Lüneburg

Ein netter kleiner Stadtteilverein

Die aus dem Arbeitersport hervorgegangene Lüneburger Sportvereinigung wird 100 Jahre alt. Gegründet wurde sie 1913 von Fußballern der Arbeiter-Turnerschaft Lüneburg.

Lüneburg. "Frisch, frei, stark, treu", lautete der Wahlspruch auf dem roten Banner. Von 1893 bis zur Zerschlagung durch die Nationalsozialisten 1933 gab es in Deutschland die Arbeitersport-Bewegung mit bis zu 1,5 Millionen "Genossen". Zwar wurden nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zahlreiche Vereine im Geist dieser Tradition wieder gegründet, doch erinnern heute nur noch wenige Clubs an ihre Wurzeln im Arbeitersport. Ein kleiner Verein in Lüneburg bildet eine Ausnahme: die Lüneburger Sportvereinigung (LSV) - gegründet am 27. Juni 1913 von Fußballern der Arbeiter-Turnerschaft Lüneburg (ATL). 1924 wurde der Verein in Freie Sportvereinigung Lüneburg (FSL) umbenannt und fusionierte 1971 mit dem ebenfalls aus der Arbeitersportbewegung hervorgegangenen Hagener Sportverein zur Lüneburger SV.

Am Anfang der Gegenbewegung stand der Aufruf des Vorsitzenden der vom nationalistisch orientierten "Turnvater Jahn" inspirierten Deutschen Turnerschaft (DT). "Alle Sozialdemokraten und sonstige verderbliche Elemente" seien aus der DT und ihren Vereinen auszuschließen, forderte ihr Vorsitzender Theodor Georgii 1883 in der Deutschen Turnzeitung. So kam es zur Gründung des Arbeiter-Turner-Bundes (ATB, ab 1919 ATSB) im Mai 1893 in Gera. Diesem Bund schloss sich die am 26. Mai 1894 ins Leben gerufene Arbeiter-Turnerschaft Lüneburg an. Die Anfangsjahre waren beschwerlich: Die Behörden drangsalierten die Sportler, die in unbeheizten Schuppen, später Gasthaussälen, turnten.

Die Arbeitersportler kritisierten den übertriebenen Wettbewerb und Hochleistungssport mit seinen kommerziellen Auswüchsen. Das Motto lautete: Breiten- statt Leistungssport. Diesem Gedanken ist der Club treu geblieben. "Meisterschaften und Titel haben wir selten geholt", sagt Ralf Pagels, seit 2009 Vorsitzender des 420 Mitglieder zählenden Vereins. Fußball wird immer noch gespielt. Außerdem existieren die Sparten Aerobic/Tanzen, Laufen, Ringen, Schwimmen, Senioren-Sport und Tischtennis. "Unser Ziel ist es, ein breites Angebot zu schaffen", sagt Pagels, "in der nächsten Saison gibt es sogar American Football."

Der Aufnahme moderner Sportarten zum Trotz lebt die Tradition fort. Zwar werden heute keine sozialistischen Kampflieder angestimmt und Neumitglieder nicht mehr als "Genossen" bezeichnet, aber, so betont Pagels: "Wir wissen, woher wir kommen und sind auch heute kein bürgerlicher Turnverein, sondern ein Verein der kleinen Leute." Die LSV bezeichnet der Rechtsanwalt als "netten kleinen Stadtteil-Verein", der für alle Bevölkerungsgruppen offen sei. "Bei uns sind Russen, Türken und Araber Mitglieder, beim Sport lerne man sich am besten kennen."

Pikant: Dass die Frühgeschichte des Vereins aus den Tiefen der Archive an das Licht der Öffentlichkeit befördert wurde, verdankt die LSV ausgerechnet zwei mit dem bürgerlichen Konkurrenzverein Lüneburger SK Hansa eng verbundenen Chronisten: Erhard Rölcke und Erich Husmeier. Früher habe man sich beim Fußball die Beine poliert, heute arbeite man eben zusammen, schmunzelt Vereinschef Pagels. Die beiden Hobbyhistoriker haben jeweils 1000 Stunden in Archiven gewühlt, Fotos von alten Vereinsmitgliedern herausgesucht und zu einer bunt illustrierten Chronik zusammengefügt - eine ehrenamtliche Leistung, die höchste Anerkennung verdient.

Den Spürnasen ist das Auffinden von "Schnipseln" wie der Protokoll-Notiz von 1924 zu verdanken: "Auf den Versammlungen wurden des Öfteren die Themen säumige Beitragszahler und die Warnung, besonders an die Jugendlichen, bezüglich eines übermäßigen Alkoholgenusses und Nikotin-Konsums angesprochen. Die Versammlungen endeten in der Regel mit dem Singen von Liedern."

Die Autoren schildern auch das Ende der Bewegung in der Nazizeit 1933. Im Mai wurden die letzten Vereine des Arbeiter-Turn- und Sportverbandes verboten, das gesamte Sportmaterial beschlagnahmt. Den Sportplatz übernahm der Militärsportverein Lüneburg. Vergessen sind Verbote und Verfolgung aber nicht. In Erinnerung an den der Freien Sportvereinigung angehörenden Hermann Niemann wurden in Lüneburg und Adendorf Straßen nach dem sozialdemokratischen Widerstandskämpfer benannt. Niemann kam 1940 im KZ Sachsenhausen um, sein Vereinsgenosse Jakob Lengel überlebte eine zweijährige Internierung im KZ Buchenwald. Lengel hatte Glück: 1939 gelang ihm die Ausreise nach England, ein Jahr später emigrierte er in die USA.