Harburg
Radsport

Die Geräte und Messungen lügen nicht

Marion Burigk aus Buchholz nutzt die Leistungsdiagnostik als Vorbereitung auf die Vattenfall-Cyclassics, um ihre Fitness zu steigern. Unterstützt wird sie dabei von Trainer Armin Raible, dem frühren Radsportprofi.

Buchholz. Es ist ja oft so bei Menschen, wenn sich etwas häufig wiederholt, gehen Staunen und Bewunderung verloren. Am Sonntag werden die 19. Vattenfall-Cyclassics in und rund um Hamburg gestartet. Mit den 158 Profi-Radsportlern werden dabei wieder mehr als 20.000 Frauen und Männer auf die unterschiedlich langen Strecken gehen. Die Jedermänner sind das Herzstück dieses sportlichen Großereignisses auf zwei Rädern. Man muss sich nur einmal bewusst machen, wieviel Fleiß, Mühe und auch Disziplin dazu gehören, um sich auf die 155 Kilometer langeStrecke zu wagen. Diese Männer und auch Frauen wie Marion Burigk, sind die eigentlichen Stars der Vattenfall Cyclassics.

Die blonde Frau im hautengen Radsport-Dress sitzt noch gelassen auf dem Ergometer. Marion Burigk tritt ruhig, aber sehr schnell. Beim Zuschauen ahnt man schon, dass die Bürokauffrau mehr als 10.000 Kilometer im Jahr mit ihrem Rennrad im Hamburger Umland unterwegs ist. Jetzt strampelt sie in einem Übungsraum, vor dessen Eingang ein Schild „Die Bewegungsschmiede“ ankündigt. Neben der Freizeitsportlerin steht Sebastian Rosenkranz, ein Sportwissenschaftler, und kontrolliert Kurven auf einem Bildschirm. Mit dabei Armin Raible aus Jesteburg, als Aktiver bei den Senioren und als Trainer und Lehrmeister für Freizeitradler erfolgreich.

Ein Piepton, und der Mann am Laptop steckt der Sportlerin ein Mundstück zwischen die Lippen. Mit einer Klammer wird ihre Nase geschlossen. „Neben der Leistung, der Wattzahl also, die Marion gerade tritt, messen wir ihren Puls“, erläutert Sebastian Rosenkranz, „dazu wird die Luft, die sie bei jedem Atemzug ein- und ausatmet, gemessen und analysiert. Sehen Sie, hier wird der Sauerstoff- und hier der Kohlendioxid-Gehalt festgehalten. Wissen Sie“, fügt der Sportwissenschaftler an, „in Wahrheit kann man einem Menschen nicht ansehen, wie fit und leistungsfähig sein Körper ist. Aber unsere Geräte und Messungen, die lügen nicht.“

Leistungsdiagnostik heißt das moderne Zauberwort, das vor allem auch im Gesundheits- und Freizeitsport eingesetzt wird, um das Herz-, Kreislauf- und Lungensystem und auch den Energiestoffwechsel zu kontrollieren und zu optimieren. Damit hat sich auch Marion Burigk in enger Zusammenarbeit mit Trainer Armin Raible auf die Cyclassics vorbereitet.

„Wenn der Mensch in Gefahr gerät“, geht der Leistungsdiagnostiker auf die Mechanismen zurück, die in den Genen verankert sind. „Wenn also Stresshormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Kortisol unseren Blutdruck hoch schießen lassen und die Muskulatur in Alarmbereitschaft versetzen, gibt es zwei Möglichkeiten – kämpfen oder fliehen.“ Dieses „Kämpfen oder Fliehen“ aber hat der moderne Büro- und Automensch im Sport vereint.

„Wenn ich früher Ärger und Stress im Büro hatte“, meldet sich Marion Burigk, während sie auf dem Ergometer sozusagen den ersten Berg bezwingt, „habe ich wie verrückt in die Pedalen getreten. Auch da war ich schon vier- und auch fünf Mal in der Woche zwei Stunden mit dem Rennrad unterwegs. Und meist war ich platt und bin zu Hause häufig sofort ins Bett gefallen.“ Ihrem Körper aber hat sie dadurch oft mehr geschadet als ihn aufgebaut.

„Die meisten Anfänger machen den Fehler, zu schnell zu viel zu wollen“, schaltet sich Armin Raible ein. „Im Radsport treten sie die ganz dicken Gänge. Meine erste Lektion ist deshalb, kleine Gänge fahren, sich aber angewöhnen, schnell und rhythmisch zu treten.“

Marion Burigks Tritte sind langsamer geworden. Ihr Atem geht schwerer. Gesicht und Arme sind gerötet. Erste Schweißperlen glänzen auf der Stirn. Auf dem Bildschirm werden 180 Watt angezeigt. In der Natur wäre das schon ein ordentlicher Anstieg. Der Puls ist auf 168 Schläge in der Minute geklettert. „Als wir im Frühjahr mit der Leistungsdiagnostik begannen“, sagt Sebastian Rosenkranz, „hatte sie bei dieser Leistung noch einen Puls von 180. Zehn bis zwölf Herzschläge weniger in der Minute, das zeigt eine enorme Leistungssteigerung an. Mehr kann man in diesen Monaten gar nicht erreichen.“ Noch ein Faktor für gesteigerte Fitness wird bei der Atemanalyse errechnet. Im Frühjahr verbrauchte die fleißige Bürokauffrau bei einer Stunde auf dem Rad 670 Kilokalorien.

Der Körper geht viel ökonomischer mit seinem Kraftstoff um

Inzwischen sind es rund 50 Kilokalorien weniger. Ihr Körper geht also viel ökonomischer mit seinem Kraftstoff um. Der ist, Fitness-Freaks wissen das längst, in zwei Hauptdepots angelegt. Das Fett ist besonders energiehaltig, benötigt zum Verbrennen aber viel Sauerstoff. Die Kohlehydrate benötigen weniger Sauerstoff, sind aber schneller verbraucht. Im Sport kann man nun trainieren, dass der Körper seine Energie länger aus den Fettdepots bezieht. Wenn Marion Burigk eine Leistung von 140 Watt bringt, hört bei ihr die Fettverbrennung auf. Das zeigt eine grüne Kurve auf dem Display. Bei Armin Raible aber, noch immer ein Hochleistungssportler, hört die Fettverbrennung erst bei 300 Watt auf. Seine Ausdauer und seine Kraftreserven sind also viel größer.

Auf den Messdaten des Leistungsdiagnostikers hat Armin Raible wöchentlich die Trainingspläne für Marion Burigk aufgebaut. „Nach dem Training fühle ich mich frischer“, sagt sie, „und insgesamt viel wohler.“

Im vergangenen Jahr hatte sie für die 155 Kilometer bei den Vattenfall-Cyclassics vier Stunden und 17 Minuten benötigt. Wenn die Buchholzerin am Sonntag über die Ziellinie an der Mönckebergstraße fährt und ihre Stoppuhr bei vier oder noch weniger Stunden anhält, dann wird ein gewaltiges „Yes“ die Zuschauer erschrecken. „Besser und stärker zu sein als im vergangenen Jahr“, sagt die Frau auf dem Ergometer, „das fühlt sich so wunderbar an. Solche Emotionen werde ich im Büro definitiv nie erleben.“