Harburg
Leichtathletik

Leonie Kluwig sucht ihr Glück in Hamburg

Im heimischen Wohnzimmer in Eckel posiert Leonie Kluwig mit ihrem liebsten Arbeitsgerät, den Sprint-Spikes

Im heimischen Wohnzimmer in Eckel posiert Leonie Kluwig mit ihrem liebsten Arbeitsgerät, den Sprint-Spikes

Foto: Markus Steinbrück / HA

19 Jahre alte Leichtathletin wechselt vom TSV Eintracht Hittfeld zum Track & Field Club und hat sich bei der Polizei beworben.

Hittfeld/Eckel.  Die Leichtathleten im Landkreis Harburg verlieren eines ihrer größten Sprinttalente. Die gute Nachricht: sie bleibt der Leichtathletik erhalten und wird auch weiterhin im Landkreis Harburg wohnen. Der Grund, warum die 19 Jahre alte Leonie Kluwig ihren langjährigen Heimatverein TSV Eintracht Hittfeld verlässt und sich zum 1. Januar 2018 dem Track & Field Club Hamburg anschließt, ist in erster Linie einer personellen Veränderung in Hittfeld geschuldet. „Wir wären nicht weggegangen, wenn Teo uns nicht verlassen hätte“, macht Leonie Kluwig im Gespräch mit dem Hamburger Abendblatt deutlich.

Teo ist Trainer Teo Tzolow, der die jugendlichen Leichtathleten des TSV Eintracht Hittfeld fast zehn Jahre lang erfolgreich betreut hat. Aus beruflichen Gründen zog es den ehemaligen 400-Meter-Läufer im Frühjahr nach Bayern, einen Nachfolger konnte der Seevetaler Verein nicht präsentieren. „Teo war ein wunderbarer Trainer, wir haben ihn alle geliebt“, sagt Leonie Kluwig rückblickend. Scheinbar hat der Ex-Coach seiner Gruppe aber nicht nur inhaltliche Fähigkeiten und Fertigkeiten vermittelt, sondern auch eine Menge Leidenschaft. Denn während viele andere Leichtathleten angesichts der Abschluss ihrer Schulkarriere, der Aufnahme von Studium oder Ausbildung oder diverser privater Interessen, die in diesem Alter immer wichtiger werden, mit dem Sport aufhören, haben sich fast alle aus der Hittfelder Trainingsgruppe einen neuen Verein gesucht, um weiterhin ihrer Lieblingssportart nachzugehen. Leonies jüngere Schwester Shari Kluwig etwa, selbst erfolgreiche Sprinterin, Tommy Dang und Alexander Bai wechseln in die Trainingsgruppe von Wolfgang Striezel beim MTV Hanstedt, Amelie Kiehnbast, Antonia Kiehnbast und Karolin Bai in die Läufergruppe von Gerd Prüsmann bei der LG Nordheide.

Weitere Athleten wechseln zum MTV Hanstedt und zur LG Nordheide

Auch für Leonie Kluwig, der ältesten aus diesem Septett, war der MTV Hanstedt lange die erste Option. Allerdings kamen bei der 19-Jährigen berufliche Überlegungen hinzu. Im Sommer 2016 hatte sie die elfte Klasse der August-Hermann-Francke-Schule in Buchholz, einer christlichen, privaten Schule an der B75, abgeschlossen. Wenige Wochen später ging es mit der gesamten Familie – Mutter Katrin, Schwester Shari und dem kleinen Bruder Liam – für ein Jahr in die Vereinigten Staaten von Amerika. „Wir waren früher schonmal ein halbes Jahr drüben und haben uns alle drauf gefreut. Wir sind schon immer viel verreist, umgezogen und lieben Tapetenwechsel“, sagt Leonie, deren Vater aus Nigeria stammt.

In Raeford in North Carolina besuchte sie die zwölfte Klasse der High School und widmete sich der Leichtathletik viel intensiver als zuvor. In Deutschland hatte sie zweimal pro Woche trainiert und konnte als größten Erfolg den neunten Platz über 200 Meter bei den deutschen U18-Meisterschaften 2015 vorweisen. Ihre Bestzeiten standen bei 12,35 Sekunden über 100 Meter und 25,18 Sekunden über 200 Meter. Ganz oder gar nicht, lautete das von der Schule vorgegebene Motto in den USA. Leonie und Shari Kluwig trainierten fünf Mal pro Woche jeweils zwei Stunden Leichtathletik. Wer keine guten Noten in den anderen Schulfächern geschrieben hatte, durfte nicht an Wettkämpfen teilnehmen.

