Harburg
Pferdesport

Hamburger Schleppjagd-Verein ist 95 Jahre alt

Die Jagdgesellschaft verlässt Sahrendorf auf dem Weg zur letzten Line – vornweg die ungeduldige Hundemeute.

Die Jagdgesellschaft verlässt Sahrendorf auf dem Weg zur letzten Line – vornweg die ungeduldige Hundemeute.

Foto: Thomas Ix

Festliche Jubiläumsveranstaltung auf Hof Sudermühlen unterstreicht die Tradition dieses außergewöhnlichen Pferdesports.

Sudermühlen.  Ein Heidjer-Abend zum Auftakt, das festliche Dinner zum Ausklang und, natürlich, die Jubiläums-Jagd rund um den Hof Sudermühlen als Höhepunkt – so hat der Hamburger Schleppjagd-Verein an seine Gründung erinnert. Das ist inzwischen 95 Jahre her. Fast ein Jahrhundert also hegen und pflegen die Mitglieder eine Tradition, die in ihren Ursprüngen ein Jahrtausend und mehr die Menschheit auf ihrem Weg in die Zivilisation begleitet hat.

Der Mensch auf dem Rücken schneller Pferde und mit seinen Hunden als Helfer auf der Jagd nach scheuem Wild. Dabei ist in Deutschland, das muss man unterstreichen, seit 1934 die Jagd hinter lebendem Wild verboten. Und das gilt längst für alle Länder. Das Fieber der Jagd fasziniert und fasziniert aber noch heute.

Unter den mächtigen Pappeln am Feldweg, der vom Hof Sudermühlen geradewegs in die Heide führt, drängen sich die Zuschauer. Ihre Gespräche verstummen. Die Blicke richten sich in die Auenlandschaft. Weit hinten im Grün der Wiese das erste, das zweite und dritte Hindernis. Dann, ganz vorne, der Aufsprung auf den Weg, und dahinter der letzte, der gefährlichste Sprung, mit dem alle Schleppjagden in Sudermühlen so spektakulär ausklingen.

Noch Warten und Horchen. Das erste Gebell, mehr ein aufgeregtes Jaulen und Heulen. Dann sind sie da, der Leithund vorne weg und dahinter, aufgeregt und angespannt, die Meute. Schnelle, kraftvolle Foxhounds, Jahrhunderte alter englischer Hundeadel.

Der erste Rotrock nimmt das erste, das zweite und dritte Hindernis. Master Jens Möllering, der Chef der Meute und neben und hinter ihm seine Helfer, die Piköre. Dann die ersten Jagdreiter. An der Spitze ein Mann in Schwarz, Hans Melzer, Bundestrainer der Vielseitigkeitsreiter. Bei dieser Jubiläumsjagd führt er das erste Feld an.

Es gibt immer wieder Applaus für diesen letzten, den mutigsten Flug über das Hindernis in die Tiefe. Vielen Zuschauern aber stockt dabei der Atem. Sie bewundern schweigend. „Gott sei Dank, dass wir uns mit dem Auto verfahren haben“, wendet sich eine Zufalls-Zuschauerin ihrem Mann zu. „Da sitzen wir Zuhause in Buchholz und schimpfen über das Fernsehen und hier erleben wir so etwas Tolles und Spannendes.“

Den Ausklang einer Schleppjagd zumindest, die aus sechs Liens, also sechs Abschnitten mit Pausen, aufgebaut war. Dabei erfasst einen die einmalige Atmosphäre bei dieser sportlichen Variante der Jagdtradition schon beim Stelldichein. Die Melodie der vielen Pferdehufe auf dem Kopfsteinpflaster im Innenhof der Hotelanlage. Und erst recht das Traditionsbewusstsein so mancher Teilnehmer. Da ist Vereinsmitglied und Dauergast Dr. Harald Mayer aus Düsseldorf. Wie der alte Herr da hoch zu Ross sitzt, mit braunen Stiefeln, die Weste aus englischem Tweet, der grüne Reitrock. Man könnte glauben, da habe sich ein Schauspieler aus den Kulissen eines monumentalen Historienfilms in die Heide verirrt.

Im ersten Feld vorneweg flog auch Silke Christ über die festen Barrieren. Und das in einem bodenlangen schwarzen Jagdrock und weißer Bluse mit Rüschen. So ritten um die Jahrhundertwende die Damen – natürlich im Damen-Sattel, also die Beine nicht unzüchtig gespreizt, sondern auf einer Seite des Pferderückens. Traditionell auch die Jagdhornbläser von der Insel Usedom in ihren prachtvollen Trachten aus längst vergessenen Zeiten.

„Ein Verein ist ja immer auch ein Spiegel unserer Gesellschaft“, daran erinnerte Ulrich Deus, der agile Vorsitzende der 95 Jahre alten Gemeinschaft der Pferdefreunde. Was das betrifft, steht der Hamburger Schleppjagd-Vereine auch für ein Jahrhundert schmerzlicher Erneuerungen.

„Tradition seit 1866“, so ist in den Festanalen zu lesen. Das war ein Schicksalsjahr auch für die spätere Gründung des Deutschen Reiches. Das aufstrebende Preußen hatte mit seinen Verbündeten den Deutschen Bund unter Führung Österreichs besiegt. Zu den Verlierern gehörte das Königreich Hannover. Eine Folge war, dass das Königshaus seine Hundemeute, bis dahin einzig Privileg der Herrscherhäuser, an die Hamburger Pfeffersäcke abtreten musste. Deshalb ist die Hundemeute, bis heute das Herzstück des Schleppjagd-Vereins, auch ein Symbol für die Unabhängigkeit und wirtschaftliche Kraft der Hanseaten.

Als Ulrich Deus in seiner Festrede beschwor: „Wir haben das beste Deutschland, das es in unserer Geschichte jemals gegeben hat“, war der Beifall bis weit in die Heide zu hören. Bevor er dann sein Glas zu einem Horrido auf die edle Jagdreiterei erhob, betonte er noch einmal: „Wir erleben heute als große Gemeinschaft der Pferdefreunde besondere Momente des Glücks und der Lebensfreude.“

Diese Glücksmomente zeigten sich schon in den Gesichtern der Reiterinnen und Reiter, als sie aus dem Sattel sprangen und die Jagdhornbläser mit dem Halali das glückliche Ende verkündeten. Pardon, diese Jubiläums-Jagd wurde nicht mit dem Halali, sondern mit einfühlsamen Klängen aus der französischen Jagdtradition beendet. Ursprünglich verkündete das Signal, der Hirsch sei erledigt. Aus Respekt vor dem stolzen Tier wird es noch heute „die Träne des Hirschen“ genannt.