Harburg
Rollstuhlsport

Jannes Günther gewinnt vier WM-Medaillen

Eine glückliche Familie. Manja Günther und Marc Günther freuen sich mit ihrem Sohn Jannes Günther (M.) über dessen großartiges Abschneiden bei den Junioren-Weltmeisterschaften.

Eine glückliche Familie. Manja Günther und Marc Günther freuen sich mit ihrem Sohn Jannes Günther (M.) über dessen großartiges Abschneiden bei den Junioren-Weltmeisterschaften.

Foto: Privat

Der 16 Jahre alte Rennrollstuhlfahrer aus Ashausen übertrifft bei U17-Titelkämpfen in der Schweiz seine eigenen Erwartungen.

Ashausen/Buchholz..  Er wolle die eine oder andere Medaille holen und besser abschneiden als im vergangenen Jahr, als es Bronze über 1500 Meter gegeben hatte. Also einmal Silber oder zweimal Bronze waren das Ziel. Jetzt, nach der Rückkehr von den Junioren-Weltmeisterschaften 2019, sieht die Welt für Jannes Günther ganz anders aus, rosarot geradezu. „Ich bin total geflasht“, sagte der 16 Jahre alte Rollstuhlrennfahrer aus Ashausen. Sagenhafte vier Medaillen hat das Mitglied von Blau-Weiss Buchholz bei den Welttitelkämpfen in Nottwil in der Schweiz gewonnen. „Das hat noch nie ein Niedersachse geschafft“, sagte Günther, der in der Altersklasse U17 startet, mit berechtigtem Stolz.

In fünf Disziplinen nominiert, in vier Disziplinen Medaillen gewonnen

Für fünf Disziplinen, alle Distanzen von 100 bis zu 1500 Metern, hatte ihn der Deutsche Behindertensportverband (DBS) nominiert. Der Auftakt der Junioren-Weltmeisterschaften verlief für Jannes Günther alles andere als glücklich. Im Rennen über 400 Meter wurde er disqualifiziert, weil er eine Bahnbegrenzung nach innen überfahren und damit abgekürzt haben soll. Er selbst erklärte sich diesen Fehler mit großer Nervosität. „Ich war sehr aufgeregt. Man hat sich so lange auf die WM vorbereitet, und dann ging es endlich los“, so der 16-Jährige.

Zur Beruhigung konnte auch seine Erfahrung von der Junioren-WM-Teilnahme 2018 in Irland nicht beitragen. Nach dem misslungenen Auftakt war die Aufregung aber verflogen und Jannes Günther konnte sich mehr und mehr auf die sportliche Leistung konzentrieren.

Taktisch kluges Rennen über 1500 Meter macht ihn zum Vizeweltmeister

Tags darauf über 1500 Meter zeigte er eine sehr gutes, von Taktik geprägtes Rennen. Bald nach dem Start formierte sich eine dreiköpfige Spitzengruppe, die sich nach und nach vom Rest des Feldes absetzte. Auf den Plätzen eins und zwei wechselten sich zwei US-Amerikaner in der Führungsarbeit ab, der Niedersachsen hielt sich im Windschatten an dritten Position auf und wartete ab. Als 200 Meter vor dem Ziel das Tempo immer höher wurde, scherte Jannes Günther aus und konnte einen Kontrahenten überholen.

Der andere US-Amerikaner war ein Stück zu weit weg, so dass die drei Medaillengewinner jeweils im Abstand von einer Sekunde über die Ziellinie rollten. Günther verbesserte seine persönliche 1500-Meter-Bestzeit um drei Sekunden auf 3:50,76 Minuten und wurde Vizeweltmeister. Mit dieser Silbermedaille hatte er seine eigene Vorgabe, besser als 2018 abzuschneiden, bereits erfüllt. Alles andere war Zugabe.

