Harburg
Leichtathletik

Aufgeben ist keine Option für Männer um die 40

Kurz nach dem Start zum 15-Kilometer-Lauf ist das 70-köpfige Teilnehmerfeld weit auseinander gezogen. Ganz links mit der Startnummer 842 Mathias Thiessen von der HNT

Kurz nach dem Start zum 15-Kilometer-Lauf ist das 70-köpfige Teilnehmerfeld weit auseinander gezogen. Ganz links mit der Startnummer 842 Mathias Thiessen von der HNT

Foto: Volker Koch / HA

Beim Straßenlauf-Cup im Forst Rosengarten wird deutlich, dass die Volkslauf-Szene längst auch eine Triathlon-Szene geworden ist.

Langenrehm.  Brhane! Natürlich wieder Brhane. Wer denn sonst. Der 22-Jährige, der vor drei Jahren als Flüchtling in Italien in einen Zug gesetzt wurde und, als er ausstieg, erfuhr, dass er in Hamburg gelandet sei, dominiert auch den Straßenlauf-Cup der Hausbruch-Neugrabener Turnerschaft (HNT). Die Serie mit Läufen über zehn und 15 Kilometer und einem abschließenden Halbmarathon (11. März) wird bereits zum 35. Mal ausgetragen.

Die meisten Dauergäste gehören zur Elite der Hamburger und norddeutschen Volkslauf-Szene, die immer stärker zur Triathlon-Szene wird. „So etwas habe ich hier noch nicht erlebt“, erzählt im Ziel einer, der sich noch nicht einmal mehr an seine erste Teilnahme erinnern kann. „Ich hatte noch nicht den Wendepunkt erreicht, da flog mir der Bursche schon entgegen. Bei der halben Strecke war er fast einen Kilometer vor mir.“

Naturtalent aus Eritrea gewinnt mit riesigem Vorsprung

Mit Mathias Thiessen, einem der stärksten Läufer im HNT-Trikot, hatte Brhane Gebrebrhan, das Naturtalent aus Eritrea, abgemacht, die ersten Kilometer gemeinsam anzugehen. „Nach einem Kilometer habe ich nur noch seinen Rücken gesehen“, erzählt der Familienvater, „langsam zu laufen, war für Brhane zu anstrengend. Es ist schön, ihn laufen zu sehen. Diese Leichtigkeit, diese Selbstverständlichkeit. Er kann es einfach. Mit ihm zu laufen bringt Spaß. Er ist freundlich, sehr sympathisch, wirklich ein netter Kerl.“

Die Aussage zeigt, dass der schlanke scheue Junge aus Afrika ein Stück weit angekommen ist in der Laufszene und bei der HNT. Der Sieger, der für die 15 Kilometer 54 Minuten und 19 Sekunden benötigte, war bei seinem zweiten Becher Tee, als sich auf der Zielgeraden drei fast 20 Jahre ältere Herren im wilden Endspurt wie kleine Jungen bekämpften. Rechts zog Sebastian Schreiber an, Benjamin Ehlers, der Dauergast vom TH Eilbeck, hielt stöhnend dagegen und dann warf sich auch noch Mathias Thiessen dazwischen. Der lag am Ende auf den Knien auf dem Boden und neben ihm entschied Sebastian Schreiber in aller Freundschaft: „Wir sind alle drei Zweite geworden.“

Springreiter aus Sieversen widmet sich auch dem Ironman

Sebastian Schreiber und seine Triathlon-Leidenschaft ist auch eine spezielle Geschichte vom sportlichen Ehrgeiz, mit dem sich viele Männer um die 40 Jahre so häufig infizieren. Der IT-Unternehmer, der im Mai seinen 40. Geburtstag feiert, hat als Sportsmann längst einen Namen. Als Springreiter aus Sieversen ist er in Siegerlisten der schwersten, der S-Prüfungen, zu finden. Dahin will er mit seinem siebenjährigen Comme un Fou (Wie ein Verrückter) wieder kommen.

Daneben hat Schreiber vor drei Jahren seine Leidenschaft für den Triathlon entdeckt. Das heißt bei ihm, entweder ganz oder gar nicht. „Am 8. Juli will ich beim Ironman in Frankfurt starten. Bei meinem ersten im vergangenen Jahr in Hamburg habe ich die 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer auf dem Rad und den Marathon in 10 Stunden und 19 Minuten geschafft“, erzählt er. Was für toller Einstand. „Zur Zeit trainiere ich zehn bis zwölf Stunden in der Woche dafür“, sagt der Mann, der 40 Angestellte in seinem Unternehmen hat. „Den Umfang werde ich auf bis zu 17 Stunden steigern.“

Das aber treibt die Frage auf die Spitze, die man jeder Frau und jedem Mann stellen muss, der an einem eisigen Sonntagmorgen 15 oder 21 Kilometer durch den Wald bei Langenrehm hechelt: „Was treibt sie dazu?“ Oder auch, was denkt ein mit Terminen überhäufter und gestresster Manager, wenn er oft stundenlang mit seinem Hund durch den Rosengarten rennt? „Ehrlich gesagt, gar nichts“, kommt die Antwort von Sebastian Schreiber spontan. „Der ganzen Hektik davon laufen, davon radeln, davon schwimmen. Das braucht man immer stärker in unserer Zeit.“

Und die Arbeit mit den Pferden? „Das ist der Gegenpol“, sagt der fitteste aller Springreiter. „Du musst dich auf ein großes, starkes, eigenwilliges Lebewesen einlassen. Du musst feinfühlig und sensibel reagieren und die Harmonie mit dem Partner suchen.“

Trio aus Jesteburg rennt auch mit Stirnlampen im Dunkeln

Dann gibt es noch drei Triathleten vom VfL Jesteburg: Karsten Spiller, 44, Maschinenbauer, Jens Hirt, 45, Diplom-Ingenieur, Kay Fröde, 52, Bauingenieur, auch alle mit der ersten Ironman-Erfahrung aus Hamburg. Mindestens drei Mal in der Woche trainiert die Gruppe zusammen, rennt im Dunkeln auch mit Stirnlampen. Warum, wie auch bei diesem 15-km-Lauf, überwiegend Ältere mitmachen, fragen wir in die Runde.

„Ich war auch über 40, als ich mit dem Laufen begonnen habe“, sagt Kay Fröde. „Vor vielen Jahren bin ich einen Marathon gelaufen“, sagt Karsten Spiller, „habe aber fast 20 Jahre nichts gemacht.“ – „Wenn man im Leben allmählich angekommen ist, mit der Familie, im Beruf“, ergänzt Jens Hirt, „spürt man, dass man einen Ausgleich braucht, und körperliche Fitness und natürlich macht der Erfolg auch Spaß.“ Und weil man bei den drei unterschiedlichen Disziplinen auch unterschiedliche Muskeln trainiere, sei Triathlon der ideale Sport für die Generation 40plus.

Der Straßenlauf Cup der HNT wurde vor 35 Jahren als ideale Vorbereitung auf den Hamburg-Marathon ins Leben gerufen. Wer die Zeiten aller drei Läufe addiert, weiß ziemlich genau, wann er oder sie nach 42,195 Kilometer im Ziel sein sollte. Doch der Marathon ist für die Ehrgeizigen im Forst von Langenrehm nur noch eine von drei auch quälenden Herausforderungen. Aber wer hier an drei Sonntagen im Winter am Start steht, für den ist Aufgeben nie eine Option.