Radsport

Zwei Weltreisende in Sachen Radrennsport

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Norbert Scheid
Nach seinem Etappensieg bei der Tour du Senegal 2017 wird Lucas Carstensen (Team Embrace the World) von vielen Jungen und Mädchen umringt

Nach seinem Etappensieg bei der Tour du Senegal 2017 wird Lucas Carstensen (Team Embrace the World) von vielen Jungen und Mädchen umringt

Foto: Felix Reimers / HA

Lucas Carstensen und Sebastian Beyer sind aus der Harburger RG hervorgegangen. Demnächst starten sie in Gabun und Malaysia.

Harburg.  Wer, wenn auch keuchend, auf der breiten Treppe den langen Weg in den vierten Stock geschafft hat, muss nicht lange fragen, ob er in Hamburgs ungewöhnlichster Rennrad-Wohngemeinschaft angekommen ist. Einige der Spezialräder stehen schon im Flur, und spezielle Trainings-Rollen dazu. In ihrer Wohnung können die drei Freunde von der Harburger Radsport-Gemeinschaft (HRG) also hunderte Kilometer herunter strampeln und sich in Gedanken auf die unterschiedlichsten Rennstrecken in der ganzen Welt versetzen.

Sebastian Beyer und Lucas Carstensen allerdings müssen das gar nicht. Die Athleten auf der Zwischenstufe zwischen Amateur- und Profisport sind viele davon schon gefahren. Bei spektakulären Etappenrennen, angefeuert von Millionen Zuschauern. „Ruanda, Chile, Senegal“, liest Lucas Carstensen laut vor, während er in seinem Reisepass blättert. „Costa Rica, USA, Malaysia, Indonesien, China, Trinidad und Tobago“, vervollständigt er die Länderliste, in denen er Rennen gefahren ist. „Ach ja, in Marokko und Tunesien war ich auch noch.“ Sebastian Beyers Reisepass ist nicht ganz so prall gefüllt. Aber in China ist er auch mitgefahren, in Indonesien und Malaysia, in Peru und Chile, in den USA und Tunesien.

Wir haben im Zentrum dieser weltoffenen WG in einem Altbau an der Lübecker Straße Platz genommen – dem antiken Holztisch in der Küche. Mit dabei Julian Lehmann, als Jugendlicher deutscher Meister im Cross und auch schon Sportler des Monats im deutschen Radsport. Die Drei kennen sich seit Kindertagen und gehörten zu den Talenten, die Susanne und Frank Plambeck, die Trainer der Harburger RG, noch heute „unseren goldenen Jahrgang“ nennen.

Julian Lehmann, der noch im Januar 25 Jahre alt wird, ist inzwischen als Designer bei Fielmann beschäftigt. Sebastian Beyer, auch 24 Jahre alt, und Lucas Carstensen, ein Jahr jünger, machen per Fernstudium ihren Master in BWL. Das lässt ihnen genügend Spielraum, um auf Rennrädern die Welt kennen zu lernen. Zuletzt starteten sie in einem Team. Im neuen Jahr gehen die Freunde getrennte Wege.

Die nächsten Flüge sind schon gebucht. „Am 13. Januar werde ich mit meinem neuen Team von Paris aus nach Libreville, der Hauptstadt von Gabun, fliegen“, erzählt Lucas Carstensen. „Zwei Tage später startet im zentralafrikanischen Land das bedeutendste Etappenrennen Afrikas. Zwei der teilnehmenden Teams haben auch für die Tour de France gemeldet.“

Der Förderung des Radsports in Entwicklungsländern hat sich das ungewöhnliche Team verschrieben, für das Sebastian Beyer weiter und Lucas Carstensen bis Ende 2017 gefahren ist. Es nennt sich „Team Embrace the World“, also umarme die Welt. „Wir sammeln in Deutschland Radmaterial bei Sponsoren ein und verschenken das bei den Rennen an Teilnehmer aus Entwicklungsländern“, erläutert Beyer. Seine Flüge bezahlt er wie alle im Team selbst. Der nächste geht nach Malaysia, wo am 18. Februar ein Etappenrennen rund um Kuala Lumpur gestartet wird.

„Das wird wieder ein riesen Spektakel“, sagt Sebastian. „Wie auch in Indonesien, wo wir beide gefahren sind“, ergänzt Lucas. „In jedem Dorf, in jeder Stadt standen die Menschen in Fünfer- oder Sechserreihen“, erzählt Sebastian Bayer. Man spürt noch einmal die aufgewühlte Stimmung und Begeisterung bei dem sonst eher zurückhaltenden jungen Mann. „Im Ziel haben uns die Kinder und jungen Mädchen bedrängt und sich mit uns fotografieren lassen“, ergänzt Lucas Carstensen.

„In Asien, Afrika und Lateinamerika sind die Menschen so begeistert und so laut und so fröhlich, das kann man sich bei uns gar nicht vorstellen.“ – „Nur in Tunesien war fast niemand an der Strecke“, erinnert Sebastian Beyer daran, wie vielfältig und gegensätzlich die Erfahrungen sind, die die Harburger aus der Welt mitbringen. „In Afrika regt sich keiner auf, wenn der Start um eine halbe Stunde verschoben wird“, erzählt Carstensen. „Die Chinesen haben sich für drei Minuten Verspätung entschuldigt.“

Als er im Senegal eine Etappe gewann, wurde ein Teilnehmer aus Mali Neunter und bekam dafür 25 Euro. „Er hat sich gefreut wie einer, der bei uns im Lotto gewinnt“, sagt Carstensen, „davon konnte er monatelang leben“.

Julian Lehmann studierte, als er die Träume von der Sportkarriere in die Schublade gelegt hatte, in Den Haag Industrie-Design – mit Kommilitonen aus mehr als 20 Ländern. „Wir jungen Deutschen sind viel zu stark auf Sicherheit bedacht“, ist ihm da bewusst geworden. „Wir wagen uns nicht genug in die Welt hinaus“. Sebastian und Lucas, seine WG-Freunde, tun es. Und auch sie bringen eine besondere Erkenntnis von ih­ren abenteuerlichen Sporteinsätzen mit: „Uns wird deutlich, wie privilegiert wir in unserem Land sind“, stimmen beide überein. „Wir müssen uns aber auch eingestehen, dass viele Menschen da draußen glücklicher sind als wir.“

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