Harburg
Motorsport

Ein neuer Chef auf dem Estering

Das neue Vorstandsteam (oben, v.l.): Kai Hoffmann, Jan-André Lemme, Christian Fock, Stephan Kröhnert, Carina Krause sowie (unten, v.l.) Marcus Brassat und Jens Weber.

Das neue Vorstandsteam (oben, v.l.): Kai Hoffmann, Jan-André Lemme, Christian Fock, Stephan Kröhnert, Carina Krause sowie (unten, v.l.) Marcus Brassat und Jens Weber.

Foto: Estering

Jan-André Lemme löste Andreas Steffen nach 13 Jahren als Vorsitzender des Automobilclubs Niederelbe (ACN) ab.

Buxtehude.  Es war eine Ära, die am vergangenen Freitag ihr Ende fand. Seit 2007 hatten Andreas Steffen und Rolf-Jürgen Lützow die Geschicke des Automobilclubs Niederelbe (ACN) gelenkt. Beim Amtsantritt vor 13 Jahren drohten die Lichter auf dem Estering in Buxtehude für immer auszugehen. Der Erste und Zweite Vorsitzende führten die Rallycross-Strecke in den Folgejahren durch kluge Investitionen zurück in die Erfolgsspur. Auf dem Höhepunkt 2018 besuchten 22.500 Zuschauer die Rallycross-Weltmeisterschaft. Nun übernimmt Jan-André Lemme (29) die Position des Ersten Vorsitzenden von Andreas Steffen. Als neuer Stellvertreter wurde Christian Fock (31) gewählt.

Lemme schon seit 2012 Mitglied im erweiterten Vorstand

Ein Generationenwechsel – und doch kann der erst 29 Jahre alte Jan-André Lemme auf viele Jahre Estering-Erfahrung verweisen. Seit 2012 war Lemme bereits Mitglied des erweiterten Vorstands, in den vergangenen vier Jahren plante und organisierte er als ACN-Sportleiter die Rallycross-Großveranstaltungen in Buxtehude. „Andreas und Rolf haben geguckt, wen sie sich als Nachfolger vorstellen können. Da fiel die Wahl relativ schnell auf mich und Christian Fock“, schildert Lemme.

Trotz des Seuchenjahrs 2019 – aufgrund von Dauerregen kamen nur jeweils 4000 Zuschauer zu beiden Hauptevents – stehe der Verein auf gesunden Füßen. „Wir sind finanziell gerade so mit einem blauen Auge davongekommen. Hätten wir die Weltmeisterschaft ausgerichtet, hätte das ganz anders ausgesehen. Deshalb war die Entscheidung richtig, darauf zu verzichten“, erklärt er. 2019 fand neben der neu geschaffenen Titans-Rennserie nur ein Lauf zur Rallycross-Europameisterschaft auf dem Estering statt – vorerst zum letzten Mal, wie Lemme klarstellt. „Der Verein ist gesund. Die WM und die EM sind für uns jetzt aber abgehakt. Das Risiko ist zu groß. Niemand weiß bei der WM, wohin die Reise geht“, sagt der neue ACN-Vorstand.

WM und EM sind abgehakt – finanzielles Risiko ist zu hoch

Bis auf zwei Rennen in Frankreich und Schweden mussten 2019 alle WM-Strecken mit einem teils massiven Zuschauerschwund klarkommen. Hintergrund war unter anderem der Rückzug aller Hersteller-Teams. Zudem waren viele Fans vom Plan einer rein elektrischen Rallycross-Weltmeisterschaft verunsichert. Als sich der ACN 2018 dazu entschied, aus der WM auszusteigen, war Jan-André Lemme in die Diskussion eingebunden. Abgesehen von wegbrechenden Sponsorengeldern bräuchte der ACN an einem WM-Wochenende mindestens 20.000 Zuschauer – ein Wert, der fernab der Realität ist. „In Norwegen waren 2019 nur 3000 Fans da. Ich will nicht wissen, wie groß deren Minus war“, sagt der 29-Jährige.

