Harburg
Die Fitmacher

Hebel, Würfe und schwarze Gürtel

Sprung über vier Ju-Jutsu-Sportler hinweg: Martin Sippert landet sicher auf der anderen Seite. Er gehört zu den 20 Trägern eines schwarzen Gürtel im TSV Winsen

Sprung über vier Ju-Jutsu-Sportler hinweg: Martin Sippert landet sicher auf der anderen Seite. Er gehört zu den 20 Trägern eines schwarzen Gürtel im TSV Winsen

Foto: Rolf Zamponi / HA

Unter dem Titel „Die Fitmacher“ rückt das Abendblatt den Breitensport in den Mittelpunkt und stellt Menschen vor, die uns in Bewegung bringen. Heute: Gerhard Wilken, TSV Winsen.

Beim Ju-Jutsu machen Sportler keine Unterschiede. Zu der Gruppe, die sich an diesem Abend für zwei Stunden zum schweißtreibenden Training trifft, gehören Meister mit schwarzen Gürteln, Schüler mit blauem, grünem oder gelbem oder auch eine Anfängerin mit einem weißen Gürtel. Barfuß hüpfen sie zum Aufwärmen, lassen Schultern kreisen, pumpen Liegestütze auf den Fäusten und rennen in der mit Matten ausgelegten Budohalle für Kampfkunst-Sportarten auf der Anlage des TSV Winsen hin und her.

Erst wenn die Muskeln warm sind, sollen die Fallübungen und Wurftechnikern folgen. „Schneller, noch schneller“, ruft Kursleiter Dietmar Janows­ki mit hörbar süddeutschem Akzent und rennt mit den anderen zehn Teilnehmern mit.

Von außen beobachtet Gerhard Wilken das Geschehen. Der pensionierte Hauptkommissar hat die Ju-Jutsu-Abteilung des Vereins, zu der auch Aikido gehört, 2008 gegründet und steht ihr seitdem vor. Der 66-Jährige, gleichzeitig Jugendwart für den gesamten Sportverein mit 2800 Mitgliedern und Seniorenbeauftragter des niedersächsischen Ju-Jutsu-Verbandes, hat mit 14 Jahren mit Kampfsport begonnen.

Bei 1,78 Meter Größe kommt er heute auf 67 Kilogramm. Er besitzt einen rot-weißen Gürtel, der ihn als Träger des sechsten Dan (übersetzt: Stufe) ausweist. Solche Meister bilden bundesweit eine exklusive Gesellschaft. Doch dazu später mehr.

Ju-Jutsu wird in Deutschland als Kampfsport seit 1969 gelehrt. Aus den Selbstverteidigungstechniken von Judo, Karate, Jiu-Jitsu und Aikido wurden die effektivsten übernommen, um zunächst Polizisten und Justizmitarbeiter für ihre Aufgaben fit zu halten. Die Übungen geben nicht nur Sicherheit in kniffligen Alltagssituationen, sondern sollen den Körper insgesamt fit halten (siehe Infokasten). Aikido gilt dabei im Gegensatz zu Ju-Jutsu nicht als Selbstverteidigung. Hier sollen Partner oder Gegner solange ins Leere laufen, bis sie aufgeben.

Gelehrt und gelernt werden beim Ju-Jutsu Falltechniken, Hebel und Würfe oder auch wie sich Gegner am Boden festhalten lassen. „Wir wollen erreichen, dass sich unsere Sportler koordiniert bewegen, sich konzentrieren können und es ihnen gelingt, vom Alltag abzuschalten“, sagt Wilken.

Bis zu 250 Würfe lassen sichin der Ausbildung lernen

Vor allem für Kinder und Jugendliche gehört dazu, stabil zu stehen und dafür das Gewicht richtig auf Beine und Füße zu verteilen. An Übungen fehlt es beileibe nicht. Bis zum dritten schwarzen Gürtel, bei dem die Ausbildung als abgeschlossen gilt, können sich die Sportler allein an 250 Würfen versuchen.

Die Kampfsportabteilung ist im TSV Winsen die jüngste. Von ihren 180 Mitgliedern tragen 20 Meister schwarze Gürtel über den weißen Kampfanzügen. Elf Übungsleiter kümmern sich um die Gruppen, für die es täglich Trainingsstunden gibt, für erwachsene Anfänger sogar sonntags. Mit dem Start in Winsens Ortsteil beim HSV Stöckte 1972 gilt der heutige TSV als der erste Verein im ehemaligen Bezirk Lüneburg, der sich mit Ju-Jutsu befasst hat. Noch heute hat er in dieser Region die meisten Mitglieder unter inzwischen 40 Clubs, die sich mit dem Sport befassen.

Alles beginnt mit den fünf bis siebenjährigen Drachenkämpfern, von denen im Februar 25 neu angefangen haben. Geschult werden sie in zwei Gruppen. Ein Jahr lang lernen die Jüngsten spielerisch, bis sie ihre erste Prüfung absolvieren können. Als Zeichen ihres Erfolgs können sie dann einen gelben Drachen auf ihren Gürtel nähen lassen.

Später gibt es einen orangefarbenen Drachen sowie gemeinsame Feiern im Verein. „Besonders beliebt ist die Drachenkämpferparty mit einer Übernachtung in der Halle und einem Frühstück am folgenden Morgen, für das die Eltern sorgen“, sagt Wilken. Das Interesse an Kindern und Jugendlichen im Verein ist beim TSV hoch.

