Harburg
Rallycross

Am Estering bleiben die Zuschauer weg

Der ramponierte Pantera RX6 von Andreas Steffen musste von der Strecke geborgen werden.

Der ramponierte Pantera RX6 von Andreas Steffen musste von der Strecke geborgen werden.

Foto: Maximilian Bronner

Deutlich weniger Fans wollen Rallycross sehen. 2020 macht nach der WM nun auch die EM einen Bogen um Buxtehude.

Buxtehude.  Während die Fahrer lange zurück in ihren Hotelzimmern waren, mussten einige Mechaniker bis drei Uhr eine Nachtschicht einlegen. Beschädigte Karosserien, eine abgerissene Heckschürze und vier gebrochene Achs-Aufhängungen – so lautete die Bilanz nach fünf Minuten Rallycross-Finale auf dem Buxtehuder Estering. Im elften Saisonlauf der Titans-RX-Serie kamen von sechs Fahrern nur zwei ins Ziel.

Der Schwede Kevin Hansen (267 Punkte) konnte durch seinen zweiten Platz hinter dem Franzosen Jerome Grosset-Janin den Vorsprung in der Gesamtwertung vor dem Finnen Toomas Heikkinen (253) und Bruder Timmy Hansen (250 Punkte) ausbauen. Tags darauf stand der zwölfte und letzte Lauf in der Premierensaison an.

Gesamtsieg der Premierensaison an den Schweden Kevin Hansen

Dauerregen verwandelte die Strecke in eine seifige Rutschbahn, kleinste Fehler wurden bestraft. Der erst 21 Jahre alte Kevin Hansen bewies starke Nerven und verwies die Konkurrenten Toomas Heikkinen und Bruder Timmy in die Schranken. Zuvor hatte sich Heikkinens Motorhaube gelöst, war umgeklappt und verdeckte ihm bei vollem Tempo die Sicht. Als wenig später auch Timmy Hansen durch einen Zusammenstoß wertvolle Sekunden auf seinen in Führung liegenden Bruder Kevin verlor, war die Titans-Meisterschaft entschieden.

Der Buxtehuder Andreas Steffen verpasste das Finale an beiden Tagen als Halbfinal-Vierter jeweils knapp. In der Gesamtwertung landete Steffen auf dem achten Platz. „Für mich war es sportlich ein sensationelles Jahr“, sagt Andreas Steffen. Der Estestädter ist unter vielen Profi-Fahrern einer der wenigen Amateure. „Ich musste mich vor niemandem verstecken“, sagt er.

Andreas Steffen konnte sich im Feld der Profifahrer behaupten

In den ersten zwei Saisonrennen war Steffen noch per Wildcard angetreten. Er überzeugte – und wurde kurzerhand ins erlesene Fahrerfeld aufgenommen. Schon vor dem Saisonfinale 2019 bot ihm Titans-Gründer Max Pucher einen Startplatz für die kommende Saison an. „Jetzt liegt es an den Sponsoren, ich muss genug Geld zusammen bekommen“, sagt Steffen, der neben seiner aktiven Karriere als Vorsitzender des Automobil Club Niederelbe (ACN) die Geschicke auf dem Estering leitet.

2020 soll die Titans-Serie wieder auf dem Estering gastieren. Die Resonanz von insgesamt 4000 Motorsportfans an zwei Tagen blieb unter anderem aufgrund des Regenwetters hinter den Erwartungen zurück. „Außerdem hatten wir jahrelang die Weltmeisterschaft hier, vielleicht sind manche Zuschauer ein bisschen verwöhnt. Viele kannten die Titans-Serie einfach nicht“, sagt Andreas Steffen. Zum Lauf der Rallycross-Europameisterschaft im August kamen ebenfalls nur 4000 Zuschauer.

Zuschauerrekord stammt vom WM-Lauf 2018, da waren es 22.500 Fans

Beim WM-Lauf 2018 hatte der ACN mit 22.500 WM-Fans einen Zuschauerrekord gefeiert. „Wir hatten in den letzten Jahren immer Glück mit dem Wetter. Da müssen wir in diesem Jahr einmal die bittere Pille schlucken“, sagt der ACN-Vorsitzende. Immerhin: Trotz der mageren Zuschauerzahlen gerät der ehrenamtlich geführte ACN voraussichtlich nicht in die roten Zahlen. „Großartig Geld verdient haben wir aber auch nicht“, so Steffen.

Fraglich ist, ob der Estering 2020 erneut den Zuschlag für das Titans-Final-Wochenende erhält. „Das würde ich mir natürlich wünschen. Wir müssen jedoch vertraglich zueinander finden“, sagt der ACN-Vorsitzende. Titans-Gründer Max Pucher ließ durchblicken, dass wohl eine andere Strecke den Zuschlag erhalten wird. „Wir haben das Problem, dass der Estering eine der teuersten Rennstrecken für uns ist. Wir müssen deshalb genug Zuschauer haben und dafür ist der Oktober vielleicht nicht ideal. Außerdem haben sich auch andere Strecken um das Finale beworben“, sagte Pucher.

Vermarktungsagentur IMG fordert das doppelte Geld vom ACN

Eine Entscheidung erwartet der Österreicher in den kommenden Wochen. „Wir befinden uns im ständigen Austausch mit der FIA und den einzelnen Rennstrecken. Jeder will seinen Wunschtermin haben“, sagte Pucher. Insgesamt verfolgten 40.000 Fans die Titans-Saison live an den Strecken, etwa drei Millionen Zuschauer sahen die Rennen darüber hinaus beim Fernsehsender Eurosport.

Auf eines legte sich der ACN-Vorsitzende Steffen fest: Anders als in den vergangenen Jahren wird es 2020 weder einen Europa-, noch einen Weltmeisterschaftslauf auf dem Estering geben. Bis 2018 gastierte die WM-Serie in Buxtehude, in diesem Jahr war es zumindest noch die Europameisterschaft. „Der Vermarkter verlangt ab dem nächsten Jahr das doppelte Geld von uns. Das werden wir nicht machen, das finanzielle Risiko ist für den Verein einfach zu groß“, sagt Andreas Steffen. Anders als in diesem Jahr vergibt der Rallycross-Vermarkter IMG die Europameisterschaft 2020 nur im Paket mit der WM-Serie.

Deutsche Rallycross-Meisterschaft kehrt auf den Estering zurück

Im Gegenzug wird 2020 die Deutsche Rallycross-Meisterschaft (DRX) auf den Estering zurückkehren. Aufgrund von Differenzen zwischen der DRX und dem ACN fand 2019 lediglich ein Lauf zur Belgischen Meisterschaft statt. Dieser Streit über spezielle DRX-Regularien konnte offenbar beigelegt werden.