Erneuerung des Rennturms kostet bis zu 500.000 Euro

Anstelle der Weltmeisterschaft richtete der ACN 2019 mit der Titans-Meisterschaft eine neue Rennserie aus. Am 12. und 13. September 2020 wird die internationale Rennserie erneut in Buxtehude zu Gast sein. „Viele Leute waren positiv überrascht von den Rennen. Wir versprechen uns dieses Jahr einiges von den Titans. Wir setzen darauf, dass es mit der Serie bergauf geht“, sagt Lemme. Erst am Dienstag gaben die Veranstalter bekannt, dass es neben der Titans-Rennklasse eine 600 PS starke Supercar-Support-Klasse auf dem Estering geben wird. Die Supercars werden pro Lauf zudem die sogenannte „Jokerlap“ fahren müssen.

Im Oktober fand auf dem Estering das Saisonfinale der Titans-Serie – aufgrund des schlechten Wetters kamen nur 4000 Zuschauer. Durch das frühere Datum hofft der ACN auf bessere Bedingungen. „Wir sind der Meinung, dass man das Finale nicht unbedingt haben muss. Ein Endlauf hört sich zwar ganz nett an und ist gut zu vermarkten. Am Ende des Tages ist es aber wichtiger, ein vernünftiges Datum mit vernünftigem Wetter zu haben“, erklärt der neue ACN-Chef.

Neuer Vorstand setzt verstärkt auf Nachwuchsförderung

Die Errichtung eines Tribünendaches, um unabhängiger von den Wetterbedingungen zu sein, sei finanziell nicht zu stemmen. „Priorität hat für uns erstmal die Erneuerung des Rennturms. Da sprechen wir über eine Summe zwischen 300.000 und 500.000 Euro, das müssen wir als Verein erstmal erwirtschaften“, sagt Lemme. In den kommenden Jahren rechnet er noch nicht mit dem neuen Rennturm. Aufgrund von Sicherheitsregularien musste der ACN zuletzt viel Geld in die Strecke investieren. „In den letzten WM-Jahren haben wir fast eine Million Euro in die Strecke gesteckt. Jetzt wollen wir erstmal kleinere Brötchen backen, ohne an Niveau zu verlieren“, legt sich Lemme fest.

Als großes Projekt haben er und Christian Fock die Jugendarbeit auserkoren. Die sei in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen. „Eine Überlegung wäre, Motorsport-Talente zu fördern und zu versuchen, sie in einigen Jahren in die Rallycross-Europameisterschaft zu bringen“, sagt Lemme. Der bisherige Vorsitzende Andreas Steffen ist derzeit der einzige aktive ACN-Pilot. Eine andere Idee sei die Einführung einer eSport-Abteilung, auch für dieses Thema sei Lemme mittlerweile offen. Der Fokus werde aber weiterhin auf dem Motorsport liegen.

Deutsche Meisterschaft kehrt am 9. und 10. Mai zurück

Am 9. und 10. Mai 2020 findet auf dem Estering der Saisonauftakt der Deutschen Rallycross-Meisterschaft (DRX) statt. 2019 hatte der ACN auf die Austragung verzichtet. „Die Deutsche Meisterschaft muss endlich verstehen, wie sie attraktiver für Zuschauer werden kann. Das wurde in den letzten Jahren versäumt. Deswegen haben wir uns im letzten Jahr dazu entschieden, ein Zeichen zu setzen“, erklärt Lemme. Grundsätzlich wolle man die Serie aber keinesfalls boykottieren. „Es wird auf Masse statt auf Klasse gesetzt. Es gab bei der Vermarktung einige Verbesserungen, wir sind aber immer noch skeptisch.“

Was die Motorsportfans in den kommenden Jahren erwarten dürfen, sei schwer abzuschätzen. „Es ist schwierig, eine Prognose zu stellen. Einerseits haben wir die Elektro-Autos, andererseits mit der WM, einer Serie in Skandinavien und den Titans drei internationale Rennserien. Keiner weiß so wirklich, welche sich durchsetzen wird. Aber es wird auf jeden Fall weitergehen“, sagt Lemme. Die Planungen zu zukünftigen Events sollen im Mai beginnen.