Kultur Harburg

Rieckhof: Die Chronik einer kalten Abwicklung

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Lars Hansen
Am Rieckhof ist heute Schlüsselübergabe. Danach erhalten die ehemaligen Betreiber Betretungsverbot.

Am Rieckhof ist heute Schlüsselübergabe. Danach erhalten die ehemaligen Betreiber Betretungsverbot.

Foto: Lars Hansen / xl

Durchgesteckte Mails, Befangenheiten, undurchsichtige Beweggründe: 14 Monate lang hielt der Rieckhof den Bezirk auf Trab.

Harburg.  Heute übergibt der „Verein Freizeitzentrum Harburg“ die Schlüssel für das Kulturzentrum Rieckhof an das Bezirksamt. 37 Jahre und neun Monate nach Eröffnung des Rieckhof gibt der Verein damit die Verantwortung für das Haus ab. Freiwillig geschieht das nicht. Der Vereinsvorstand Christoph Meyer-Bohl und der Rieckhof-Geschäftsführer Jörn Hansen hätten gerne weitergemacht.

Mehrere tausend Harburger unterschrieben gegen den Rauswurf des Vereins. Es war das Bezirksamt, unterstützt von der rot-grünen Abgeordnetenmehrheit der Bezirksversammlung, das die Trägerschaft des Hauses neu ausschreiben wollte und diesen Plan durchzog. Die etwas über einjährige Chronik des Vorgangs steckt voller Ungereimtheiten, Wirrungen und Pannen.

Kulturzentrum Rieckhof: Ausschreibung vor einem Jahr geplant

Es ist Ende April 2021, als die Sozialdezernentin – sie ist auch für Kultur und Gesundheit verantwortlich – des Bezirks Harburg, Anke Jobmann, das Abendblatt zu einem Hintergrundgespräch ins Rathaus einlädt und dort verkündet, dass sie die Trägerschaft des „Rieckhof“ zum Jahreswechsel neu auszuschreiben gedenkt.

Zur selben Zeit sitzt die Leiterin des Fachamts Sozialraummanagement, Sonja Wichmann, im Rieckhof und informiert Jörn Hansen. Jobmann und Wichmann halten den Zeitpunkt für gekommen, weil Hansen, der das Haus seit Eröffnung leitet, demnächst das Rentenalter erreicht. Jörn Hansen hat andere Pläne: Erstens will er zwei Jahre an seine Lebensarbeitszeit anhängen und zweitens in dieser Zeit seine Stellvertreterin Ulrike Niß an die Übernahme heranführen. Es wird laut.

Das Abendblatt und einige Onlinekanäle verbreiten die Kunde

Die bei Hintergrundgesprächen übliche Vertraulichkeit ist bei Nachrichten solcher Tragweite hinfällig. Das Abendblatt und einige Onlinekanäle verbreiten die Kunde. Sofort regt sich in Harburg Protest. Zunächst stellen sich lediglich die Harburger Grünen auf die Seite des Bezirksamts: Das Angebot des Rieckhofs ginge an seinem direkten Einzugsgebiet, das von jungen Migranten geprägt sei, vorbei. Deshalb habe man bereits in den Koalitionsverhandlungen mit der SPD vereinbart, dass sich der Rieckhof ändern müsse. Die SPD interpretiert den Koalitionsvertrag anders, trägt die Rieckhof-Neuvergabe aber kleinlaut mit.

Bereits einen Monat nach der Ankündigung der Neuausschreibung präsentiert das Bezirksamt im Kulturausschuss Pläne für einen massiven Umbau des Rieckhofs, die weit über die notwendige bauliche Sanierung hinausgehen. Unter anderem soll der Saal „gedreht“ werden und die breite Tribüne verlieren. Kurz darauf erhalten die Architekturfantasien einen Dämpfer: Die Kulturbehörde stellt das Gebäude unter Denkmalschutz.

