Harburg
Fussball

Lehrstunde für die Schiedsrichter

Das kleine Präsent als Dankeschön von Harburgs Kreisschiedsrichterobmann Joachim Weis (r.) hat sich Lutz Wagner redlich verdient

Das kleine Präsent als Dankeschön von Harburgs Kreisschiedsrichterobmann Joachim Weis (r.) hat sich Lutz Wagner redlich verdient

Foto: Günther Bröde / HA

DFB-Lehrwart Lutz Wagner zieht bei seinem Vortrag rund 100 Unparteiische des NFV-Kreis Harburg in seinen Bann.

Hittfeld.  Mikrofon, Headset? „Brauch ich net.“ Mit seiner hellen und glasklaren Stimme verschafft sich Lutz Wagner, oberster Regelhüter des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) im Festsaal des Gasthauses Gambrinus in Hittfeld auch ohne technische Hilfe Gehör. Und dann babbelt der Mann mit hessischem Dialekt los. Das kann ja heiter werden. Wird es dann auch. Mit dem ehemaligen Bundesliga-Referee und heutigen DFB-Lehrwart Lutz Wagner hat sich der Schiedsrichterausschuss des Landeskreises Harburg einen Mann eingeladen, der seine etwa 100 Zuhörer von Anfang an in seinen Bann zieht, lebhaft drauflos plaudert und vor allem ganz viel Wissenswertes zu erzählen hat.

Wohl jeder der anwesenden Schiedsrichter aus dem Landkreis Harburg wird Etwas für den Alltag auf den Fußballplätzen mitgenommen haben vom Referat des obersten deutschen Unparteiischen, der selbst nicht mehr an vorderster Front aktiv ist, sondern vornehmlich im Hintergrund wirkt. Es war alles andere als öde Regelkunde, was Lutz Wagner zu bieten hatte. Erst entledigte er sich seines Jacketts, nach wenigen Sätzen musste die Krawatte dran glauben. „Die hab ich eh nur aus Höflichkeit angelegt.“ Der Redner erntet die ersten Lacher, braucht ür seinen Auftritt Bewegungsfreiheit. Das Stehpult mit Mikrofon verschmäht er. Wagner stellt sich direkt vor seine Zuhörer.

52 Jahre ist er alt, selbständig tätig, coacht Führungskräfte aus allen Bereichen und gibt Seminare. Schiedsrichter ist Wagner seit 1977, hat 450 Profispiele geleitet, in der Bundesliga von 1992 bis 2010. „Doch die wahren Helden pfeifen auf roter Erde“, sagt Lutz Wagner und bringt damit seine Wertschätzung für die Männer und Frauen zum Ausdruck, die Woche für Woche in den unteren Ligen auf den Fußballplätzen stehen. Das sind 95 Prozent aller Unparteiischen, denn von 72.000 Fußball-Schiedsrichtern pfeifen nur 3700 höher als Kreisliga. Wagner: „Damit gehört man zu einer Elite von 5 Prozent der Besten.“

Er redet mit vollem Körpereinsatz, aber wenig über sich selber. Verheiratet ist er, hat eine Tochter. Wagner: „Ja, ich hatte mal zwei Wochen spielfrei.“ Für einen Augenblick wechselt er ins Fach der Comedy, doch dann wendet er sich auch schon den aktuellen Aufregern in der Bundesliga zu, wechselt ständig den Standort, bezieht seine Zuhörer in den Vortrag ein. Es fallen Sätze wie „Ihr müsst eurem Instinkt folgen und trotzdem die Regeln konform anwenden“ und „Wir sind die Experten!“ oder auch „Lasst euch das Heft des Handelns nicht aus der Hand nehmen!“
Video-Einspielungen aus fast allen Fußball-Ligen veranschaulichen, was gut und richtig und was falsch ist. Immer wieder kommt er auf die „Basics“ zu sprechen, die wenigen Grundsätze die jeder beherrschen muss, um ein Fußballspiel ohne Probleme zu leiten.

Manches klingt so einfach. „Nur wer Respekt aussendet, erfährt auch Respekt,“ sagt Lutz Wagner und seine Beispiele machen deutlich, was er meint und wie er es meint. Der Fall des Verweises von Leverkusens Trainer Roger Schmidt auf die Tribüne durch Schiedsrichter Felix Zwayer wird per Videoanalyse fast seziert. Alles habe der Unparteiische richtig gemacht, so Wagner, auch dass er nicht selbst den Trainer angesprochen habe. Und er belegt es anhand der Fernsehbilder und seines Hintergrundwissens. Nur die nachträglich Aufarbeitung sei gründlich „in die Hose gegangen“.

Der Schiri hätte sein Vorgehen öffentlich erklären müssen. Das passt zu einer weiteren Kernaussage des Mannes, der beim DFB Leitender Koordinator für die Regelauslegung und Umsetzung von den Bundesligen bis zur Basis ist: „Ihr braucht Akzeptanz.“ Lutz Wagner empfiehlt den Schiedsrichtern, alle Fußballsendungen zu sehen, um alle möglichen Szenarien dieses Sports im Kopf zu haben. „Ihr müsst auf jede Situation eine Antwort haben.“

Wichtig sei vor allem das Verhalten nach einem Pfiff. „Ihr steht dann sofort im Fokus des Interesses. Alle schauen auf Euch“, erklärt Wagner, wo die Problematik liegt. Vorher werden gute Unparteiische so gut wie gar nicht wahrgenommen. Und sie sollen die Mannschaften studieren, mit denen sie es zu tun bekommen. Sein Beispiel aus der Bundesliga dazu ist Bayern München. „Die spielen mit zwei „falschen Außen“. Die zieht es immer wieder in die Mitte. Da musst du als Schiedsrichter dann wegbleiben.“ Und der FC Köln deckt bei Ecken die Pfosten nicht. Da kommt es leicht zu Abseitsstellungen.

Und immer wieder löst Lutz Wagner Erstaunen bei seinen Zuhörern aus. „Die meisten Fouls begehen die Stürmer,“ sagt er und nennt Bayern-Torjäger Robert Lewandowski. Warum? Wagner gibt die Antwort: „Nach einem Ballverlust müssen sie etwas tun, was sie eigentlich gar nicht können: Den Ball zurückerobern. Und wer etwas macht, was er nicht wirklich gut kann, weiß sich am Ende nur durch Foul zu helfen.“ Solche Fouls sind vorhersehbar. Ein Video mit Leverkusens Bellarabi zeigt einen klassischen Fall.

Die Zeit im Festsaal des Gambrinus vergeht wie im Fluge. Am Ende sind alle ein Stück weit klüger, es war eine Lehrstunde für die Schiedsrichter, wie sie sie nicht alle Tage erhalten. Lutz Wagners letzter Rat an seine Kollegen: „Geht positiv an die Sache ran. Und lasst Euch nicht unterkriegen!“