Harburg
Elektronischer Sport

Steffen Pöppe – auf dem Weg zum eSport-Profi

Im Trikot des HSV: Steffen Pöppe aus Neuenfelde gehört zu Deutschlands besten „FIFA 20“-Spielern.

Im Trikot des HSV: Steffen Pöppe aus Neuenfelde gehört zu Deutschlands besten „FIFA 20“-Spielern.

Foto: Maximilian Bronner

Der Neuenfelder ist einer der besten deutschen Spieler der Fußballsimulation „FIFA 20“. Reporter Maximilian Bronner traf sich mit ihm zum Duell.

Neuenfelde.  Eins möchte ich vorweg klarstellen: Bisher war ich davon ausgegangen, „FIFA 20“ in den Grundzügen zu beherrschen. Ich spiele die Fußballsimulation zwar nicht häufig, aber relativ passabel. Dachte ich. Nach meinem Duell mit eSportler Steffen Pöppe kamen mir daran erhebliche Zweifel. Der Neuenfelder hat sich im Januar mit 85 Siegen, drei Unentschieden und nur zwei Niederlagen für die nationalen Play-offs der „Virtual Bundesliga“ qualifiziert. Damit gehört der 22-Jährige zur nationalen Elite der Konsolenspieler. 2018 war der eSportler vom Hamburger SV deutscher Meister im Modus „2 gegen 2“ geworden.

Bei der Mannschaftsauswahl entscheidet sich Steffen Pöppe für Paris Saint-Germain, ich nehme Manchester City. „Gutes Spiel“, wünscht der 22-Jährige grinsend. Es dauert neun virtuelle Spielminuten (in Echtzeit sind das weniger als zwei Minuten), bis Pöppe in Führung geht.

Bundesliga-Play-offs am 7. und 8. März in Dortmund

Dass er sich während eines Spiels unterhält, kenne er normalerweise nicht. Zocken bedeutet für ihn in der Regel höchste Konzentration. „Wenn man vier Stunden am Stück spielt, ist man danach ziemlich kaputt. Das ist wie nach einer Klausur. In der Uni habe ich auch Klausuren geschrieben, die über mehrere Stunden gingen. Teilweise war ich vom FIFA spielen erschöpfter“, erklärt er.

Die Fußballsimulation „FIFA 20“ ist überaus beliebt, in Deutschland wurde das Spiel bis Ende 2019 mehr als 1,5 Millionen Mal verkauft. Obwohl Steffen Pöppe keinen Profi-Vertrag als eSportler besitzt, zählt der Neuenfelder zu den Besten. Im Januar besiegte er 85 seiner 90 Gegner in Online-Partien. Damit erreichte er den 16. Platz der deutschen Rangliste und ist für die Play-offs der „Virtual Bundesliga“ am 7. und 8. März qualifiziert. Erreicht er unter den 64 Play-off-Teilnehmern einen Platz unter den besten sechs, winkt die Teilnahme am „Grand Final“ in Dortmund – und ein Preisgeld von 45.000 Euro.

Alle 36 Erst- und Zweitligisten haben eine eSport-Abteilung

Zuvor muss sich Pöppe allerdings gegen die starke Konkurrenz beweisen. Heutzutage besitzen 22 der 36 Erst- und Zweitligavereine im „echten“ Fußball auch eine professionelle eSport-Abteilung. Auch sie nehmen an der „Virtual Bundesliga“ teil. Der Hamburger SV beschäftigt derzeit vier Vollzeit-Profis und einen Trainer. Gespielt wird in einer eigenen eSport-Loge im Volksparkstadion. Keine Spur von gammeligen Pizza-Kartons, leeren Cola-Dosen und übergewichtigen Jugendlichen. Der eSport hat die Schmuddel-Ecke längst verlassen.

Mittlerweile führt Steffen Pöppe mit 2:0 und hat Spaß daran gefunden, mich digital vorzuführen. Mit einem Trick tunnelt er meinen Spieler, ich bin machtlos. Dann kommt er aus dem Konzept und verliert im eigenen Strafraum den Ball. Ich nutze meine Chance, Anschlusstreffer! Der 22-Jährige muss lachen: „Sowas passiert mir nicht, wenn ich komplett konzentriert davor sitze.“

Pöppe trainiert dritte Herrenmannschaft des FTSV Altenwerder

Bis vor einigen Jahren spielte Pöppe selbst aktiv Fußball – bis ihn Kreuzbandverletzungen zum Aufhören zwangen. Heute trainiert er die dritte Mannschaft des FTSV Altenwerder in der Kreisliga. „Das bringt auch viel Spaß und ist eine gute Ergänzung zum FIFA spielen“, sagt er. Im Dezember schloss Steffen Pöppe sein BWL-Studium an der Leuphana-Universität in Lüneburg ab, im März beginnt er ein Praktikum bei einem Personalmanagement-Unternehmen. „Ich möchte erstmal Berufserfahrung sammeln. Danach möchte ich vielleicht einen Master machen.“

Doch auch der Traum vom Leben als eSport-Profi sei für ihn noch nicht vorbei. Derzeit spielt der 22-Jährige für den HSV als Amateur in der eSport-Liga des Hamburger Fußball-Verbands. Als Nicht-Profi werde er regelmäßig auch zum Training der Profi-eSportler des HSV eingeladen. Diese spielen in einer eigenen Meisterschaft ausschließlich gegen andere Profi-Clubs.

Den Bachelor in BWL hat er seit Dezember in der Tasche

Das Potenzial als Profi zu spielen, sehe er bei sich auf jeden Fall. „Wenn ich gegen die eSports-Profis vom HSV spiele, merke ich, dass ich da mithalten kann. Man braucht aber immer auch ein bisschen Glück, dass man entdeckt wird“, erklärt er. Vor einer Woche reiste Steffen Pöppe nach München. Dort trafen die eSportler vom HSV und FC. St Pauli in einem digitalen Stadtderby an der Konsole aufeinander. TV-Sender ProSieben Maxx übertrug die Partie live im Fernsehen.

Zwei Tage vor dem echten Stadtderby im Volksparkstadion (0:2) behielten die Kiezkicker überraschenderweise auch an der Konsole (1:7) die Oberhand. Doppelt bitter für den 22-jährigen Pöppe, der seit der Kindheit glühender HSV-Anhänger ist. „Wenn der HSV mir einen eSport-Profivertrag anbieten würde, würde ich das auf jeden Fall machen“, sagt Pöppe.

Auch das digitale Stadtderby entschied St. Pauli für sich

An einem beispielhaften Wochenende verbringt der 22-Jährige zwischen sieben und zehn Stunden vor der Konsole. Als Top-Spieler muss man in der sogenannten „Weekend League“ 30 Spiele absolvieren. Vor zwei Wochen landete der Neuenfelder durch 30 Siege in 30 Spielen auf dem 19. Platz der weltweiten „FIFA 20“-Rangliste.

Trotz allem könne er verstehen, dass eSport weiterhin umstritten ist. „Ich kann jeden verstehen, der findet, dass es kein Sport im herkömmlichen Sinne ist. Es ist mentaler Sport und somit eine Definitionsfrage. Für mich persönlich ist es aber Sport, weil ich weiß, was für eine mentale Anstrengung dahintersteckt. Beim Schießsport drückt man auch nur einen Knopf und erhält ein Resultat“, erklärt er, als der Schiedsrichter unsere Partie abpfeift. Dass ich am Ende „nur“ mit 1:5 untergehe, macht mich ein bisschen stolz – auch wenn Steffen Pöppe offenbar nicht wirklich ernst gemacht hat.