„Schon allein in unserem Verein ist die Auswahl an Sportarten so groß, dass nur zehn bis 15 Prozent von ihnen bis zum braunen Gürtel bleiben“, sagt Wilken. Diese Prüfung kann man frühestens mit 16 Jahren ablegen. Im Gegensatz dazu bleiben die meisten erwachsene Einsteiger. Der Älteste derzeit zählt 78 Lenze. Platz für weitere Interessierte ist in den Gruppen dennoch. Zudem bietet der Verein Sturzprophylaxe für Ältere und Selbstverteidigungskurse für Frauen an.

In einem Konzept für den niedersächsischen Verband befasst sich Wilken mit den gesundheitlichen Auswirkungen von Ju-Jutsu auf die Generation 45 plus. Damit definiert er Menschen, die nach der Familienphase wieder Zeit für sportliche Betätigung haben.

Für Ju-Jutsu sprächen dabei mehrere Effekte. So helle der Sport die Stimmung auf, wirke lebensverlängernd, führe zu einer gesundheitsbewussten Lebensweise, steigere das Selbstvertrauen und helfe soziale Kontakte aufzubauen. Das regelmäßige körperliche Training reduziere das Risiko für Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rückenschmerzen, Arthrose und Osteoporose.

Fingerdruck reicht aus,um einen Angreifer zu stoppen

An Vielseitigkeit sei Ju-Jutsu kaum zu überbieten, meint der TSV-Abteilungsleiter und nennt ein Beispiel. Zuletzt haben sich die Sportler bei einem Seminar mit Nervendruck-Techniken befasst. Nervendruck-Technik? Dabei reicht ein Fingerdruck auf eine ausgesuchte Körperstelle, um jeden Angreifer abrupt zu stoppen. Wilken macht das vor.

Er ist seit mehr als 50 Jahren Kampfsportler. An der Schule erlebte er, dass er sich plötzlich verteidigen musste und begann mit 14 Jahren mit Judo beim Harburger Turnerbund. Als er mit 17 Jahren zur Hamburger Polizei ging, kam er zum Boxen. Anfang der 80er-Jahre war es zunächst wieder Judoka beim HSV Stöckte, wechselte dann aber rasch zum Ju-Jutsu und blieb dabei. Auch mit 66 Jahren leitet der ehemalige IT-Sicherheitsmanager der Hamburger Polizei noch drei Gruppen beim TSV und springt ein, wenn Not am Mann ist.

Gewünscht hatte er sich immer, dass seine Abteilung zum zehnjährigen Jubiläum die Größe von 200 Mitgliedern übertrifft. Das wird nun zwar knapp, aber die Jubiläumsfeier ist bereits terminiert. Für den 15. September sind 150 Gäste eingeladen. Einige Tage später kommt die Welt- und Europameisterin Mandy Sonnemann nach Winsen.

In der Halle des TSV hat sich Wilken nun für die Übungen umgezogen. Als einziger trägt er einen rot-weißen Gürtel und ist damit den Schwarzgürteln um einen Dan voraus. Für den 6. Dan hatte ihn der bundesweit bekannte, 2017 verstorbene Ju-Jutsu Pionier Georg Riebartsch vorgeschlagen, der 1972 die Abteilung in Stöckte gegründet hatte. Wilken gehört damit bundesweit zu einer Gruppe von gut 100 Meistern, denen der 6. bis 10. Dan verliehen wurde – eine besondere Auszeichnung.

Nadine Haehnert hat dagegen erst vor zwei Monaten mit dem Ju-Jutsu begonnen – als Vorbereitung auf die Polizeischule, mit der sie im April beginnen will. Sie übt an diesem Abend mit Catrin, die sie gerade geworfen hat. Catrin trägt einen schwarzen Gürtel und ist nicht nur Nadines Lieblingspartnerin. Sie ist auch ihre Mutter.

Kondition stärken

„Kampfsportarten wie Ju-Jutsu führen zu einem guten Körpergefühl, verbessern die Koordination von Bewegungen und stärken die Kondition“, sagt Rudolf Preuß, Leiter der Abteilung Physiotherapie im Krankenhaus Winsen.


Die Übungen kräftigen die Beine und die Oberarme und helfen dabei, dass auch ältere Menschen gelenkig und damit standfest bleiben. Weil sich die Sportler den Ablauf von aufeinander folgenden Übungen einprägen müssen, wird damit auch die Konzentration im Alltag geschult.

„Sportler konzentrieren sich bei Kampfsportartenbesonders stark auf die Bewegungen“, sagt Rudolf Preuß. Jedoch kommen auch psychologische Aspekte zum Tragen. „Das gemeinsame Training mit einem Partner schult bei den Kämpfern den gegenseitigen Respekt.“ Was nicht jede Sportart von sich behaupten kann.

Ju-Jutsu im TSV

Der Verein: Die Geschäftsstelle des TSV Winsen von 1850 ist unter der Adresse Wedemarsch 15 in 21423 Winsen zu erreichen. Telefon: 04171/88 02 10.

Mitglieder: Insgesamt 2800 in 16 Abteilungen, davon 180 in der Ju-Jutsu-Abteilung

Ansprechpartner für Ju-Jutsu: Gerhard Wilken. Telefon: 04171/2947.

Trainingszeiten: An allen Tagen der Woche jeweils gestaffelt nach Alter. Aikido wird an zwei Tagen für Sportler ab 15 Jahren angeboten. Jungen und Mädchen, Männer und Frauen trainieren gemeinsam.

Beitrag: Der Grundbeitrag im TSV beträgt monatlich acht Euro für Sportler unter 21, ab 21 Jahren erhöht er sich auf elf Euro. In der Sparte Ju-Jutsu und Aikido zahlen Erwachsene zudem drei Euro, Kinder und Schüler zwei Euro im Monat.

Die Anzüge kosten für Kinder 20 bis 22 Euro, für Erwachsene 25 Euro. Mitglieder können sie über den Verein bestellen.