Unterschriften von fast 2400 Harburgerinnen und Harburgern

Noch einen Monat später werden im Rathaus die Unterschriften von fast 2400 Harburgerinnen und Harburgern übergeben, die sich gegen die Neuvergabe des Hauses aussprechen. Die Verwaltung zeigt sich wenig beeindruckt.

Im August erhält der Rieckhof eine Gnadenfrist: Das Bezirksamt merkt, dass es die Neuausschreibung per Interessenbekundungsverfahren bis zum Jahresende nicht fristenwahrend durchführen kann. Eine Weiterfinanzierung bis heute wird beschlossen; das Verfahren aber weiter vorbereitet.

Im Oktober formuliert das Bezirksamt erste Anforderungen an einen neuen Träger. Sie sind geprägt von sozialen Aufgaben, die bislang nie im Lastenheft des Hauses gestanden haben und erarbeitet von Diskussionsteilnehmern, die das Haus zum Teil nach eigenen Angaben nie besucht haben.

Im November stellt sich die Frage, ob das Bezirksamt bereits gezielt zwei Institutionen aufgerufen hat, sich um den Rieckhof zu bewerben. Das Bezirksamt verneint: Es habe eine allgemein versandte Aufforderung gegeben, nie eine gezielte. Zumindest eine der Institutionen berichtet aber von einer entsprechenden telefonischen Anregung aus dem Harburger Sozialraummanagement. Im Zusammenhang mit dieser Frage werden den Medien anonym interne Mails des Bezirksamts zugespielt. Tenor: Auf Presseanfragen möglichst diffus antworten. Interimspressesprecherin Wrenda Kapoor versteht sich darauf.

Neu: „Bürger:innenhaus Harburg“

Kurz vor Jahresende 2021 sieht es so aus, als gebe es kaum Bewerber für den Rieckhof, den das Bezirksamt mittlerweile konsequent „Bürger:innenhaus Harburg“ nennt. Bekannt ist, dass sich die elbe-Werkstätten, die schon mit dem aktuellen Träger kooperieren, nun um das gesamte Haus bewerben. Außerdem hat das Rote Kreuz Interesse bekundet, zieht aber wieder zurück – unter anderem, weil die Grünen-Kulturpolitikerin Heinke Ehlers im Harburger DRK-Vorstand ist und das DRK den Eindruck der Unlauterkeit vermeiden möchte. Kurz vor Ende der Frist am 31. Januar meldet auch die Kulturgenossenschaft „Dreifalt“ öffentlich Interesse an.

Zwei Wochen nach Fristende spielt eine anonyme Quelle den Medien die Bewerberkonzepte zu: Neben den bekannten, Elbe und Dreifalt, gibt es drei weitere: Stiftung Kulturpalast, I-Team und Bürgerhaus Wilhelmsburg. Das Bezirksamt ist verärgert über die Veröffentlichung, unternimmt selbst aber nichts. Allerdings rät der zuständige Abteilungsleiter im Fachamt, Mathias Eichhorn, den Bewerbern offensiv, die Medien wegen der Veröffentlichung zu verklagen. Der Harburger Integrationsrat zieht sich aus der Auswahljury zurück: Eine Vertreterin des I-Teams ist auch Mitglied des Integrationsrats. Außerdem kritisiert der Rat das Verfahren als von oben gelenkt.

Rieckhof: Mitglieder erhalten Betretungsverbot

Mitte März ist das Verfahren gelaufen: Der Kulturpalast Billstedt soll den Rieckhof übernehmen. Die Zustimmung der Bezirksversammlung steht noch aus. Dennoch werden bereits Absagen an die anderen Bewerber verschickt. Die Zustimmung verzögert sich noch bis Ende Mai.

Nahtlos übernehmen wird der Kulturpalast nicht, obwohl er das möchte: Erstens stehen noch Sanierungsarbeiten an, die sich über Monate hinziehen, zweitens ist noch strittig, wem das technische Interieur des Hauses gehört – Verein oder Bezirk – und drittens sind Namensrechte strittig. Der Verein Freizeitzentrum soll den Rieckhof heute besenrein übergeben. Danach haben seine Mitglieder Betretungsverbot.

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