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Sascha Thielert: Zwischen Büro und Bundesliga

Schiedsrichter Patrick Ittrich und Sascha Thielert (v.l.) testen vor einem Bundesligaspiel von Borussia Dortmund, ob die Torlinientechnik funktioniert.

Schiedsrichter Patrick Ittrich und Sascha Thielert (v.l.) testen vor einem Bundesligaspiel von Borussia Dortmund, ob die Torlinientechnik funktioniert.

Foto: Uwe Speck / WITTERS

Schiedsrichter-Assistent vom TSV Buchholz 08, der heute 40 Jahre alt wird, feierte im Dezember seine Premiere in der Champions League.

Buchholz/Hamburg.  Müsste man die Leidenschaft und den Beruf von Sascha Thielert auf eine Gemeinsamkeit herunterbrechen – dann wäre es der gute Blick. Den hat er einerseits als Geschäftsführer des Mineralölunternehmens „Blue Gas“ aus dem 21. Stockwerk eines Bürokomplexes am Berliner Tor, andererseits benötigt er ihn als Schiedsrichter-Assistent in der Fußball-Bundesliga. Woche für Woche wird der Buchholzer dabei von Zehntausenden Fußballfans in den Stadien und Millionen Fernsehzuschauern kritisch beäugt.

„Mein Vater war früher Trainer in Buchholz, da habe ich die Schiedsrichter schon immer verfolgt. Also habe ich mich entschieden, das auch mal zu versuchen. Und das hat ja ganz gut funktioniert“, grinst Thielert, der mit 15 Jahren seinen Schiedsrichterschein machte. Heute kann der Unparteiische vom TSV Buchholz 08 auf 211 Bundesliga-Einsätze als Assistent zurückblicken. In der zweiten Bundesliga leitete Thielert bis 2011 zudem 24 Spiele als Hauptschiedsrichter. Mittlerweile hat er sich auf den Job des Assistenten spezialisiert. „Mit 15 Jahren fängt man an, Jugendspiele zu pfeifen. Da ist es natürlich fehl am Platz, sich als kommender Bundesliga-Schiedsrichter zu sehen“, sagt er. Von Schritt zu Schritt zu denken habe ihm geholfen, im Kopf nicht zu blockieren.

Patrick Ittrich und Thielert kennen sich seit 22 Jahren

Seit 2016 bildet Sascha Thielert mit dem Hamburger Patrick Ittrich (41) ein Schiedsrichtergespann in der ersten Liga. Als Thielert vor 22 Jahren in die Leistungsklasse 5 der Hamburger Schiedsrichter kam, lernte er Ittrich kennen. Gemeinsam stiegen beide immer weiter auf. „Mal war er mein Assistent, mal war ich sein Assistent. Das ist wie eine gute Ehe, die immer noch hält“, scherzt Thielert. Insbesondere schätze er die eingespielten Abläufe mit Ittrich. Wie bei den Mannschaften, stehe auch bei den Unparteiischen der Teamgedanke im Vordergrund.

„Wir Assistenten werden zwar einzeln bewertet, aber natürlich leide ich mit, wenn der Schiedsrichter mal schlecht bewertet wird. Wir sind ein Team und versuchen als Gespann, eine gute Leistung auf den Platz zu bringen. Selbst wenn mein anderer Assistentenkollege einen Fehler macht, tut mir das natürlich auch weh. Wir versuchen immer eine möglichst saubere Leistung abzuliefern“, erklärt Sascha Thielert.

Trotz seiner Erfahrung spüre der Buchholzer vor jedem Spiel die Anspannung. „Man ist immer noch ein Stück weit aufgeregt. Das ist auch wichtig. Wenn zu viel Routine dabei ist, kann es schnell zu Fehlern führen. Das Kribbeln gehört immer noch dazu“, sagt er. Im Februar 2017 adelte ihn die BILD-Zeitung als „coolsten Schiri der Liga“. In einem umkämpften Spiel zwischen Borussia Dortmund und RB Leipzig hob Thielert in der letzten Spielminute die Fahne, der vermeintliche Leipziger Ausgleichstreffer zum 1:1 zählte nicht.

Trotz Rudelbildung, pöbelnder Leipziger Fans und einer aufgebrachten Leipziger Bank blieb Thielert bei seiner Abseits-Entscheidung. Er hatte recht. Angesprochen auf die Szene, erklärt er heute: „Erstmal habe ich mich gefreut, dass die Entscheidung richtig war. Es bringt mir der beste Artikel nichts, wenn die Entscheidung auf dem Platz nicht richtig ist.“ Nach dem Spiel gründeten Unbekannte die Facebook-Seite „Sascha Thielert Fußballgott“.

Mehr als 5000 Facebook-Nutzern gefällt die Spaß-Seite. Thielert lässt die Macher gewähren. „Erstmal muss ich darauf hinweisen, dass der Account nicht von mir ist. Ich weiß nicht, wer dahinter steckt. Ich bin jemand, der selber viele Späße macht und muss deshalb auch einstecken können. Ich finde das ehrlich gesagt sehr lustig und habe da kein Problem mit“, sagt der Buchholzer.

