Special Olympics

27 Wintersportler aus der Lüneburger Heide

Gemeinsam stark: Die niedersächsischen Athleten wurden im Snowdome Bispingen zu den Nationalen Winterspielen in Berchtesgaden verabschiedet.

Gemeinsam stark: Die niedersächsischen Athleten wurden im Snowdome Bispingen zu den Nationalen Winterspielen in Berchtesgaden verabschiedet.

Foto: André Groß / Special Olympics Niedersachsen

Schülerinnen und Schüler aus Buchholz und Lüneburg wurden zu den Winter Games von Special Olympics verabschiedet.

Buchholz/Lüneburg.  Endlich waren sie in ihrem Element. Bis sie ihr Element aber uneingeschränkt in Beschlag nehmen konnten, mussten sie sich noch gedulden. Warten auf den Einlass, ein paar Gespräche hier, ein paar Fotos dort. Dann gab es kein Halten mehr. Die Schneeschuhe hatten Jonas, Tom Justin und Jonathan schon lange untergeschnallt. Jetzt konnten sie zeigen, was sie drauf haben, wofür sie so viele Wochen trainiert hatten. Nach dem Startkommando eines Lehrers flitzten sie etwa 100 Meter bergauf durch den Schnee, durch richtigen Schnee. Und weil es so schön war, die 100 Meter sofort wieder bergab.

Training mit Schneeschuhen überwiegend auf Rasen

Wobei – richtiger Schnee war das unter ihren Füßen auch nicht. Aber der Kunstschnee im Snowdome in Bispingen war um ein Vielfaches besser als der Rasen, auf dem sie zu Hause trainiert hatten. So war den Jungen und Mädchen von der Schule An Boerns Soll in Buchholz und der Schule Am Knieberg in Lüneburg die enorme Freude anzusehen, ihre Sportart unter realen Bedingungen ausüben zu können.

Der Landesverband Niedersachsen von Special Olympics Deutschland hatte eingeladen, um 27 Schülerinnen und Schüler zu den Nationalen Winterspielen 2020 nach Berchtesgaden zu verabschieden. „Ich freue mich sehr, dass in diesem Jahr so viele junge Athleten zu den Winterspielen antreten werden. Das zeigt, wie wichtig der Sport für die Inklusion junger Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung ist“, sagte Präsidentin Vera Neugebauer.

In Berchtesgaden sind 900 Athleten in acht Sportarten aktiv

Unter dem Motto „Gemeinsam stark“ gehen von Montag bis Freitag, 2. bis 6. März, bei der größten inklusiven Wintersportveranstaltung Deutschlands 900 Athletinnen und Athleten mit geistiger Behinderung in acht Sportarten an den Start. Aus Niedersachsen sind es 27 Teilnehmer in den drei Sportarten Ski Alpin (3 Athleten), Skilanglauf (13 Athleten) und Schneeschuhlauf (11 Athleten).

Alle Niedersachsen kommen aus den Einrichtungen in Buchholz und Lüneburg. Aus einer Wintersportregion wie dem Harz sind keine Sportler dabei. Offenbar wird am Rande der Lüneburger Heide stärker auf Inklusion und Teilhabe durch den Sport gesetzt.

„Im Sommer sind wir vor allem in der Leichtathletik und beim Schwimmen aktiv“, sagt Antje Hierer von der Schule An Boerns Soll. „Um unseren Schülerinnen und Schülern auch im Winter etwas zu bieten, sind wir auf die Winter Games aufmerksam geworden.“ Die Sporttreibenden aus den Kreisen Harburg und Lüneburg erweisen sich also als Universalisten. „Das Training war anstrengend, aber es hat sich gelohnt. Ich freue mich auf Berchtesgaden“, sagte der 15 Jahre alte Marcel Keck aus Lüneburg.

Im Sommer stehen Leichtathletik und Schwimmen hoch im Kurs

Bei den Special Olympics gibt es nur zwei Altersklassen. Eine für Jugendliche im Alter von zwölf bis 18 Jahren, die andere für Erwachsene. Wichtiger als ist die Einstufung nach Leistungsfähigkeit. Dafür waren die Schülerinnen und Schüler im vergangenen Winter zu Testwettkämpfen im Harz. Nach den dort erbrachten Leistungen, die in Berchtesgaden im Vorfeld der eigentlichen Wettkämpfe überprüft werden, werden sie in Leistungsklassen zusammen gefasst.

Wer meint, beim Einstufungslauf nur halbe Kraft geben zu müssen, um im echten Wettkampf aufzutrumpfen, hat sich geschnitten. Das passt nicht zur Einstellung der Special-Olympics-Teilnehmer. „Bei unseren Schülern funktioniert das nicht. Die geben immer Vollgas und sind nicht zu bremsen“, sagte Schulleiter Martin Ihlius aus Buchholz. Trotzdem gibt es eine Sicherheit: wer sich gegenüber der Vorleistung um mehr als 15 Prozent steigert, wird disqualifiziert.

Einstufung der Athleten in erster Linie nach Leistungsfähigkeit

Ganz günstig ist der Spaß wie fast jede andere Sportart nicht. Die Buchholzer schafften sich für das Sommertraining extra geeignete Skiroller an. Durch die Kooperation der Schule An Boerns Soll mit Blau-Weiss Buchholz konnten sie auf der Rollstuhlbahn am Holzweg trainieren. Auch neue Schneeschuhe wurden dank einer Spende der Leiendecker-Stiftung in Höhe von insgesamt 3500 Euro angeschafft.

Die komplette Reise nach Berchtesgaden ist mit einem Etat von 6000 Euro kalkuliert. Jede Schülerin und jeder Schüler zahlt einen Eigenanteil von 200 Euro, der Rest wird erneut über Spenden finanziert.

Projekte sind nur mit Sponsoren-Unterstützung zu realisieren

Die Schule am Knieberg in Lüneburg weiß den Lions-Club Lüneburg-Ilmenau als Sponsor hinter sich. Die Trainingsbedingungen waren in der Salzstadt nicht so gut wie in Buchholz. Die Langläufer konnten nicht auf Skiroller zurückgreifen. „Wir haben Filz unter die normalen Langlaufski geklebt und auf Fliesen trainiert“, berichtet Lehrerin Lena Scott. Das sei vor allem für das Gleichgewichtsgefühl wichtig. Ansonsten gelte es unabhängig von der Disziplin, die allgemeine Ausdauerfähigkeit zu stärken.

Die Schneeschuhläufer trainierten in Lüneburg nicht nur auf Rasen (wie ihre Buchholzer Kollegen), sondern auch auf einem Beachvolleyballfeld. „Sand ist so ähnlich wie Schnee“, sagt Scott. Man muss erfinderisch sein als Wintersportler aus der Lüneburger Heide.