Harburg
Selbstversuch

Superbowl – mein erstes Football-Erlebnis

Quarterback Patrick Mahomes von den siegreichen Kansas City Chiefs (links) wirft einen Pass auf einen Receiver. Währenddessen versuchen seine Verteidiger, ihn vor einem Tackle der heranstürmenden Defensive der San Francisco 49ers zu bewahren.

Quarterback Patrick Mahomes von den siegreichen Kansas City Chiefs (links) wirft einen Pass auf einen Receiver. Währenddessen versuchen seine Verteidiger, ihn vor einem Tackle der heranstürmenden Defensive der San Francisco 49ers zu bewahren.

Foto: Qin Lang via www.imago-images.de / imago images/Xinhua

Malte Born ließ sich beim NFL-Finale von den Hamburg Ravens ihre Sportart erklären. Am Ende packte auch ihn die Faszination.

Hamburg. Der Quarterback bekommt den Ball an der gegnerischen 20-Yard-Linie. Fünf Männer schirmen ihn gegen die wütenden Angriffe der Gegner ab. Er weicht einige Meter zurück, sucht nach einer Anspielstation. Vergeblich. Dann eben allein. In einem Bogen läuft er auf den rechten Flügel, mitten in die gegnerischen Linien. Zehn Yards, 20 Yards legt er zurück. Die Endzone ist noch drei Schritte entfernt. Dann kommt Jimmie Ward. Mit dem Kopf voran springt er in den Quarterback, fällt ihn, bleibt selbst benommen liegen. Vor dem Bildschirm in Hamburg ertönt ein kollektives „Ouuuh“. Respekt für das Tackling, aber auch schmerzverzerrte Gesichter.

Ein hartes Tackling, das verstehe ich. Viel mehr aber auch nicht. Für mich ist das Spiel nicht viel mehr als eine Abfolge aufeinander prallender Muskelberge. Ich habe in meinem Leben noch kein Football-Spiel geschaut, bloß einige You-Tube-Videos und ein paar Filme, in denen eine Horde Außenseiter – wahlweise bockige Jugendliche, Häftlinge oder Adam Sandler – sich zu einem Team zusammenraufen.

Sehr fester Händedruck, in der Szene sagt man „gute Hände“

Deshalb schaue ich nicht allein, sondern mit vier Spielern der Hamburg Ravens. Der Harburger Verein spielt in der Verbandsliga Nord, der fünften deutschen Football-Liga. Geduldig erklären sie mir den amerikanischen Volkssport, der auch der ihre ist. Der Quarterback auf der Leinwand heißt Patrick Mahomes. Er kann werfen, laufen, einstecken. Ein kompletter Spieler. Zwei Spielzüge nach dem harten Tackling macht er den ersten Touchdown des Spiels und bringt sein Team mit 7:3 in Führung.

Zwei Stunden vor Spielbeginn stehe ich auf der Reeperbahn. Es ist Sonntagabend, 23 Uhr. Eine Frau macht im Nieselregen ein Selfie mit den Beatles. Ich warte auf Michael Haß. Er ist der Vorsitzende der Ravens. Später erfahre ich, dass er gleichzeitig auch ihr Runningback ist. Das ist derjenige, der vom Quarterback den Ball zugesteckt bekommt und sich durch die Verteidiger pumpt. Nach ein paar Minuten kommt er heraus. Kompakt, freundlicher Blick. Ich nehme mir einen festen Händedruck vor. Er zerquetscht mir trotzdem die Hand. Ordentliche Pranken, denke ich. Die Footballer würden sagen: gute Hände.

Zum Ravens-Team gehören 55 Spieler und acht Coaches

Ich hatte zwar mit starken Männern gerechnet, aber auch mit zerknautschten Gesichtern. Zu meiner Enttäuschung sind die Nasen der Ravens alle kerzengerade. Verletzungen kommen selten vor, sagt Carsten Döbel. Er ist Receiver. Er läuft also festgelegte Routen und wartet auf das Zuspiel des Quarterbacks. Richtig verletzt hat er sich noch nie. „Wenn man es richtig macht, tut es nicht weh“, ergänzt Michael Haß. So richtig glauben kann ich das nicht. In der National Football League (NFL) gibt es wenigstens ordentliches Schmerzensgeld. Aber warum tut man sich diesen Sport in der deutschen Verbandsliga an?

Antonio Gliese ist Linebacker bei den Ravens. Er verteidigt hinter den schweren Jungs. Defensives Mittelfeld, sagt er lachend. Wie alle Jungs habe er früher mit Fußball angefangen, irgendwann habe ihn das Football-Fieber gepackt. Gerade bereitet er sich mit den Ravens auf seine vierte Saison vor. Das Team aus dem vergangenen Jahr ist größtenteils zusammengeblieben. 55 Spieler und acht Coaches, da kann man nicht meckern. Nach dem fünften Platz in der Saison 2019 wollen sie jetzt oben angreifen. „Wir wollen dieses oder nächstes Jahr aufsteigen“, sagt Michael Haß.

