Kolumne „Adolphsens Einsichten“

„Amerikas Gotteskrieger“

| Lesedauer: 4 Minuten
Helge Adolphsen
Der Abendblatt-Kolumnist und ehemalige Michel-Pastor Helge Adolphsen auf dem Grossneumarkt

Der Abendblatt-Kolumnist und ehemalige Michel-Pastor Helge Adolphsen auf dem Grossneumarkt

Foto: Michael Rauhe

Ein Buch der Autorin Annika Brockschmidt beschreibt, wie die Religiöse Rechte die Demokratie gefährdet.

Amerikas Gotteskrieger“ – Das ist der Titel des Buches der Historikerin und Journalistin Annika Brockschmidt. Untertitel: „Wie die Religiöse Rechte die Demokratie gefährdet“. Auf 400 Seiten beschreibt sie detailliert, wie der religiöse und politische Nationalismus und Fundamentalismus in den USA funktioniert. Sie deckt die Lügen, Unterstellungen, Hasstiraden und Verunglimpfungen derer auf, die gegen Demokratie und freie Meinungsäußerung wettern.

Die Rechten punkten mit ihrem Aushängeschild Trump. Kleine Kostprobe: Er hetzt gegen Migranten. Seine Anhänger und Gefolgsleute wähnen sich im Krieg gegen satanische Mächte. Symptomatisch das Foto, das um die Welt ging: Trump mit der Bibel in der rechten Hand, um so die konservativen Christen unter den Weißen zu ködern. Propaganda für einen christlichen Nationalismus. Diese Vereinnahmung und Benutzung von Religion für politische Zwecke ist aus der Vergangenheit bis heute bekannt, auch in unserem Land. Eine wahrhafte gefährliche und wirksame Liaison!

Religiöse Rechte ist kein Randphänomen der weißen christlichen Evangelikalen

Brockschmidt betont zu Recht, dass die religiöse Rechte kein Randphänomen der weißen christlichen Evangelikalen ist. Man denke nur daran, dass vor kurzem in einem Staat der USA das liberale Abtreibungsrecht von 1973 unter Berufung auf das Oberste US-Gericht gekippt worden ist. Ab sofort wurden in Missouri Abtreibung bei Strafe verboten. Es gibt viele Organisationen und Medienimperien, die das Wachsen eines konservativen bis ultrakonservativen weißen Christentums kräftig befördern. Die evangelikalen frommen Christinnen sind auch politisch fromm. Ihr Anspruch gilt der Nation.

Trump wurde nicht müde, sein Mantra zu verkündigen: „America first!“ Religion verbürgt den Evangelikalen auch die kollektive Identität. Die alte und immer neue Versuchung: Die Nation wird religiös aufgeladen und überhöht.

Strategie und Vorgehen gleichen einer militärischen Kriegsführung. Erinnerungen an schreckliche „Heilige Kriege“ und Kreuzzüge werden wach. Aber so neu ist das alles nicht in den USA. Christliche Nationalisten haben schon Reagan ins Weiße Haus gebracht. Die große Gefahr ist, dass Trump bei den Präsidentschaftswahlen 2024 wieder gewählt werden könnte. Brockschmidt: Trump wurde zu einer messianischen Gestalt überhöht. Er sei wie König David im alten Israel. so die Autorin. Der hatte auch Dreck am Stecken.

König David ist anders als Trump in sich gegangen und hat seine Schuld eingeräumt

Er nahm sich die überaus hübsche Frau seines Feldhauptmanns zur Frau und sorgte dafür, dass der gehörnte Ehemann in einer Schlacht fiel. Aber König David ist anders als Trump in sich gegangen und hat seine Schuld eingeräumt und bitter bezahlt. Trump dagegen produziert weiter Feindbilder und Lügen, dass sich die Balken biegen. Und er erfindet raffiniert und demagogisch clevere Verschwörungserzählungen.

Wie sieht das politisch aus? Der Kapitalismus Trumps nimmt keine Rücksicht auf die gravierenden und zunehmenden sozialen Probleme. Der Kapitalismus wird religiös gefärbt und begründet. Reichtum wird als Bestätigung von Gottes Segen verstanden. Die Autorin schreibt von einer „Wohlstandreligion“. Die Rollen der Geschlechter werden konservativ besetzt: Männer sind die Dominanten und Starken, die Frauen müssen hübsch, aber willenlos sein. Noch abstruser: Jesus wird zum Vorbild für die männliche Stärke und das Überlegenheitsgefühl.

Für uns hier wirken solche Klassifizierungen und Rollenzuschreibungen nur komisch oder beschränkt. Kaum zu glauben: Jenseits des großen Teiches wird die plurale und liberale Gesellschaft als gefährlich und sogar als dämonisch gebrandmarkt.

Wahlspruch „In God we trust“ für politische Zwecke missbraucht

So wird Religion und der offizielle Leit- und Wahlspruch der USA „ In God we trust“ für politische Zwecke missbraucht.

Die Autorin geht auch ein auf das wortwörtliche Verständnis der Bibel durch die religiösen Nationalisten. Eine kritische Auseinandersetzung mit den zeitbedingten Texten wird verachtet und bekämpft. Dem liegt ein vorgestriger und beschränkter Umgang mit historischen religiösen Texten zugrunde. Wer jeden Satz der Bibel wörtlich nimmt, läuft Gefahr, Zitate wie Waffen oder als Totschlaginstrument zu benutzen. Und vergisst zudem, dass Verstand und Vernunft auch gute Gaben des Schöpfers sind. Der kritische Zeitgenosse, der die Entwicklung im Land der unbegrenzten (!) Möglichkeiten beobachtet, schüttelt vor so viel Ignoranz, Verdrehungen und Wahrheitsarroganz den Kopf. Und befürchtet, dass der Freiheitsstatue in New York irgendwann die Augen verbunden werden.

Und dass die Demokratie den Bach runtergeht und der Lügner und Demagoge Trump 2024 wiedergewählt werden könnte.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Harburg