Harburg
Radsport

Freunde gemeinsam auf der Ziellinie

Auch während des Rennens durch den Stadtwald gab der deutsche Seniorenmeister Armin Raible (l.) seinem Schützling Luk Boving (U19) von der RSG Nordheide taktische Hinweise

Auch während des Rennens durch den Stadtwald gab der deutsche Seniorenmeister Armin Raible (l.) seinem Schützling Luk Boving (U19) von der RSG Nordheide taktische Hinweise

Foto: Volker Koch / HA

200 Crossfahrer beenden mit dem zehnten Rennen in Buchholz Norddeutschlands größte Winterserie.

Buchholz.  Es war eine mehr als respektvolle Geste unter sportlichen Konkurrenten, die gleichzeitig Freunde sind. Der Saisonausklang der Crossfahrer rund um den Schützenplatz in Buchholz, die Entscheidung im Rennen der Männer-Elite, am Start noch einmal die Besten, die diese Winterdisziplin der Radsportler in den vergangenen Jahren erfolgreich in Deutschland repräsentiert haben. Max Lindenau ist der Erste, der aus dem Stadtwald kommt und auf die Zielgerade einbiegt.

Der Mann, der den harten Kampf mit dem steilen Anstieg im Wald eine ganze Stunde lang dominiert hat, zögert kurz, dreht sich um. Dann reicht er seinem Verfolger Ole Quast die Hand. Seite an Seite rollen die beiden mit erhobenen Armen auf die Ziellinie zu. In den Applaus der Zuschauer mischen sich Zurufe und Lachen. Dann gibt Max seinem Freund einen leichten Schubs. Ole Quast rollt mit ein paar Zentimetern Vorsprung über die Ziellinie.

Ole Quast, der zweifache deutsche Meister vom Harvestehuder RSV, hat zum Ausklang der Crosssaison 2016/17 noch einmal gewonnen. Es wird sein letzter Sieg in einem Elite-Rennen bleiben. Mit dem Applaus in Buchholz hat der 25 Jahre alte Spitzenathlet seine Radsportkarriere (fast) beendet.

Die Anerkennung und auch Rührung, mit denen die Gemeinschaft der Querfeldeinfahrer ihn verabschiedete, waren symbolisch. Denn während dieser zehnten und letzten Veranstaltung um den Stevens Cyclocross-Cup, der wichtigsten Winter-Rennserie in Norddeutschland, hat eines besonders Freude gemacht: Es ist dieser lockere, kumpelhaft-freundschaftliche Umgang, der die ganze Szene prägt. „Auf der Strecke sind sie harte, verbissene Konkurrenten, aber vorher helfen sie sich und hinterher gehen sie wirklich freundschaftlich miteinander um“, sagt Lorraine Schröder, Vorsitzende der Radsportgemeinschaft Nordheide und auch Organisatorin des gesamten Stevens-Cups.

„Das ist bei den Masters- und den Hobbyfahrern so, beginnt aber schon bei den Kleinsten. In der U13-Schülerklasse sind der hoch begabte Max Oertzen von der Harburger RG und unser Piet Loos die härtesten Konkurrenten. Aber nach den Rennen sind sie wieder die engsten Freunde. Die Organisation dieser zehn Cross-Rennen ist viel Arbeit. Eigentlich wollte ich sie abgeben. Aber so ein langer Sonntag wie jetzt in Buchholz, der bringt auch viel Spaß und Anerkennung. Wir Radcrosser sind wie eine große Familie. Die kann ich doch nicht im Stich lassen.“ Die Sache mit der Familie ist bei Lorraine Schröder sogar wörtlich zu nehmen. Ihr Sohn ist Leiter des Stevens Racing Teams und die Siegerin des Frauen-Elite-Rennens ist ihre Schwiegertochter Lisa Schröder-Ott.

Aber zurück zum letzten Wettstreit der Männer-Elite. Hinter dem Abschied nehmenden Sieger Ole Quast, der im Frühjahr noch für drei Monate in den USA an dort sehr beliebten Rundstrecken-Rennen teilnehmen wird, und dem Zweiten Max Lindenau rollte Jannick Geisler als Dritter über die Ziellinie. Harburgs populärster Radsportler des letzten Jahrzehnts wurde auch Gesamtsieger im Stevens-Cup. Der Vierte im Ziel, Paul Lindenau, der Bruder von Max Lindenau, ist der einzige Hamburger, der in 14 Tagen in Luxemburg bei den Weltmeisterschaften an den Start gehen wird.

Ole Quast beendet seine Rennsportkarriere mit einem Sieg

Was den Nachwuchs betrifft, wird der zwar immer spärlicher, aber was Talent und Fleiß betrifft, sieht die Zukunft keineswegs trostlos aus. Das zeigte sich selbst beim Wettkampf der Elite im Wald. Zusammen mit dem unverwüstlichen Stefan Danowski suchte auch der Buchholzer Armin Raible im weißen Trikot des deutschen Meisters der über 50-Jährigen den Vergleich mit der bis zu 30 Jahre jüngeren Konkurrenz. Mit der Elite gingen auch die U19-Junioren auf der Strecke. Die Gelegenheit ließ sich Luk Boving, der 16 Jahre alte Aufsteiger von der RSG Nordheide, nicht entgehen, um es Lehrmeister Raible zu zeigen. „Im Wald habe ich mich an meinem Trainer vorbeigekämpft“, erzählte er lachend, „Armin hat mir dann Tipps hinterher gerufen. Vor allem, dass ich taktisch klüger und mit mehr Köpfchen fahren soll.“ Luk Boving gewann das letzte Rennen und mit insgesamt sechs Siegen auch den Stevens-Cup in der Altersklasse U19.

Der Sieger in der U17 heißt Levin Stange, der Jasper Pahlke von der Harburger RG bezwang. In der U15 wiederum dominierte Ben Laatsch sowohl in Buchholz als auch in der Gesamtwertung. Laatsch war eine Woche zuvor deutscher Schülermeister geworden. Das siegreiche Trio von der RSG Nordheide wird von Armin Raible trainiert. Auch Max Oertzen gehört zu diesem Talentschuppen.

Die stolzen Erfolge dieser Jungen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Nachwuchs im Radsport rar wird. Das liegt häufig am enormen Kosten- und Zeitaufwand, der auch die Eltern betrifft. Die Nordheide-Talente fahren vom Frühjahr an Mountainbike-Rennen. An 15 bis 20 Wochenenden sind sie mit Vätern und Müttern bis nach Nordrhein-Westfalen, Dänemark und sogar Schweden unterwegs. Und es gibt, auch das spielt eine Rolle, im Radsport kaum Kinder von Migranten.

Und doch hatten für den Saisonabschluss in Buchholz mehr als 200 Cross-Liebhaber gemeldet, die meisten in den Hobby- und Seniorenrennen. Mit dem Rad durch Feld und Wald zu fahren, ist die neue Leidenschaft von vielen erfolgreichen Männer jenseits der 40, 50 und auch der 60 Jahre.