Und es gab reichlich Zugaben. Schon am späten Nachmittag des zweiten Wettkampftages in Nottwil stand die kürzeste Distanz, der 100-Meter-Sprint, auf dem Zeitplan. Die Bahn war wegen des Regens nass und daher weicher als bei trockenen Bedingungen. Erschwerend kam leichter Gegenwind dazu. Daher war Jannes Günther etwas langsamer als beim Gewinn des deutschen Meistertitels zwei Wochen zuvor. In 17,58 Sekunden gewann er aber mit Bronze die nächste Medaille. Zeit zum Feiern blieb kaum. Anschließend ging es zum Abendessen, zur Teambesprechung und dann zum Entspannen aufs Zimmer in der Unterkunft, die sich in einem Komplex mit den Wettkampfanlagen befand.

So erfolgreich ist noch nie ein Niedersachse gewesen

„Ich war schon motiviert, noch mehr Medaillen zu holen“, sagte der junge Mann aus Ashausen. Immerhin kannte er mittlerweile seine Konkurrenten. Der dritte Wettkampftag brachte mit Bronze über 200 Meter (31,18 sek.) die dritte Medaille. Und auch im 800-Meter-Rennen am Abschlusstag der Weltmeisterschaften ließ sich der U17-Fahrer nicht zweimal bitten. Erst beid er DM in Singen war er erstmals unter der Zwei-Minuten-Grenze geblieben. Jetzt verbesserte er seine persönliche Bestzeit um weitere anderthalb Sekunden und gewann in 1:58,04 Minuten seine dritte Bronzemedaille und die vierte Medaille insgesamt.

Und dann war endlich Zeit zum Feiern. Nach dem Abendessen und der Abschlusszeremonie hatten die Veranstalter eine Art Beachparty auf die Beine gestellt, bei der Jannes Günther die Chance nutzte, Kontakte mit Athleten aus der Schweiz und den USA zu vertiefen.

Zum neuen Schuljahr Umzug ins Sportinternat nach Hannover

Am folgenden Tag ging es mit seinen Eltern Manja und Marc Günther, die ihren Sohn bei den Wettkämpfen in der Schweiz anfeuerten, zurück nach Ashausen. Die Tage im Haus in der Gemeinde Stelle sind aber gezählt. An diesem Montag zieht Jannes Günther in das Sportinternat nach Hannover um, damit er sich noch intensiver seinem Sport widmen kann. Drei Tage hat er zur Eingewöhnung, bevor am Donnerstag der Alltag mit Schule und Training beginnt. „An den Wochenende werde ich immer mit dem Zug nach Ashausen fahren“, hat er sich vorgenommen.

Letzter großer Wettkampf 2019 beim Istaf in Berlin

Einen großen Auftritt hat er in diesem Jahr noch, und zwar am Sonntag, 1. September, beim Istaf in Berlin. Schon mehrfach gewann Günther das 100-Meter-Einlagerennen im Rahmen des internationalen Leichtathletik-Sportfests. Auch diesmal werden 40.000 Zuschauer im Olympiastadion erwartet. Obwohl er dem Perspektivkader „Go for Tokio“ angehört, kommen die Paralympics 2020 in Japan noch zu früh für den talentierten Rollstuhlschnellfahrer aus dem Landkreis Harburg. „Dafür ist der Abstand zu den Erwachsenen einfach noch zu groß“, sagt Günther, „mein großes Ziel sind die Paralympics 2024 in Paris.“

Die Paralympics 2020 in Tokio kommen noch zu früh

Dennoch könnte die Reise im kommenden Jahr zumindest grob Richtung Tokio gehen. Es verdichten sich die Anzeichen, dass die Junioren-Weltmeisterschaften 2020 in Thailand stattfinden werden. „Das wäre meine mit Abstand weiteste Reise“, so der 16-Jährige, der für eine WM-Teilnahme die strengeren Normen der Altersklasse U20 erfüllen muss. Unrealistisch ist das nicht. „Die Norm über 100 Meter bin ich schon gefahren.“