darf das alles nicht trainiert werden, dauert es lange, das Gefühl und die Muskeln wieder aufzubauen“, sagt die 50-Jährige.

Viele Voltigierpferde lieben es, wenn die Voltigierer um sie herumwuseln, sie streicheln, putzen und Leckerlis geben. Sie verstehen nicht, warum die Kinder nicht mehr mit ihnen knuddeln. „Deswegen denken sich die Pfleger und Longenführer ein abwechslungsreiches Programm aus, damit die Pferde Freude an der Arbeit haben, bis die Kinder endlich wieder an sie heran dürfen“, sagt Sievers.

Die Restriktionen kommen vor allem für die erste Mannschaft des Pferdesportvereins Grevelau zur Unzeit. Das Top-Team, zu dem sieben Mädchen und drei Jungen im Alter zwischen elf und 24 Jahren gehören, sind mit ihrem Pferd Palmiro gerade von der M- in die S-Klasse aufgestiegen. „Bisher sind wir bei den Amateuren gestartet, jetzt bei den Profis“, verdeutlicht Sievers den Unterschied. Im Pferdesportverband (PSV) Hannover gibt es nur vier Vereine in dieser Sonderklasse: die Reitvereine Fredenbeck und Hohenhameln, das Team Timeloh Hof aus Dachtmissen bei Lüneburg und nun Grevelau.

Keine Chance, das neue Programm irgendwo zu zeigen

Das große Saisonziel ist die Teilnahme an den deutschen Meisterschaften Ende August in Verden an der Aller. Dafür hatten die Co-Trainer Anna Riech, Annika Richter und Malte Peters eine neue Kür choreographiert. Dreimal pro Woche trainierte Grevelau 1 mit dem Pferd Palmiro, im Kraftraum und auf dem galoppierenden Holzpferd „Movie“, das niemals müde wird. „Sie haben jede Menge Kraft, Energie und Zeit investiert und waren richtig gut drauf“, sagt Gunda Sievers. Auf die Chance, das neue Programm in der neuen Leistungsklasse zu präsentieren, müssen die Voltigierer aus Winsen nun noch geraume Zeit warten.

Auch Sportlerinnen und Sportler müssen sich fit halten – da ist Kreativität gefragt. Lisa Schaper zum Beispiel hat ein Video erstellt, das per WhatsApp an die Nachwuchsgruppen im Verein verteilt wird. In dem Video zeigt die Ausbilderin Übungen, mit denen die Voltigierer mit einfachen Mitteln zuhause ihre Technik verbessern können. Die Leistungsmannschaft hat zusammen mit Co-Trainerin Annika Richter ein Trainings- und Aufbauprogramm entwickelt. Jeder, der den Plan abgearbeitet hat, postet das in der Gruppe. Darüber hinaus verbinden sich die Teammitglieder regelmäßig per Videochat und können so trotzdem zusammen trainieren. Trotz aller Widrigkeiten gibt es viele Möglichkeiten, den Spaßfaktor hoch zu halten und damit den Teamgeist zu stärken.

Finanz-Einbußen

Wichtige Einnahmen brechen dem PSV Grevelau durch die Coronakrise weg. Im Frühjahr werden normalerweise neue Kinder in die Spielgruppen aufgenommen. Die Erfahrung zeigt, dass überdurchschnittlich viele Kinder, die im Herbst oder Winter beginnen, schnell wieder aufhören, weil es ihnen zu kalt ist. Wegen der Coronakrise kann der Verein frühestens im Mai neue Kinder aufnehmen.

Verschoben wurde die dringend erforderliche Erhöhung der Spartenbeiträge. Vielen Mitgliedern drohen Einkommenseinbußen, etwa durch Kurzarbeit. Allerdings seien durch die Dürren der vergangenen beiden Jahre die Futterkosten extrem gestiegen, so dass eine Beitragserhöhung aus wirtschaftlicher Sicht bald erfolgen sollte.

Neue Pferde

Der PSV Grevelau benötigt dringend ein neues Voltigierpferd, damit ältere Pferde in Rente gehen können. Das Top-Pferd Palmiro ist 17 Jahre alt und hätte am Saisonende 2019 eigentlich aus dem Leistungssport ausscheiden sollen. Dann aber entschied sich das Trainerteam, ihn behutsam aufzubauen und für eine letzte Saison fit zu machen.


Der Verein verfolgt seit Jahren die Strategie, talentierte Voltigierpferde relativ jung und damit vergleichsweise kostengünstig zu erwerben und sie selbst auszubilden.