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Volleyball

Nach Olympia-Aus: „In der Kabine mussten viele weinen“

Auch ein Mittelblocker holt zum Angriffsschlag aus. Anton Brehme (l.) und Lukas Immanuel Kampa im Gruppenspiel gegen Slowenien beim Olympia-Qualifikationsturnier in der Max-Schmeling-Halle in Berlin.

Auch ein Mittelblocker holt zum Angriffsschlag aus. Anton Brehme (l.) und Lukas Immanuel Kampa im Gruppenspiel gegen Slowenien beim Olympia-Qualifikationsturnier in der Max-Schmeling-Halle in Berlin.

Foto: Maja Hitij / Bongarts/Getty Images

Anton Brehme, Nationalspieler der SVG Lüneburg, spricht über den geplatzten Traum, seine neue Heimat Lüneburg und Zwillingsbruder Louis.

Lüneburg/Berlin.  Es sollte der große Triumph werden. In Berlin, in der Stadt, in der Anton Brehme vier Jahre lang im Volleyball-Internat zum A-Nationalspieler reifte. Am Ende wurde es eine der bisher bittersten sportlichen Niederlagen für den 20-Jährigen. Im Finale des Olympia-Qualifikationsturniers unterlag die deutsche Volleyball-Nationalmannschaft gegen Frankreich mit 0:3 (20:25, 20:25, 23:25). Der Traum von der Teilnahme an den Olympischen Spielen 2020 in Tokio ist geplatzt.

2016 war der gebürtige Leipziger mit Zwillingsbruder Louis ins Internat und zu dessen Team VC Olympia Berlin gewechselt. Bereits 2017 feierte der 2,06 Meter große Mittelblocker sein Debüt in der Nationalmannschaft, im vergangenen Sommer folgte der Wechsel zum Bundesligisten SVG Lüneburg. Bereits am heutigen Mittwoch tritt Brehme mit der fünftplatzierten SVG auswärts bei den Volleyball Bisons Bühl an. Zuvor nahm er sich Zeit für ein Gespräch mit dem Hamburger Abendblatt.

Herr Brehme, haben Sie die Niederlage vom vergangenen Freitag schon verdauen können?

Anton Brehme Das Spiel ist auf jeden Fall noch nicht vergessen und noch nicht verdaut. Als ich die vergangenen zwei Tage aufgewacht bin, habe ich mit meiner Freundin darüber geredet, wie schade es ist, dass wir die Chance liegen gelassen haben. Für mich ist es nicht ganz so schlimm wie für andere Spieler, weil ich noch jung bin. Wir haben im Finale aber einfach nicht gut gespielt.

War es besonders bitter, so kurz vor dem großen Ziel zu stehen und es trotzdem nicht zu schaffen?

Ja, auf jeden Fall. Wir haben ein richtig gutes Turnier gespielt, uns von Spiel zu Spiel gesteigert. Wir sind nicht davon ausgegangen, dass die Franzosen so stark sind. In der Gruppenphase waren sie nicht so stabil und haben relativ viele Asse hinnehmen müssen. Darum waren wir ziemlich überrascht, wie sie gegen uns aufgespielt haben.

Wie geht man mit solchen Rückschlägen um?

Ich habe viel mit meiner Freundin geredet. Nach dem Spiel war es ziemlich krass, das habe ich so noch nicht erlebt. Es war sehr emotional. In der Kabine mussten viele weinen, ich selbst auch. Die Führungsspieler Lukas Kampa oder Georg Grozer haben nochmal mit der Mannschaft geredet. Meine Freundin hat noch etwas Schönes für mich gekocht, das hat ein bisschen geholfen.

War der Druck vor 6000 Zuschauern nochmal größer, besonders in heimischer Halle?

Da ich erstmal auf der Bank saß im Finale, hat mich das nicht gestört. Ich hatte richtig Bock zu spielen und wollte unbedingt aufs Feld. Fast alle Spieler sind solche Kulissen gewohnt.

Sie sind mit 20 Jahren der Jüngste in der Nationalmannschaft. Wie erleben Sie die Zeit dort?

Ich bin voll akzeptiert. Ich werde gut aufgenommen und fühle mich richtig wohl. Außerdem lerne ich jeden Tag dazu. Klar hat man als Jüngster immer irgendwelche Aufgaben. Ich muss zum Beispiel das Wasser holen beim Training. Das ist in Lüneburg aber genauso.

2017 haben Sie als 18-Jähriger in der Nationalmannschaft debütiert. Sind Sie manchmal selber überrascht über Ihren Erfolg?