Das Training war richtig hart“, erzählt Leonie Kluwig, „in den USA wird sehr viel Wert auf Ausdauer gelegt. Ich musste auch 400 Meter laufen. Meine Bestzeiten habe ich aber gut verbessert.“ Aufgrund ihrer sportlichen Leistungen sei ihr sogar ein Stipendium für ein Studium in Charlotte angeboten worden. Das habe sie aber aufgrund der hohen Nebenkosten für jemanden, der nicht mindestens zwei Jahre in North Carolina gelebt hat, aber nicht annehmen können. Als Leonie im Sommer 2017 wieder in den Flieger gen Deutschland stieg, hatte sie Hausrekorde von 11,98 Sekunden (100 Meter) und 24,38 Sekunden (200 Meter) im Gepäck.

In den USA mussten die Kluwig-Schwestern fünfmal pro Woche trainieren

Zurück in Hittfeld, Trainer Teo Tzolow war längst in Bayern, habe sich die Gruppe gelegentlich selbst trainiert, bevor Alexander Bai ein Schnuppertraining beim MTV Hanstedt vorschlug, und die Hittfelder Athleten sehr angetan waren. „Nette Leute, nettes Training, guter Trainer.“ Dieser gute Trainer Wolfgang Striezel hatte Leonie Kluwig wenige Wochen unter seinen Fittichen, als sie bei den Niedersachsenmeisterschaften Anfang September in Verden an der Aller Doppel-Landesmeisterin über 100 und 200 Meter der U20-Jugend wurde. Für viele kam das überraschend, weil man mehr als ein Jahr nichts von der Hittfelder Sprinterin, die in Eckel wohnt, gehört hatte. „Ich hatte auch Glück. Meine Zeiten waren nicht so doll und die Favoritin Tabea Schulz war vorher verletzt“, sagt die Landesmeisterin bescheiden.

Niedersachsens leitender Landestrainer Edgar Eisenkolb wurde auf die schnelle junge Frau aus Seevetal aufmerksam und hätte sie gern nach Hannover geholt. „Ich hab mir das angeguckt und es hat mir gut gefallen. Herr Eisenkolb hatte die Idee, mich zur 400-Meter-Läuferin zu machen“, so Kluwig. Parallel habe sie sich entschieden, nicht zwei weitere Jahre zur Schule zu gehen, um das Abitur zu erreichen. Stattdessen soll es eine Ausbildung zur Polizeibeamtin sein. Mit der Mittleren Reife, die Leonie Kluwig hat, ist das in Niedersachsen nur auf dem Umweg über die Fachoberschule für Wirtschaft und Verwaltung möglich. Zusammen mit der Tatsache, dass sie in Hannover keinen WG-Platz erhalten habe und dass sie nur schwer in den Trainingsplan ihrer Gruppe hereingekommen wäre, entscheide sich die 19-Jährige gegen einen Wechsel nach Hannover. „Es sollte wohl nicht sein.“

Auch Hannover war für Leonie Kluwig eine Option

Sie bewarb sich bei der Polizei in Hamburg für die Laufbahn im mittleren Dienst. Die schriftliche Prüfung, den Sporttest, das Interview und die ärztliche Untersuchung hat sie alle bestanden. Bis Ene Januar/Anfang Februar erwartet Leonie Kluwig die Rückmeldung, ob sie ihre Ausbildung am 1. August 2018 in Hamburg beginnen kann.

Eine Entscheidung musste sie bis zum 30. November getroffen haben – an diesem Tag endet nämlich die Wechselfrist in der Leichtathletik. Und weil die Hamburger Polizei derzeit hoch im Kurs steht, entschied sie sich für einen aus der Polizei hervorgegangenen Leichtathletikverein, den Track & Field Club, für den auch die ehemaligen Landkreisathletinnen Lea Madlen Meyer und Dana Meyer starten. Drei Mal pro Woche fährt Leonie Kluwig derzeit vom Wohnort Eckel in die Alsterdorfer Leichtathletikhalle zum Training mit Coach Dominik Ludwig. Und vielleicht kann er diese Leidenschaft für die Leichtathletik, die Leonie Kluwig von Klein auf in sich trägt, weiter festigen und der Region damit für die kommenden Jahre eine ganz starke Sprinterin bescheren.