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Die neue Chefin von 3500 Schützen

Martina Wiechers (52) kurz nach ihrer Wahl zur neuen Präsidentin. 

Martina Wiechers (52) kurz nach ihrer Wahl zur neuen Präsidentin. 

Foto: Wiechers/privat

Martina Wiechers ist die erste Frau an der Spitze des Schützenkreisverbandes Harburg-Stadt.

Harburg/Neuenfelde.  Martina Wiechers ist gut vorbereitet. Gleich zu Beginn unseres Gesprächs zieht sie einen mehrseitigen Steckbrief aus der Tasche. Wiechers räumt ein, dass sie gerne plant, um unnötige Risiken zu vermeiden. Vor wenigen Wochen haben 91 Delegierte die gebürtige Eißendorferin zur Präsidentin des Schützenkreisverbandes (SKV) Harburg-Stadt gewählt. Ein echtes Novum – in 66 Jahren SKV ist die 52-Jährige die erste Frau an der Spitze.

Mit am Tisch sitzt ihr Vater Peter Wiechers, er ist der Vizepräsident. Martina Wiechers kommt aus einer Schützenfamilie, schon als Kind schien ihr Weg vorgezeichnet – ein Umstand, mit dem sich Wiechers lange Jahre nicht anfreunden konnte und wollte. „Ich habe mich 27 Jahre gegen das Schützenwesen gewehrt. Als Vierjährige durfte ich mit meiner Mutter im identischen Outfit über den Festplatz gehen und Blumen an die Schausteller verteilen“, erinnert sie sich. Die Begeisterung für das Schützenwesen habe sich nur langsam entwickelt. Um ihrer Mutter eine Freude zu machen, sei sie schließlich in den Eißendorfer Schützenverein eingetreten. Es folgte der Umzug nach Francop-Neuenfelde, weg vom anonymen Stadtleben, hin zum persönlicheren Dorfleben.

Vater Peter Wiechers ist der Vizepräsident im Kreisverband

„Seit 25 Jahren wohne ich jetzt im Alten Land. Auf dem Dorf muss man sich eingliedern. Also musste ich ja zu den Schützen, denn für die Feuerwehr oder Landfrauen bin ich ungeeignet“, sagt Martina Wiechers. Seit 23 Jahren ist sie nun Mitglied im Neuenfelder Schützenverein, bald nach dem Eintritt übernahm sie erste Ämter. Nun ist sie als Präsidentin des Schützenkreisverbandes für etwa 3500 Mitglieder verantwortlich – über ihren Vater spricht sie mittlerweile als „mein Vize“.

Als erstes Projekt werde sie die 23 Vereine besuchen, sich umhören und mit den Mitgliedern sprechen. „Da bin ich sehr gespannt drauf. Die Vereine beobachten ganz genau, was man macht. Und wenn ich es dann schaffe, dass die Vereine merken, dass ich für sie da bin, ist ein großes Stück Arbeit geschafft“, erklärt Wiechers, die als Chefsekretärin bei einem Harburger Steuerberater angestellt ist. „Auch wenn ich nach der Arbeit erst um viertel vor Sechs zuhause bin, ist es für mich keine Last, Termine wahrzunehmen. Im Gegenteil, ich freue mich darauf“, sagt die 52-Jährige.

Ein gleichzeitiges Engagement im Landesverband kommt nicht in Frage

Momentan hat sie nur wenig Freizeit. „Ich habe mir von meinem Vorgänger erstmal sämtliche Unterlagen geben lassen. In den vergangenen vier Wochen habe ich jeden Tag mindestens zwei Stunden mit Vorstandsarbeit verbracht“, erzählt Wiechers. Doch sie habe sich das Amt schließlich ausgesucht, die viele Arbeit gehöre nun mal dazu. Insbesondere die Jugendarbeit habe sie als zentrales Problem ausgemacht. Ohne Jugend sei ein Schützenverein über kurz oder lang zum Sterben verurteilt. Es sei wichtig, immer wieder darauf hinzuweisen.

„Heutzutage haben die Jugendlichen Ganztagsschule und drei Stunden Hausaufgaben. Das führt natürlich zu Zeitstress. Erschwerend kommt hinzu, dass unser Sport ein Konzentrationssport ist, der Ruhe und Disziplin erfordert. Da gibt es heutzutage Freizeitangebote, die es den Jugendlichen deutlich leichter machen“, weiß Martina Wiechers.

Martina Wiechers beerbt im Kreisverband Harburg-Stadt Heinz-Heinrich Thömen, der 18 Jahre lang die Geschicke des Kreisverbandes geleitet hatte. Thömen war in Doppelfunktion auch lange für den Landesverband tätig. Ein Fehler, den Wiechers so nicht wiederholen wolle, betont sie. Es sei schwierig, zwei Posten gleichzeitig zu übernehmen. „Wenn man auf zwei Hochzeiten tanzt, bleibt ein Amt auf der Strecke“, weiß Martina Wiechers. Sie steht nicht nur für einen personellen Umbruch, sondern gleichzeitig auch für einen Generationenwechsel. Das bedeute neue Ideen, neue Motivation und eventuell auch andere Wege.

Nach 18 Jahren hatte Heinz-Henirich Thömen nicht mehr kandidiert

Die 52-Jährige hat feste Prinzipien, nach denen sie handelt. Für Wiechers geht das Präsidentenamt weit über das Maß eines herkömmlichen Ehrenamtes hinaus. „Das ist eher ein Job, eine große Aufgabe und kein Hobby mehr“, sagt sie. Als Kreisverband wäre es ein leichtes, sich hinter dem Landesverband zu verstecken. „Aber man muss die Probleme an der Basis lösen“, erklärt Wiechers. Sie versteht die Kreisverbände als Säulen des Landesverbandes.

Die Akzeptanz unter den größtenteils männlichen Vorstandsmitglieder des Schützenkreisverbandes Harburg-Stadt habe sie sich über viele Jahre erarbeiten müssen. Martina Wiechers bezeichnet sich selbst als humorvoll und willensstark. Sie habe gelernt, sich durchzusetzen, handelt stets zielstrebig. „Und ich überlasse wenig dem Zufall“, sagt sie. Jahrelang habe sie genau beobachtet, wie andere auf sie reagierten. „Ich fühle mich von allen Seiten akzeptiert. Wenn ich das Gefühl nicht hätte, würde ich den Job auch nicht machen“, erklärt Wiechers.

Ambitionen auf ein Amt im Landesverband hege sie bisher nicht. „Im Moment zählt für mich nur der Kreis. Was in vier oder acht Jahren sein wird, das sehen wir dann“, sagt die neue SKV-Präsidentin.