Ich war schon etwas überrascht, dass mich Andrea (Bundestrainer Andrea Giani, Anm. der Red.) so viel einsetzt. Das hat mir Selbstbewusstsein gegeben. Ab und zu denke ich mir schon: Warum ich? Aber es ist cool. Wenn ich eingeladen werde, nehme ich das mit und freue mich immer drauf.

Beim Qualifikationsturnier standen Sie zwei Mal in der Startformation…

Im Training war ich eigentlich immer in der Starting Six, auch in den Testspielen gegen Australien. Im ersten Spiel gegen Tschechien habe ich dann aber nicht so gut gespielt, deshalb hat der Trainer Marcus Böhme für mich reingenommen. Der hat es gut gemacht und ist drin geblieben. Das war am Anfang nicht so cool, aber weil ich der Jüngste bin, auch nicht so schlimm. Gegen Slowenien durfte ich nochmal durchspielen und im Finale bin auch reingekommen.

Wie fällt Ihr persönliches Fazit aus?

(Überlegt) Eigentlich bin ich schon zufrieden mit meiner Leistung. Es ist schade, dass ich am Anfang ein paar Fehler gemacht habe, sonst hätte ich wahrscheinlich mehr gespielt. Trotzdem konnte ich wieder viel mitnehmen.

Hilft es, dass es direkt mit den nächsten Bundesligaspielen weitergeht?

Mal gucken, ich bin gerade erst zurück in Lüneburg. Ich habe schon wieder richtig Bock, mit den Jungs Volleyball zu spielen und freue mich auf das Spiel in Bühl.

Wie gefällt Ihnen Lüneburg?

Super, die Stadt ist schön klein. Die engen Gassen finde ich richtig cool.

Und der Trainer setzt auf Sie…

Ja, genau. Ich habe im Grunde jedes Spiel angefangen. Der Verein ist total cool, ich wurde gut hier aufgenommen. Der ganze Verein ist wie eine große Familie. Das Team hat mich in der Max-Schmeling-Halle auch angefeuert. Sogar ein Poster haben Sie geschrieben und natürlich viele Nachrichten geschickt. Ich fühle mich hier richtig wohl.

Welche Rolle hat Trainer Stefan Hübner bei Ihrem Wechsel nach Lüneburg gespielt? Er war ja früher selber ein Weltklasse-Mittelblocker.

Stefan war ein Hauptgrund, warum ich hierher gekommen bin. Er hat früher in Italien als Blockspieler gespielt. Insbesondere beim Blocken fehlt bei mir noch ein bisschen. Da hoffe ich, viel von ihm lernen zu können. Wir arbeiten sehr viel daran und es wird immer besser.

Seit Sommer leben Sie erstmals getrennt von Ihrem Zwillingsbruder Louis, der in Leipzig studiert. Wie ist es, auf sich allein gestellt zu sein?

In Berlin waren wir immer zusammen. Ich habe im Sommer schon lange Trainingslager allein bei der Nationalmannschaft verbracht. Am Anfang war das schon schwer, aber man gewöhnt sich daran. Es wäre cooler, wenn er dabei wäre. Wir sind aber ständig im Kontakt.

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Nach dem Abi habe ich erstmal nur Volleyball gespielt. Momentan überlege ich, ein Fernstudium anzufangen. Auf Volleyball alleine kann man nicht setzen. So hätte ich ein Backup, falls ich mich verletzten sollte.

Ihr Vertrag läuft im Sommer aus. Wie geht es weiter?

Ich hab noch keine Ahnung. Ich weiß, dass ich mich hier sehr wohl fühle. Ich werde mich mit meinem Agenten zusammensetzen. Erst möchte ich gut in die Rückrunde starten. Über meine Zukunft mache ich mir dann in zwei oder drei Monaten Gedanken.

Neun von 14 Nationalspielern sind im Ausland aktiv. Ist das für Sie eine Alternative?

Ich kann mir gut vorstellen, noch ein Jahr in Lüneburg zu spielen oder generell in Deutschland zu bleiben. Ich bekomme Angebote und setze mich mit meiner Familie und meiner Freundin zusammen.

Wie lautet Ihr persönliches Ziel für 2020?

Sportlich möchte ich mit Lüneburg so weit wie möglich kommen. Im Sommer ist es mein Ziel, wieder zur Nationalmannschaft eingeladen zu werden und durchzustarten. Dann gilt es, für die kommende Saison die perfekte Entscheidung zu treffen.

Und in vier Jahren nehmen Sie den nächsten Olympia-Anlauf?

Ja, genau. Wenn ich das planen könnte, will ich nochmal mehr Gas geben, noch besser werden. Das wäre super.