Die Saison beginnt im April. Schon jetzt trainieren die Ravens zweimal wöchentlich, momentan noch in der Halle. Um Verletzungen vorzubeugen, machen sie immer dienstags Yoga. 40 Kolosse, die den herabschauenden Hund machen. Auch die Qualität der übrigen Trainingsinhalte habe sich in den letzten Jahren enorm verbessert, sagt Michael Haß. Dazu tragen auch die technischen Möglichkeiten bei. Die Spieler haben ihr Playbook, also die Spielzüge und ihre Laufwege, auf dem Smartphone. „Football ist wie Rasenschach“, sagt Döbel dazu und zeigt mir die Routen, die er laufen muss.

In der Vorbereitung treffen sich die Kolosse auch zum Yoga

Beim Superbowl haben die 49ers aus San Francisco inzwischen aufgeholt. Kurz vor der Halbzeit steht es 10:10. So richtig kann ich die Faszination nicht nachvollziehen. Die Spielzüge dauern nur wenige Sekunden, dann dauert es lange, bis die Teams sich wieder aufgestellt haben. Der Trainer der 49ers analysiert auf einem Tablet die letzten Spielzüge und berechnet die nächsten. Auch den Social-Media-tauglichen Jubel der Spieler nach jedem gelungenen Tackling, jedem gewonnenen Yard finde ich eher befremdlich. Die Ravens geben sich trotzdem Mühe, mir das Spiel zu erklären. Sie sprechen von Troublemakern, Speed-Options und Run-Play. Ich verstehe zwar vieles, nicht aber ihre Faszination für diesen Sport.

Diese Begeisterung brauchen die Ravens aber, um in Harburg guten Football zu liefern. „Bei uns bekommen die Coaches einen Hoodie und ‘ne Jogginghose“, sagt Michael Haß. Außerdem profitiere der Verein von der Begeisterung im Umfeld: „Harburg hat eine lange Football-Tradition“. Die Vorgänger der Ravens, die Rubberducks, starteten 1989. „Unser Football stand immer für eine starke Defensive“, sagt Michael Haß.

Rubberducks begründeten 1989 die Football-Tradition in Harburg

Das Besondere am American Football ist, dass jedweder Körperbau gefragt ist. Große, Kleine, Schwere, Schnelle. Die Rollenverteilung ist dabei klar. „Es gibt Spieler, die werden nie einen Ball fangen. Und das ist absolut in Ordnung.“ Das Blocken von Gegnern und das Öffnen von Lücken für Mitspieler mache auch unglaublich viel Spaß.

In der zweiten Halbzeit beim Superbowl verliert der junge Quarterback Patrick Mahomes aus Kansas City die Kontrolle über das Spiel. San Francisco zieht auf 20:10 davon. Es ist inzwischen 3 Uhr morgens. Ich werde müde. Im vierten Viertel liegen die Chiefs noch immer mit diesen zehn Punkten zurück.

Können sie denn überhaupt noch gewinnen, frage ich. Lasse Wiegandt, genannt Magic, glaubt an das Comeback der Chiefs und erklärt mir haarklein, was dafür passieren muss. Schneller Touchdown, dann die nächste Angriffswelle der 49ers stoppen und noch einmal punkten. Am besten ein Touchdown. Ein Fieldgoal reiche auch erstmal zum Erreichen der Overtime. Alles in knapp neun Minuten. Komplett machbar, sagt Magic.

Weniger als sieben Minuten brauchen die Chiefs für 21 Punkte

Gut sieben Minuten vor Spielschluss sind die Kansas City Chiefs 65 Meter von der Endzone entfernt. Sie brauchen den Befreiungsschlag, und zwar schnell. Patrick Mahomes bekommt den Ball, weicht zehn Schritte zurück. Er sucht. Dann ein weiter Wurf, 60 Yards, genau in die Arme von Tyreek Hill. Wahnsinn! Keine Minute später haben die Chiefs ihren zweiten Touchdown, es steht nur noch 17:20. Jetzt verlieren die kühlen San Francisco 49ers die Nerven.

Fünf Minuten vor Spielende sind schon wieder die Chiefs in Ballbesitz. Sie haben jetzt alle Trümpfe in der Hand. Mahomes spielt sein ganzes Können aus. Er läuft, wirft, wird attackiert, ohne zu fallen. Die Aufholjagd wird belohnt: der nächste Touchdown drei Minuten vor dem Ende bringt die Chiefs 24:20 in Führung. Kurz vor Schluss folgt sogar noch einer zum 31:20-Endstand. Was für ein Spiel! Die Ravens um mich herum sind begeistert, applaudieren, johlen. Und da hat es dann auch mich gepackt.