Auf die Frage nach seinem Lieblingsstadion antwortet Thielert: „Die Otto-Koch-Kampfbahn“. Wenn er Zeit hat, verfolgt er dort die Oberligapartien des TSV Buchholz 08. Aufgrund seiner langen Bundesliga-Karriere ist er bei vielen Leuten bekannt – insbesondere in seiner Heimat Buchholz. „Wenn ich bei Buchholz 08 zugucke, werde ich natürlich vermehrt angesprochen. Das ist auch schön, wenn die Leute das verfolgen. Teilweise merke ich es gar nicht mehr, wenn geguckt wird. Es ist eher meine Frau, die mit mir nicht mehr auf den Markt geht, weil wir dann alle zwei Minuten stehen bleiben müssen“, berichtet er.

5000 Facebook-Usern gefällt „Sascha Thielert Fußballgott“

2016 wurde der Zuschauer Thielert in Buchholz plötzlich zum Ersatz-Assistenten. Der angesetzte Linienrichter Tobias Gehmert erlitt während der Partie von Buchholz 08 gegen TuS Dassendorf einen Muskelfaserriss. Thielert sprang kurzerhand ein und lieferte eine souveräne Leistung ab. Seinen Buchholzern versagte er sogar einen Treffer wegen einer Abseitsstellung.

Derart kurze Wege zum Spielort sind die Ausnahme. An Spieltagen unter der Woche – beispielsweise bei DFB-Pokalspielen – muss Thielert im Büro für Vertretung sorgen. Dann lebt er zwischen Flut- und Schreibtischlicht. „Es ist jetzt nicht jede Woche, dass Spiele unter der Woche stattfinden. Aber das kommt natürlich auch vor“, erklärt er. Einen Einsatz der besonderen Art hatte Sascha Thielert im Dezember. Da er nicht zu den zehn deutschen FIFA-Assistenten gehört, kann der Buchholzer normalerweise nicht bei Gruppenspielen der Champions League eingesetzt werden.

Der für die Partie zwischen dem Club Brügge und Real Madrid eingeplante Assistent musste jedoch kurzfristig absagen, Schiedsrichter Tobias Stieler entschied sich für Thielert als Ersatzmann. „Am Dienstagmorgen hat mich Tobias Stieler um sieben Uhr angerufen und gefragt, ob ich um elf Uhr im Flieger sitzen kann. Eigentlich wollte ich um neun Uhr im Büro sein. Als er mir erzählt hat, dass ich als nationaler Assistent mitfahren könnte, habe ich erstmal meine Kollegin angerufen. Die hat sich sehr für mich gefreut und gesagt, dass wir das alles hinbekommen. Jetzt kann ich sagen, dass ich mal in der Champions League gewunken habe“, freut sich Thielert.

Seine Frau geht mit ihm nicht mehr auf den Markt

Bei Erst- und Zweitligaspielen muss das Schiedsrichtergespann bereits am Vortag anreisen. Wird Sascha Thielert für Spiele am Sonnabend eingeteilt, geht es für den Buchholzer am Freitagnachmittag nicht in den Feierabend, sondern auf direktem Weg vom Büro zum Flughafen oder Hauptbahnhof. „Auf dem Rückweg kommt es immer darauf an, wo das Spiel ist und wie man am schnellsten wegkommt. Wenn man um 18 Uhr ein Spiel in Augsburg oder Freiburg hat, kommt man da nicht mehr weg. Dann versuchen wir irgendwie zum Flughafen zu kommen, dort zu schlafen und am nächsten Morgen zu fliegen“, schildert Thielert.

Im Büro versuche er den Fußball möglichst weit weg zu halten – das gelingt jedoch nicht immer. „Wir haben jetzt einen Werkstudenten, der bei Buchholz 08 in der ersten Herren spielt. Natürlich reden wir auch über Fußball. Hier im Büro gibt es ein lockeres Miteinander. Wenn ich am Wochenende mal eine Fehlentscheidung getroffen habe, kann es vorkommen, dass ich einen Spruch bekomme. Derjenige würde von mir aber auch einen Spruch bekommen, wenn er am Wochenende das Tor nicht getroffen hat“, sagt der Bundesliga-Assistent, bevor er sich zurück an den Schreibtisch setzt.

Für dieses Wochenende hat sich Sascha Thielert von allen Bundesliga-Partien abgemeldet. Am heutigen Sonnabend feiert er seinen 40. Geburtstag – dann muss die Fußball-Bundesliga ausnahmsweise ohne ihn auskommen.

Gehalt und Honorar

Alle Assistenten in der 1. Fußball-Bundesliga bekommen in der laufenden Saison 2019/2020 ein Grundgehalt von 40.000 Euro. Zudem erhalten die Assistenten pro Spiel ein festes Honorar. In der ersten Liga sind das 2500 Euro, in der zweiten Liga 1250 Euro.

Hauptschiedsrichter erhalten in der ersten Liga – je nach Leistungsklasse und Erfahrung – ein Grundgehalt zwischen 60.000 und 80.000 Euro, das Spielhonorar beträgt 5000 Euro. Die Kosten werden von den 36 Profi-Clubs der ersten und zweiten Liga getragen.